Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 13. Februar 2020

Kohlegeruch in der Nase

12. Februar: Experten: Klimaplan des Senats beruht auf falschen Zahlen

Kritik am Senat ist häufig berechtigt, im Falle des Klimaplans nicht, jedenfalls nicht wegen falscher Zahlen. Wenn die Ausgangsbasis 1990 auf unsicheren Zahlen beruhte, zeigt das nur eines: Die Daten über Luftverschmutzung waren eben zumindest bis 1990 nicht zuverlässig. Das wurde schon von vielen Experten vermutet. Freuen wir uns, dass schon damals mit der Wende nicht nur die Elbe sauberer wurde, sondern auch die Luft deutlich besser war als aufgrund schlechter Daten vermutet. Ich kann mich noch an die Luft der 50er-und 60er-Jahre erinnern. Allein den Geruch der damals noch üblichen Kohleheizung habe ich noch in der Nase. Den Braunkohlegeruch, in der DDR mal außen vor gelassen.

Jürgen Schmidt

Hamburg verliert Charakter

12. Februar: Blaue Brücke wird abgerissen. Neue Fußgängerampel soll Bauwerk auf der Willy-Brandt-Straße ersetzen

Genug Hamburger haben ihr Herz an das Ensemble Brücke/Bundesbank verschenkt und wissen noch heute, dass die Bank nur mit der Auflage, diese Brücke zu bauen, ihr Bundesbankgebäude errichten durfte! Kulturbanausen an den Schaltstellen dieser „Weltstadt mit Herz“ sorgen an den verschiedensten Stellen dafür, dass sie ihren Charakter verliert. Die Elbbrücken sollten auch schon mal weg, als nächstes die Grindelhochhäuser und das Rathaus?

Christian Enger

Augenwischerei

Warum muss jedes größere Bauprojekt, das ausschließlich kommerziellen, renditeorientierten Interessen dient, der Öffentlichkeit gegenüber immer mit Superlativen aller Art verkauft werden? So heißt es in schönster Pressetextlyrik der Projektentwickler: Die Brücke werde „zurückgebaut“, und die Neubebauung sei eine „historische Chance“. Unsinn, die Brücke wird abgerissen und mit diesem Bürohaus – die Backsteinverkleidung ist wohl wieder einmal als Hamburger Reminiszenz gedacht – vermag ich eine „Vermittlung“ zwischen den Häusern am Deichstraßenfleet und der Bebauung an der Willy-Brandt-Straße nicht zu erkennen.

Wolfgang Kirmse

Über den Tisch gezogen?

12. Februar: Bahnhof am Diebsteich kann gebaut werden. Verkehrsclub will seine Klage zurückziehen

Als Mitglied im Verkehrsclub Deutschland Nord (VCD Nord) habe ich die Klage gegen die Verlegung des Bahnhofs Altona an den Diebsteich mit meiner Spende unterstützt. Jetzt fühle ich mich verraten und verkauft. Ich hatte unseren Vorstand gebeten, dass eine mögliche Rücknahme der Klage der VCD-Mitgliederversammlung zur Billigung vorgelegt wird. Nun wurde in dem Verständigungspapier mit Stadt und Deutscher Bahn ohne Not vereinbart, dass die angestrebte Einigung rechtsverbindlich bis spätestens 31. März beim Oberverwaltungsgericht zu Protokoll zu geben ist, also wohl kurz vor der jährlichen VCD-Mitgliederversammlung. Hat der VCD-Vorstand Angst vor seinen eigenen Mitgliedern? Hinzu kommt, dass der VCD sich dem Vorwurf aussetzt, sein Klagerecht verkauft zu haben – das Einigungspapier sieht ein ominöses „Dialogforum“ für die 2020er-Jahre vor, das mit „angemessenen Sach- und Personalmitteln“ und einem „Verfügungsfonds in Höhe von jährlich bis zu 150.000 Euro“ ausgestattet wird. In diesem „Dialogforum“ sitzt der VCD dann mit den anderen „Partnern“ der Verständigung: der Stadt, der DB Netz AG und DB Station&Service AG. Das heißt, die DB hält die Hälfte der Sitze und kann alles blockieren, was ihr nicht passt, selbst wenn VCD und Stadt sich einig sein sollten. Wie kann man sich so über den Tisch ziehen lassen?

Peter Schönberger

Nicht mit allem beschäftigen...

