Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 11. Februar 2020

AfD-Wähler: unsere Nachbarn

10. Februar: Nach Thüringen: Viele FDP-Plakate in Hamburg beschmiert

Sicher hat die FDP in Thüringen einen Fehler gemacht und Lindner hat zu spät reagiert. Wer aber gibt Andersdenkenden das Recht, etwa in Hamburg FDP-Plakate zu beschmutzen? Das ist derselbe Mobgeruch wie er von Björn Höcke ausgeht. Statt einfach nur mal wieder los zu schreien gegen die AfD, sollten wir uns langsam fragen, warum in Thüringen 23 Prozent die AfD gewählt haben. Das sind keine Radikalen sondern unsere Nachbarn, die Tür an Tür mit uns leben. Und noch ist die AfD vom Bundesverfassungsgericht als demokratische Partei akzeptiert.

Dr. Dr. Dietger Heitele

Naivität oder Kalkül?

8./9. Februar: Lindner gibt sich zerknirscht. Der FDP-Chef räumt öffentlich Fehler ein, nachdem die Partei ihm ihr Vertrauen ausgesprochen hat

Christian Lindner, der Anführer einer kleinen Partei, ist im Gegensatz zu zwei Dritteln der Thüringer der Ansicht, Bodo Ramelow sei nicht der richtige Kandidat als Ministerpräsident. Aber offenbar hält er seinen Parteikollegen Thomas Kemmerich auch nicht für geeignet, denn dann hätte er ihm nicht zum sofortigen Verzicht auf das Amt geraten. Aber wie wäre der Plan gewesen? Die bürgerliche Mitte hätte ja noch weniger Stimmen als Rot-Rot-Grün gehabt, wäre also auf die Unterstützung der Linken angewiesen gewesen, mit der man ja eigentlich nicht zusammenarbeiten will. Also man verweigert der Linken die Zustimmung, hofft aber andererseits darauf von ihnen toleriert zu werden. Ist das nun Naivität oder Kalkül, weil man doch noch auf Stimmen der AfD hoffte, was ja die einzige Alternative gewesen wäre? In jedem Fall hat die FDP jetzt ein Chaos angerichtet, und Herr Lindner sollte sich lieber zurückhalten, anstatt Ratschläge zu erteilen. Das Beste wäre, CDU und FDP enthielten sich bei der Wahl eines neuen Ministerpräsidenten, Bodo Ramelow führte die Regierung kommissarisch weiter, und es gäbe bald Neuwahlen, die dann hoffentlich zu stabilen Verhältnissen führen.

Peter Westendorf, Hamburg

Lukrative Kontrolle in der City

10. Februar: Straßen voll Schrottautos – Bezirk machtlos. Mitarbeiter verteilen mehr als 2300 Mahnzettel, doch die Besitzer der illegal abgestellten Fahrzeuge ignorieren sie einfach

Mit Schrottautos haben wir es in Wilhelmsburg nicht nur in der Rubbertstraße zu tun, sondern auch im Vogelhüttendeich. In der heruntergekommenen Straße stehen solche Rostlauben wochenlang auf dem Gehweg – mit einem gelben (!) Zettel, der oft von den Besitzern einfach entfernt wird. Wir als Anwohner bekommen tagtäglich die Machtlosigkeit von Polizei und Bezirk vorgeführt: Falschparker allerorten, tonnenschwere Transporter stehen auf Gehwegen, drücken deren Oberfläche ein. Einmündungen werden zugeparkt, dass kein Müllwagen und Feuerwehrfahrzeug mehr durchkommt. Meistens ungeahndet. Wenn ich das örtliche Polizeikommissariat 44 anspreche, bekomme ich zu hören, man könne wegen Personalknappheit nicht mehr tun. Dabei gäbe es eine Lösung: Der Landesbetrieb Verkehr könnte kontrollieren und die Polizei entlasten. Das macht der Eigenbetrieb der Verkehrsbehörde aber nicht. Aus „wirtschaftlichen Gründen“ kontrolliert er lieber in der Innenstadt, dort wo die Verstöße weit weniger gravierend sind.

