Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 20. November 2019

Hemmschuhe für Klimapolitik

19. November: Luisa Neubauer: Klima-Appell an Hamburg. Im Podcast ,Entscheider treffen Haider‘ spricht die 23-Jährige über die ,unfassbare Chance‘ für ihre Heimatstadt, zur ,ökologisch-visionären‘ Metropole zu werden

Dass das Abendblatt solche Statements, die ja eigentlich ohnmächtige Aufschreie sind, druckt, ist wichtig und richtig. Vieles davon ist absolut unterschriftsreif. Mich stört lediglich, dass die alten weißen Männer (bin selber einer) und Frauen unterschwellig als „Hemmschuhe“ für die Klimapolitik dargestellt werden. Als ob sich all diese „alten Säcke“ einen Deubel um die Zukunft scheren würden. Das Gegenteil ist der Fall.

Andreas Willscher, Hamburg

Letzte Hoffnung Neubauer

Als uralter weißer Mann, dessen Generation die heutige Situation zu verantworten hat, sitze ich faul im Sessel und setze meine letzte Hoffnung auf Menschen wie Luisa Neubauer. „Entscheider treffen Haider“… Ja, wenn sie doch entscheiden könnte! Kann sie aber nicht und sie ist nicht naiv, sondern erkennt die Angst der großen Koalition vor den großen Industrien, den Kraftwerksbetreibern und Automobilkonzernen. Ich gestatte mir naive Träume: Die Jugend der Welt erkennt die Klimakatastrophe als globale Gefahr, vor der die zahlreichen Konfliktherde auf dem Raumschiff Erde an Bedeutung verlieren, „Fridays for Future“ vernetzt sich weltweit und wird eine so mächtige Bewegung, dass schließlich selbst „die Entscheider“ nachdenklich werden und die Rüstungsmilliarden umlenken in Projekte zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels. Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen? Ich stimme Luisa Neubauer auch in dem Punkt zu: Visionen sind erforderlich.

Jochen Wörmer

Naive Vorschläge

Unbestritten ist die Notwendigkeit von Klimaschutz, als Aktivist muss man auch übertreiben, aber zu naiv sollte es denn doch nicht sein. Nicht nur der grüne und anmaßende Fingerzeig, dass es mir auf dem Fahrrad doch viel besser geht – insbesondere bei den Schauerböen heute Morgen. Innerdeutsch Bahn fahren statt Fliegen? Ja, wenn man ganz viel Zeit, Geduld, Geld und keine Termine hat. Wohlstand? Darüber sollte man ohne Berufserfahrung vielleicht lieber andere sprechen lassen. Klimaleuchtturm Hamburg? Gern, für Schiffe mit Landstromanschluss. Und auf den Vergleich mit der Sklaverei muss man erstmal kommen. Mir dauert z.B. der Kohleausstieg auch deutlich zu lange. Aber wenn Frau Neubauers Vater Kohlekumpel in der Lausitz wäre, hätten sie und ihre Familie vermutlich ganz andere Sorgen.

Holger Schütz

Rückwärtsgewandtes Bündnis

19. November: Das umstrittene Bündnis mit der Industrie. Bürgermeister Peter Tschentscher will die produzierenden Firmen stärken. Kritik von Umweltverbänden und vom grünen Koalitionspartner

Es ist beschämend zu sehen, wie sich der Erste Bürgermeister mit dieser einseitigen Vereinbarung bei der Industrie anbiedert und damit den massiven Ausverkauf von Bürgerinteressen forciert. Und es ist traurig, dass der Industrieverband meint, mit einem solch rückwärtsgewandten Bündnis die Interessen seiner Unternehmen zu vertreten. Natürlich ist es vollkommen in Ordnung und täglich gelebte Praxis, dass Verwaltung und Industriebetriebe miteinander reden, aber bitteschön selbstbewusst und auf Augenhöhe. Gegensätzliche Meinungen und Konflikte gehören dazu. Solche funktionierenden Ansätze der Zusammenarbeit diskreditiert der neue Pakt. Die Verwaltung mutiert danach künftig zum Büttel von einseitigen Wirtschaftsinteressen: Passt einem Unternehmen eine Behördenentscheidung nicht – ein Anruf beim allmächtigen Industriekoordinator genügt. Neue Gesetze mit strengeren Regeln? Bitte nur so, dass die Industrie möglichst wenig beeinträchtigt wird. Dazu noch fragwürdige Akzeptanz-Beschaffungskampagnen, Hurra-Events aus Steuergeldern für unpopuläre privatwirtschaftliche Unternehmenspolitik und andere Maßnahmen von höchst zweifelhaftem Charakter – all das atmet den Geist der Vergangenheit und ist sicher nicht dazu angetan, unsere Stadt zukunftsfähig zu gestalten. Man würde sich wünschen, der Erste Bürgermeister würde sich mit dem gleichen Engagement dem täglichen S-Bahn-Chaos in seiner Stadt widmen. Damit wäre uns allen – Bürgern wie Unternehmen – wesentlich mehr geholfen.