11. Februar: Deutschland, eine hysterische Republik

Ich habe ebenfalls das Gefühl, das mit fortschreitender Entwicklung der Medienlandschaft jede noch so kleine Gegebenheit zur weltweiten Krise aufgebauscht wird. Haben wir denn keine anderen Themen, die uns mindestens ebenso beschäftigen sollten? Ich glaube, die Menschen (und deshalb auch die Medien) lieben diese apokalyptischen Betrachtungen. Quoten, Verkaufszahlen, Abonnenten, Stakeholder sind die Triebfedern und schüren diese Entwicklung. Letztendlich muss jeder für sich entscheiden, wie weit er sich „mitziehen“ lassen will. Ich für meinen Teil, überlese und überhöre Nachrichten, die meine Empfindung für ein Thema überbeanspruchen. Eine Sache wird dadurch nicht weniger wichtig für mich. Egal ob es um Antisemitismus, Klimawandel, Politik oder Feuer in Australien geht. Ich lasse da schon mal etwas links liegen, weil es mich über Gebühr belastet. Sicher auch ein Grund, warum es so viele depressive Menschen gibt mittlerweile. Alles was da so auf einen einprasselt, kann man nur bei ausgeprägter Resilienz ohne Schaden aushalten. Danke, Herr Iken und passen Sie auf, das auch „Ihr“ Abendblatt den Bogen nicht so oft überspannt.

Jens Sendel

Verhaltenskodex für Medien

Ein ausgezeichneter Artikel, der mir aus dem Herzen gesprochen hat. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Medien einen verantwortungsvollen Verhaltenskodex für ihre Zunft aufstellen und danach handeln.

Maria Arndts

Verspätete Kritik

In Teilen stimme ich mit den durchaus amüsanten Ausführungen Ihres Essays überein, nicht aber mit allen Übertreibungen. Insbesondere nicht mit dem leichtfertigen, wiederholten Begriff „hysterische Republik“, aus folgendem Grund: Im Juli 2017, zum Zeitpunkt des G-20-Gipfels, bezeichneten Sie die Hamburger Bürger ebenfalls wiederholt als „hysterisch“ in Ihrem Artikel. Ich war ziemlich empört und verärgert darüber, denn unsere Sorgen waren mehr als berechtigt und nicht „hysterisch“. Unsere Kinder wohnten am Schlump mit Blick auf Straßensperrungen und ein martialisch schwarz gekleidetes Polizeiaufgebot vor der Tür, ein Neugeborenes und ein Kleinkind in der Wohnung, ohne Einkaufsmöglichkeit, der Ehemann aktiv arbeitend im Krankenhaus… Ich wollte sofort meiner Empörung Luft machen, hatte aber zu tun, der Kinderfamilie irgendwie zu helfen. G20 ist längst vergessen. Der „Hysterievorwurf“ ist durch Ihren heutigen Artikel wieder hochgekommen.

Margarethe Dembeck

Antiquierte Vorstellungen

Bravo, Herr Iken! Bin sehr erleichtert, dachte schon, ich gehöre jetzt zum alten Eisen mit meinen antiquierten Vorstellungen von Katastrophen und Weltuntergängen.

Marina Sandmeier

Unzutreffende Behauptung

11. Februar: Zum Leserbrief ,AfD-Wähler: unsere Nachbarn‘

In dem Leserbrief „AfD-Wähler – unsere Nachbarn“ wird behauptet, die AfD sei vom Bundesverfassungsgericht (BVerfG) „noch … als demokratische Partei akzeptiert“. Das Gericht hat sich zu dieser Partei noch nicht geäußert, weil es zu keinen politischen Sachverhalten öffentlich Stellung nimmt und von berechtigten Antragstellern noch nicht angerufen wurde. Zwar ist bis zu einem Verbot davon auszugehen, dass diese Partei nicht verbindlich für verfassungswidrig erklärt wurde, daraus kann man aber nicht ableiten, das BVerfG akzeptiere die AfD als noch verfassungsgemäß. Das ist eine sachlich und rechtlich unzutreffende Behauptung, aber keine Meinungsäußerung. Mit Rücksicht auf den für unseren Parteienstaat derzeit besonders sensiblen Sachverhalt bitte ich darum klarzustellen, dass man das herausragend wichtige BVerfG nicht als Beleg oder gar als eine Art Zeugen dafür bezeichnen kann, die AfD sei noch als demokratische Partei zu akzeptieren. Es ist davon auszugehen, dass das Gericht die Existenz dieser Partei bis zu einem möglichen Verbotsverfahren schlicht ignoriert.

Dr. Thomas Weise