Dieter Obele, Quartiersvertreter Vogelhüttendeich im Beirat für Stadtteilentwicklung Wilhelmsburg

Vielfältiges Sortiment

8./9. Februar: Weniger Autos, mehr Grün. Von der SPD geführte Stadtentwicklungsbehörde stellt Konzept für eine attraktivere Innenstadt vor

Was macht eine Innenstadt attraktiv? Hauptsächlich möchten die Kunden Einkäufe tätigen. Das war vor Jahren auch tatsächlich möglich. Wollte man Bekleidung oder Haushaltswaren kaufen, fuhr man in die Innenstadt. Lenffer, Lattorf, Hettlage, Boecker, Dyckhoff, Fahning, Beuthien, Baasler, Salamander, Elsner boten eine Vielfalt wie sie nur die Innenstadt bot. Fand man das gewünschte Stück nicht in dem einen, dann sicher im nächsten oder übernächsten Geschäft. Denn es waren nicht alle Sortimente gleich. Der Einkaufsbummel war also in der Regel erfolgreich und wurde mit einem Café- oder Restaurantbesuch abgerundet. Und meist kam man mit mehr nach Hause als eigentlich auf der Wunschliste stand. Die Innenstadt war belebt! Alle diese Händler gibt es nicht mehr. Die selbe Wirtschaft die nun den „Hilferuf“ an die Politik sendet, hat sich selbst den Boden unter den Füßen weggezogen, indem sie systematisch den Wettbewerb um sie herum an die Wand gedrückt und zur Aufgabe gezwungen hat. Suche ich heute ein Bekleidungsstück in der Innenstadt, reicht der Gang in ein Haus, denn in allen anderen sind die Sortimente deckungsgleich. Was soll ich also in der Innenstadt? Der Hilferuf der Wirtschaft an die Politik ist so lange ein Rohrkrepierer, solange die Wirtschaft sich nicht selbst neu belebt und Wettbewerb zulässt, Einzelhändlern vertretbare Ladenmieten anbietet und so zu einer neuen Vielfalt in der Innenstadt beiträgt. Gastronomie alleine reicht nicht. Alles andere wird nichts an der „Innenstadt-Müdigkeit“ ändern.

Sabine Balser, Hamburg

Nicht noch ein Solitär!

8./9. Februar: Synagoge nicht originalgetreu wiederaufbauen! Das wäre das falsche Signal, meint Architekturhistoriker Gert Kähler

Wenn ich lese, es soll ein internationaler Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau der Synagoge ausgelobt werden, ahne ich Schlimmes. Was dabei bisher herauskam, waren fast immer sogenannte Solitäre, die dem Ego des Architekten mehr dienten als dem Stadtbild. Warum sollte eine Rekonstruktion die Vergangenheit verleugnen? Nach dem Zweiten Weltkrieg sind überall wichtige historische Gebäude wieder aufgebaut worden, die gesamte Altstadt von Danzig wurde rekonstruiert. Wäre hier ein Wiederaufbau in moderner Architektur der Vergangenheitsbewältigung zuträglicher gewesen? Wohl eher nicht.

Dorothea Ehlers, Hamburg-Grindel

An jüdisches Leben erinnern

Dem kritisch-konstruktiven Gastkommentar von Gert Kähler ist in jedem Punkt zuzustimmen. Die verkleinerte Kopie einer in wilhelminischem Anbiederungsstil errichteten, 1938 in der „Reichspogromnacht“ von Hamburgern (!) zerstörten Synagoge wäre geschichtsverdrängende Symbolpolitik. Ohnehin sollte es bei dem Projekt nicht (nur) um die Wiedererrichtung eines orthodoxen Bethauses gehen, sondern vor allem um eine zukunftsweisende Erinnerung an jüdisches Leben in dieser Stadt insgesamt. Übrigens besaß Hamburg einmal die modernste Synagoge Deutschlands, den 1931 eingeweihten Israelitischen Tempel an der Oberstraße, seit 1953 im Besitz des NDR und heute ein Baudenkmal der Bauhauszeit. Auch an diese Tradition lässt sich mit einem internationalen Architektenwettbewerb für einen zeitgemäßen Synagogenbau anknüpfen.

Dr. Roland Jaeger, Hamburg

Viele Gründe für das Ende

7. Februar: Im Schlafwagen nach Paris. Bundesregierung zeigt sich offen für Ausbau des Nachtzugnetzes

Jahrzehnte bin ich mit DB-Nachtzügen unterwegs gewesen, bis zum wahrlich bitteren Ende. Hatte reichlich Gelegenheit auch mit dem Personal zu sprechen und zu schauen. Die Züge waren ausgelastet und ein Ende des Interesses nicht abzusehen. Die Bahn hatte einen eigenen Betriebsbereich daraus gemacht, mit einem aufgeblähten Verwaltungsapparat, vielleicht auch wie üblich als „Versorgungsstelle“ genutzt oder auch missbraucht. Die Kosten dieser Entwicklung sind von den Einnahmen nicht mehr zu decken gewesen. Dazu die unselige Wirkung von Herrn Mehdorn und anderen Dilettanten inklusive politischer Vorgaben für einen Börsengang. Das sollte wirklich nicht unterschlagen werden, schon allein, um das Verbrennen von Geld unter solchen Bedingungen zu vermeiden. Eine Wiederbelebung unter geänderten Bedingungen wäre unbedingt zu befürworten.

Andreas Scholz, Hamburg