Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 2. Januar 2020

Eine gute Orientierung

31. Dezember/1. Januar: ,Dinge beim Namen zu nennen, das ist unser aller Pflicht‘. Der Pianist Igor Levit füllt nicht nur Konzertsäle, er erhebt regelmäßig auch seine Stimme. Ein Plädoyer für Anstand, Menschlichkeit, Würde – und gegen das Wegsehen

Ich stimme diesem Plädoyer ohne Einwände zu. Es gibt mir eine Orientierung dafür, wie ich mich zu einem Ereignis, das sich vor kurzem bei uns ereignet hat, verhalten soll. Es ist die angebliche Satire „Meine Oma ist eine Umweltsau“. Diese Satire ist ein Paradebeispiel dafür, wie Spaltung, Anfeindung und Ausgrenzung harmlos daher kommen. Obwohl hier auf den ersten Blick der Bezug zum Antisemitismus, Rassismus nicht unmittelbar zu erkennen ist, ist gedanklich der Weg von der „Umweltsau“ zur „Judensau“ nicht weit. Diese Distanz kann sehr leicht übersprungen werden. Daher wünsche ich mir, dass die Macher der „Satire“ und Verantwortlichen für die Veröffentlichung ihr Plädoyer durchlesen und darüber reflektieren. Sie schreiben ganz richtig, dass Antisemitismus, Rassismus, Antifeminismus und Menschenverachtung in unserem Land keinen Platz haben sollten. Egal, in welchem Gewand sie daher kommen – ob direkt oder versteckt. Meine Orientierung, die ich aus dem Plädoyer mitnehme, ist, die Dinge beim Namen zu nennen. In meiner Weltanschauung kommt zuerst der Gedanke, dann die Sprache und danach die Tat. Es fängt immer klein und harmlos an und leider sind viele sofort bereit, es klein zu reden oder zu entschuldigen. Wagen wir den Aufstand für Anstand, Menschlichkeit, Würde und gegen das Wegsehen - so wie Sie es gesagt haben.

Michael Dembeck

Hilft nicht der Klimadebatte

30. Dezember: Leitartikel: Ruhe bewahren! Eine WDR-Satire sorgt für Aufregung

Der Kommentar geht an der Sache vorbei. Eine Satire kann und soll mit ihrer Kritik übertreiben oder auch untertreiben oder ironisieren. Eine Satire darf aber nichts Falsches vermitteln. In dem Lied wird wie kurz zuvor in der unsäglichen Kritik von „ Fridays for Future “ der älteren Generation pauschalierend vorgehalten, sie sei insbesondere verantwortlich für die Klimaprobleme, sie solle sich aus der Diskussion heraushalten, weil sie ohnehin bald abtrete. Bei einer durchschnittlichen Rente von deutlich unter 1500 Euro im Monat ist die Mehrheit der Rentner überhaupt nicht in der Lage, auf einem Kreuzfahrtschiff Urlaub zu machen. Sie können nicht wie andere , auch grüne Politiker, die sich als Vorreiter des Klimaschutzes sehen, übers Wochenende nach Mallorca fliegen. Sie fahren keine SUVs oder PS-starken Autos und können sich die oftmals teuren Bio-Lebensmittel nicht leisten. Natürlich gibt es das kritisierte Verhalten auch bei wohlhabenderen älteren Menschen genauso wie bei der jüngeren Generation. Es ist aus meiner Sicht völlig verfehlt, die ohnehin schwierige Klimadebatte mit einem Generationenkonflikt anzureichern. Die komplexen Fragen des Klimaschutzes, über die bereits sehr emotional und kontrovers diskutiert werden, sozial verträglich zu lösen, wird schwierig genug sein. Das Lied vom Kinderchor des WDR war alles andere als hilfreich.

Reinhard Wagner

Niveaulose Beleidigung

Ebensowenig wie Kunst alles darf (etwa jugendgefährdende Inhalte rechtfertigen), darf Satire alles. Satire darf übertreiben, spotten, kritisieren, lächerlich machen, aber niemals beschimpfen und beleidigen. Oma als „Umweltsau“ zu bezeichnen, ist eine grobe, nicht besonders niveauvolle Beleidigung, durch die eine rote Linie überschritten ist. Diskurs, auch satirischer, kann (und muss) zugespitzt sein, kann aber sehr gut ohne Beleidigungen auskommen. Pfiffige Satire wäre es gewesen, wenn der Refrain etwa gelautet hätte: „Oma ist ein alter Umweltfreak“. Es ist schade, wenn Auseinandersetzungen unter dem Deckmantel der Satire, die Kinder genauso wenig wie Ironie verstehen können, derart unnötig abgleitet.

Angela Braasch-Eggert

Nur Besonnenheit kann helfen

Der Aufruf zu mehr Besonnenheit ist das Einzige, was in dieser Situation helfen kann. Ich kann nicht recht nachvollziehen, wie man sich von den Textzeilen wie „zehnmal im Jahr ne Kreuzfahrt“ und „täglich billiges Discounter-Fleisch“ persönlich so angegriffen fühlen kann. Ja, der Refrain handelt von einer Oma. Es hätte auch ein Onkel oder eine Mutter oder ein Sohn sein können. Ich habe mich auch angesprochen gefühlt, weil wir immer noch Fleisch im Supermarkt kaufen. Es tut mir leid, wenn sich gerade ältere Menschen durch das Lied verletzt fühlen. Es ist auch nicht schön, wenn der Enkel jetzt von der „Oma als Umweltsau“ singt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass kleine Kinder häufig einfach die Erwachsenen imitieren. Je mehr man darüber spricht und sich davon provoziert fühlt, desto interessanter wird es. Nicht nur für die Kinder, auch für die Medien. Gerade deshalb ist der Leitartikel so wichtig. Weil er nicht weiter anheizen wollte, sondern sich kritisch mit den medialen Aufregungswellen auseinandergesetzt hat.

Jennifer Michelmann

Wo bleibt denn der Humor?

Wo ist der Humor geblieben? Das darf ja wohl alles nicht wahr sein. Ich bin selber elffache Oma und kann nur herzlich über diese neue Version von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ lachen. Ich fühle mich nicht angesprochen, denn ich fahre ja nicht im Hühnerstall Motorrad. Oder gibt es irgendwo eine Oma, die das macht? Wenn ja, darf sie sich auf den Schlips getreten fühlen, aber niemand anders und über personelle Konsequenzen nachzudenken, ist doch einfach nur lächerlich. Und ich finde, dass Herr Buhrow sich für nichts entschuldigen muss. Ich werde diesen neuen Text gerne mit meine Enkeln singen.

Monika Schröder, Quickborn

Satire ist nicht immer gekonnt

Satire darf alles? Das hätten manche selbst ernannten Satiriker gern. Ja, Satire kann sich jeden Themas annehmen, jedes „Was“ ist in unseren freien Gesellschaft erlaubt, doch nicht jedes „Wie“ ist gekonnt. Satire sollte mit dem Florett gefochten werden, nicht mit dem Säbel, erst recht nicht mit dem Hackebeil.

Dr. Ursula Augener

Sachliche Diskussion fehlt

Für mich zeugt eine Titulierung von Mitmenschen als „Sau“ von sprachlicher Verrohung, auch wenn es sich um eine Satire handelt. Erschwerend kommt hinzu, dass dieser Song von Kindern gesungen wurde. Daher kann ich das Fazit des Leitartikels nicht nachvollziehen, diese Satire zum Anlass zu nehmen, sich gegenseitig zuzuhören, Argumente auszutauschen und sich ehrlich verstehen zu wollen. Wenn der Song-Verfasser nachlegt: „Eure Oma war keine Umweltsau. Stimmt. Sondern eine Nazisau“, so ist für mich damit keine Grundlage für eine sachliche und argumentative Auseinandersetzung mehr gegeben. Ich kann dem Urteil zustimmen, dass damit Grenzen des Stils und des Respekts überschritten und die Kinder instrumentalisiert wurden.

Dr. Inge Blatt

Verrohung der Sprache

Ich hätte von Herrn Buhrow erwartet, dass er sich dafür entschuldigt, dass unter seiner Verantwortung ein Kinderchor mit diesem Text auftritt. Wie würde es wohl seine Frau finden, wenn die Enkel sie mit diesem Text beglücken? Für mich ist das eine Verrohung unserer Sprache, die gerade von den öffentlichen Medien geächtet werden sollte.

Gerti Fischer

Tritt unter die Gürtellinie

Was bitte hat „guter politischer Witz“ und „auf die Schippe nehmen“ mit dem Tritt unter die Gürtellinie und Kritik mit Beschimpfung gemein? Absolut nichts – zumindest nicht in meinem Verständnis und Sprachgebrauch. Doch im heutigen Zeitgeist scheint die Sprache der Gosse auf der Stufe der Normalität zu stehen. Ich bin mit den Gretas und Louisas nicht immer einer Meinung, aber ich würde niemals eine von ihnen als Aktivistensau bezeichnen. Und sind Sie wirklich sicher, dass Ihre Großmutter es als Witz belächelt, wenn der von ihnen so verteidigte Autor sie on top als Nazisau betitelt?

Gisela Langkamp