Christoph Ahrendt

Ein enormes Problem

19. November: Hilfe für prekär beschäftigte Uni-Forscher? SPD-Politiker Sven Tode fordert Planstellen und einen Ausfallfonds für Wissenschaftler mit Drittmittelverträgen. Grüne reagieren zurückhaltend

Ich bedanke mich für die Thematisierung dieses enormen Problems! Forschende an der Universität haben in der Tat aktuell große Zukunftssorgen, weil feste Stellen fehlen und selbst eigens eingeworbene Forschungsgelder nicht mehr für die eigene Beschäftigung verwendet werden können, wenn man schon ein erfahrener Wissenschaftler ist. Ich bin seit zehn Jahren in der Klimaforschung tätig und muss, sollte sich nichts ändern an der Vorgehensweise der Universität, in zwei Jahren meinen Schreibtisch räumen, mitsamt meiner Expertise. Es kann nicht im Sinne einer Exzellenzuniversität sein, selbst ausgebildete und erfolgreiche Forscherinnen und Forscher auf die Straße zu setzen. Das ist keineswegs nachhaltig. Hier muss sich die Hochschulleitung problemorientierter verhalten und die von Herrn Tode vorgebrachten Vorschläge der Ausfallfonds und Planstellen in Betracht ziehen! Angemerkt sei noch, dass die vorgebrachten Zahlen (zehn bis 15 Prozent) sicherlich mit einer großen Dunkelziffer hinterlegt sind (Stichwort Qualifizierungsbefristung), und viele verunsicherte Forscher frühzeitig die Institute verlassen aufgrund mangelnder Perspektive.

Dr. Sarah Wiesner

Die Menschheit ist lernunfähig

16./17. November: Hamburger KRITiken: Der drollige Unrechtsstaat. 30 Jahre nach dem Mauerfall wird die DDR immer weiter verklärt – warum eigentlich?

Matthias Iken hat wie so oft vollkommen Recht mit dem Hinweis auf die Verklärung der DDR. Diese reiht sich aber nahtlos ein in die Verklärung des Sozialismus allgemein. Seit hundert Jahren versucht die Menschheit, sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme zu etablieren, jeweils verbunden mit vielfältigen Heilsversprechen. Kein einziger dieser mittlerweile zig Versuche kann jedoch für sich in Anspruch nehmen, erfolgreich (gewesen) zu sein. Überall haben sich mehr oder weniger diktatorische Regime entwickelt, die Versorgung der Bevölkerung war ausgesprochen mäßig und der Zustand von Natur und Infrastruktur desaströs. Das hindert aber linke Politiker bis heute nicht, die Menschheit mit eben diesen Heilsversprechen in die Irre zu locken. Und solche Politiker werden auch noch als positiv, zukunftsfähig denkende Menschen hochgejubelt, Beispiel Kevin Kühnert. Das wirklich faszinierende am Sozialismus ist der unerschütterlich erscheinende Glaube daran, das er funktioniert. Niemand will hören, was Radio Eriwan auf die Frage geantwortet hat, wo denn der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus liege. Antwort: Der Kapitalismus macht soziale Fehler, der Sozialismus macht kapitale Fehler. Wenn man sich heute regelmäßig an Universitäten aufhält und die Plakate und Flugblätter studiert, dann fühlt man sich 50 Jahre zurückversetzt: Das gleiche sozialistische Phrasendreschen wie damals. Ernüchterndes Fazit: Die Menschheit ist lernunfähig.

Bernd Plath, Hamburg

Zum Tode verurteilt

Matthias Iken hat es auf den Punkt gebracht: Geschichtsvergessenheit. Haben wir vergessen, dass in dem Unrechtsstaat DDR in den 50er- und 60er-Jahren unter der DDR-Justizministerin Hilde Benjamin und durch den DDR-Generalstaatsanwalt Ernst Melzheimer Menschen reihenweise zum Tode verurteilt wurden, die gegen das SED-Regime opponierten? Darüber wird heute nicht mehr gesprochen und es findet sich darüber auch leider wenig in unseren Geschichtsbüchern.

Peter Stockfisch