Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 3. Dezember 2019

Tschentschers Team stärken

2. Dezember: Die Selbstzerstörung der SPD. Mitgliederentscheid gegen Scholz zwingt die Partei auf einen Linkskurs – für Peter Tschentscher eine schlechte Nachricht

Wie immer bringt Matthias Iken es auf den Punkt: Es ist niederschmetternd, wie stark jetzt auch in der SPD der Sinn für Realität und Verantwortung durch nach innen gerichtetes Funktionärsdenken und irrationale Affekte verdrängt worden ist. Diese bittere Erkenntnis haben die zu verantworten, die die Mitgliederbefragung durchgesetzt haben. David Camerons Brexit-Referendum (mit fast gleichen „Erfolgszahlen“ von knapp über 50 Prozent) hätte warnen können. Auch der spielerische Umgang mit möglicher Regierungsverantwortung ist deprimierend. Wir wählen, um Entscheidungen zu ermöglichen. Wer sich für viel Steuergeld wählen lässt und dann realistische Gestaltungsmöglichkeiten verwirft, verdient keine einzige Wählerstimme. Noch gibt es in der SPD konkrete Beispiele erfolgreicher und ganzheitlicher Politikgestaltung, z.B. in Hamburg. Die Männer und Frauen um Peter Tschentscher muss man jetzt im Interesse der Demokratie stärken, auch wenn man sonst nicht SPD wählt, zumal auch tüchtigen Experten ohne Parteibuch Verantwortung übertragen wird. Im Februar können die Wähler in Hamburg ein bundesweit ausstrahlendes Zeichen setzen gegen realitätsferne Kräfte, Ideologen und opportunistische Berufspolitiker.

Dirk Reimers, ehem. Polizeipräsident und Staatsrat in Hamburg

Zwanghafte GroKo

Wie schnell und selbstherrlich vergessen Journalisten eigentlich das Werden der GroKo 2017? Nur auf Druck des Bundespräsidenten und Hartz-IV-Befürworters Steinmeier hat sich die nein-sagende SPD nach der Wahl 2017 zur GroKo in diese zwingen lassen. Und ein großer Europäer und SPD-Vorsitzender Martin Schultz musste gehen. Was haben zwei Jahre GroKo gebracht? Durchweg schlechtere Wahlergebnisse und bundesweit ein dramatisches Absinken in der Wählergunst. Das zwingt doch zum Handeln, und das hat die Basis eindrucksvoll mit der Wahl gegen Olaf Scholz bewiesen.

Herbert Meyer, Hamburg-Eimsbüttel

Unglücklicher Wahlausgang

Unglücklicher hätte die Wahl der SPD-Vorsitzenden nicht ausgehen können! Man mag bei Herrn Scholz mangelnde Ausstrahlung konstatieren, aber an Intelligenz und echter sozialdemokratischer Gesinnung fehlt es ihm nicht. Ein geübter Selbstdarsteller ist er sicher nicht, dafür hat er aber mit Vernunft und Besonnenheit sowohl als Hamburger Bürgermeister als auch in seiner Funktion als Finanzminister mit Erfolg beachtlich viel für die Bevölkerung dieses Landes durchsetzen können. Dass sich ein erschreckend großer Teil der Wähler von den großen Volksparteien abwendet, hat wohl weniger mit einer verfehlten Politik dieser Parteien als vielmehr mit der Neigung von Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen zu tun, „Führern“, wie dem strahlenden, germanischen Recken Höcke nachzulaufen, die ihnen mit Nationalismus und Rassismus die Möglichkeit bieten, auf andere Menschen und Nationen hinabzublicken. Verdammt gefährlich!

Regine Ulbrich

Ist die Wahl repräsentativ?

Es ist wirklich nicht mehr zu verstehen, dass eine Partei sich über Monate hinweg mit sich selbst beschäftigt. Dass dann schließlich nur etwas mehr als die Hälfte der Mitglieder überhaupt abstimmen und die „Sieger“ von wiederum nur gut der Hälfte gewählt wurden, ist das den Aufwand wert und vor allen Dingen ist dies repräsentativ? Jetzt sollen also ca. 117.000 SPD-Mitglieder darüber zu entscheiden haben, wohin die Reise in Deutschland geht? Wohin diese Art Basisdemokratie führt, haben wir doch schon in Großbritannien erlebt. Hinterher will es keiner gewesen sein, wenn es Chaos gibt. Warum wurden eigentlich einmal Wahlperioden eingeführt, für deren Dauer man seine Kandidaten wählen kann. Wenn sie dann nicht „gut“ waren, werden sie beim nächsten Mal abgewählt. Damit sind wir doch über viele Jahrzehnte in Deutschland gut gefahren. Nur weil es uns anscheinend zu gut geht, glaubt man sich diese Eskapaden erlauben zu können.

Dierk Kallies

Den Mäusespuk beenden

2. Dezember: Haspa überlegt, Zins für Kinderkonto zu senken. Vorstandssprecher Harald Vogelsang über die aus seiner Sicht richtige Geldanlage, hohe Maklercourtagen und die Zukunft des eigenen Filialnetzes

Die Deutsche Bank schafft die Pensionärsweihnachtsfeier ab, die Haspa beschämt die Kinder… Was geht in den Köpfen dieser Manager vor, die Firmenkultur leichtfertig aufs Spiel zu setzen? Habe die Enkelin vor Zeiten an die Hand genommen und ein Mäusekonto eingerichtet, denn mit dem Sparen und dem Geld etwas anfangen, damit kann man ja gar nicht früh genug beginnen. Nun werde ich sie wieder an die Hand nehmen, den „Mäusespuk“ beenden und dieses Institut wegen Kleinkariertheit verlassen, zumal bei den Sollzinsen happig zugeschlagen wird. Großväter müssen ja ein Beispiel sein.

Heinz-H. Hendrich, Hamburg

Mehr Leistungsbereitschaft

2. Dezember: Muss man sich Sorgen machen? Noch ist der Hamburger Sport Verein auf einem Aufstiegsplatz. Doch einiges erinnert an den vergangenen Winter, als man anfing, den sicher geglaubten Aufstieg doch noch zu verspielen

Dass Fußballspiele in der Zweiten Liga nur mit hoher Leistungsbereitschaft, Einsatzwillen und einer gehörigen Portion Kampfkraft gewonnen werden, dürfte sich mittlerweile auch beim Hamburger Sport Verein herumgesprochen haben. Umso unverständlicher, wie die Mannschaft seit geraumer Zeit, insbesondere in den Auswärtsspielen, auftritt. Mit „Hacke, Spitze, eins, zwei, drei“ gewinnt man keine Spiele, sondern macht den Gegner stark, wie am vergangenen Freitag beim Aufsteiger Osnabrück. In dieser Verfassung hat der Verein in der Ersten Liga nichts zu suchen. Ein sofortiger Wiederabstieg wäre die Folge. Der Angriff verfügt über wenig Durchschlagskraft, das Mittelfeld gewinnt zu wenige Zweikämpfe und die Abwehr ist alles andere als sattelfest. Der Trainer ist auch dafür da, die Spieler auf Fehler hinzuweisen und dafür verantwortlich, dass diese abgestellt werden. Leider ist hier kein positiver Trend in der Mannschaft erkennbar. Und warum ein derart lustlos auftretender Spieler wie Bobby Wood auf dem Platz stand, und der völlig überforderte und verunsicherte Gideon Jung immer wieder aufgeboten wird, bleibt wohl das Geheimnis von Trainer Hecking. In dieser Saison ist es vermutlich so einfach wie noch nie, aufzusteigen, da die vermeintlichen Mitfavoriten alle schwächeln. Quo vadis, HSV?

Wolfgang Brakmann, Hamburg

Fortschritt mit Fehlern

30. November/1. Dezember: Religionsunterricht jetzt auch mit nicht-christlichen Lehrern. Hamburg führt bundesweit einzigartiges Modell ein. Muslimische, alevitische, christliche und jüdische Lehrkräfte gleichberechtigt beteiligt

Klarer Fortschritt im Hamburger Religionsunterricht mit seinem Anspruch „für alle“ zu sein. Allerdings hat er einen kleinen (?) Schönheitsfehler. Während in der Mittel- und Oberstufe der allgemeinbildenden Schulen eine Alternative für die dann religionsmündigen Schülerinnen und Schüler geboten wird, wenn sie einen religiös geprägten Unterricht nicht wollen (das säkulare Alternativfach heißt Philosophie), gibt es das in den Klassen eins bis sechs nicht. „Für alle“ heißt dann in der gesamten Klasse. Aber für die Hälfte der eher säkular und ohne religiöse Beeinflussung der Eltern aufwachsenden Schülerinnen und Schüler unserer Stadt gibt es keine Angebote für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Sie glauben nicht an irgendeinen Gott, sie halten unsere Erde nicht für eine göttliche Schöpfung, zu wem sollten sie beten lernen, wenn doch klar ist, dass es ein höheres Wesen nicht gibt? Ihnen fehlt also etwas aus Sicht der anderen Kinder. Wenn wir wirklich einen Unterricht für alle Kinder wollen, dann muss es in ihm nichtreligiöse Angebote geben. Klar, auch säkular aufwachsende Kinder sollen Grundkenntnisse über religiöse Traditionen kennenlernen, umgekehrt aber auch.

Gerhard Lein, Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft