Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 6. November 2019

Kein Grund zum Jubeln

5. November: Neue Brauerei – Holsten streicht 70 Jobs. Standort Hausbruch ist deutlich kleiner als in Altona. Bürgermeister Tschentscher freut sich, dass Steuereinnahmen in der Stadt bleiben

Nach 140 Jahren Brautradition in Altona wird die Holsten-Brauerei geschlossen und in Hausbruch, auf ein Drittel ihrer Kapazität reduziert, neu in Betrieb genommen. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen, kann doch das freigewordene Gelände für den Wohnungsbau genutzt werden und Lieferverkehr aus dem an sich schon hochbelasteten Kerngebiet von Hamburg herausgehalten werden. Ein bitterer Nachgeschmack verbleibt trotzdem. 70 Arbeitsplätze gehen verloren, und der sozialdemokratische Bürgermeister tritt zu dieser Einweihungsfeier an, hält die übliche Jubelrede und erwähnt die 70 vernichteten Arbeitsplätze – geopfert für Biersteuereinnahmen – mit keinem Wort. Eine solche SPD muss sich dann über Wahlergebnisse wie in Thüringen nicht mehr wundern.

Jutta Wallmann, Hamburg

Umfrage an der Realität vorbei

5. November: Hamburgs großer Klima-Check: Jüngere protestieren, Ältere handeln. Das überraschende Ergebnis einer neuen Umfrage

Mit Verwunderung habe ich Ihren Leitartikel zum (vermeintlich) klimafreundlichen Verhalten der älteren Generation zur Kenntnis genommen. Der Befund widerspricht sowohl sonstigen Studien als auch meinen persönlichen Erfahrungen: So erwähnen Sie nicht, dass älteren Menschen durchschnittlich deutlich mehr Wohnraum zur Verfügung steht, über 60-jährigen mehr als 60 Quadratmeter, unter 24-jährigen hingegen nur 35 qm. Nach einer Studie des Umweltbundesamtes steigt der CO2-Ausstoß für Heizen im Alter stark an. Wir selbst leben, wie viele meiner gleichaltrigen Freunde, zu dritt (nächstes Jahr zu viert) auf 125 qm, während etwa meine Eltern zu zweit ein großes Einfamilienhaus und meine Schwiegereltern eine 180 qm große Altbauwohnung bewohnen. Zudem besitzen wir als Familie nur ein Auto, das während der Woche kaum gefahren wird, während mein Eltern und Schwiegereltern, wie viele ihrer Generation, zwei Fahrzeuge benötigen. Das Argument der Flugreisen Jüngerer ist nur bedingt überzeugend. Nach der Studie des Umweltbundesamtes sollen Menschen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren für Urlaubsreisen sogar dreimal so viel CO2 wie Jüngere ausstoßen. Der vermeintliche Befund, Ältere „handeln“, stützt sich auf eine Befragung und damit auf die Selbstwahrnehmung – diese „Wahrheit“ scheint jedoch mit der Realität nur bedingt im Einklang zu stehen. Seriöser wäre daher der Titel gewesen: „Jüngere protestieren und handeln, Ältere fühlen sich so“.

Dr. Jan-Philipp Rock

Haltelinie zurückverlegen

4. November: Hamburgs Grüne im Fahrradparadies. Fraktionschef Anjes Tjarks und vier Parteifreunde testen in Kopenhagen, was die Hansestadt tun müsste, um den Radverkehr beliebter zu machen

Es dürfte jedem klar sein, dass sich aufgrund der sehr viel kleineren Fläche in Kopenhagen vieles einfacher zugunsten der Radfahrer umsetzen lässt als in Hamburg. Was effektiv und schnell in Hamburg umgesetzt werden könnte, ist, die Haltelinie für Autos an den Kreuzungen fünf Meter zurückzuverlegen. Doch da passiert leider gar nichts, und man nimmt weitere Verkehrstote in Kauf.

Petra Lüth, Hamburg-Lokstedt

So wird das nichts

Der Unterschied zu Kopenhagen ist, dass sich die Radfahrer dort an die Verkehrsregeln halten – hier aber wird bei Rot über die Ampel gefahren, auf Bürgersteigen, durch Fußgängerzonen und verkehrt durch die Einbahnstraße. So wird es nichts mit der Fahrradstadt Hamburg.

Michael Wiedenhöft, Hamburg

Verspätungen und Zugausfälle

4. November: Vorstände der Bahn sollen höheres Gehalt bekommen. Angeblich ist ein Plus von 46 Prozent geplant

Wenn ich das lese, fallen mir die ganzen Verspätungen, Zugausfälle und Züge ohne Heizung ein. Vielleicht sollte sich der Vorstand um die Menschen sorgen, die auf die Bahn angewiesen sind, und nicht um höhere Gehälter. In der freien Wirtschaft gibt es auch keine Gehaltserhöhung ohne Leistung.

Beate Kipping, Hamburg

Stadtteilserie fortsetzen?

30./31. Oktober: Finale der Stadtteilserie. Wo ist die Stadt am schönsten? Schwere Frage. Wir versuchen sie zu beantworten. Mit 50 leidenschaftlichen Plädoyers

Schade, dass die Serie beendet ist. Aber auch schade, dass die flächenmäßig großen Vier- und Marschlande mit ihren Stadtteilen zu kurz gekommen sind. Vielleicht gibt es irgendwann eine Fortsetzung der Serie mit den restlichen 54 Stadtteilen - geschrieben von Lesern?

Susanne Lohnzweiger

Buntes Volk in Farmsen

Was ist mit Farmsen? Vergessen? Eine Schlafstadt – vielleicht. Aber eine, wo es sich auch wirklich lohnt, hinzuschauen. Wunderbar grün. Naturschutz pur. Ein El Dorado für Spaziergänge an der frischen Luft. O.k., kein Zentrum mit schicken Läden. Aber eine Betonburg mit viel Herz. Hier trifft sich ein buntes Volk, kein schickes. Wasser, Auffangbecken, etliche kleine Seen. Eissporthalle, Waldorfschule mit Kulturveranstaltungen, große Volkshochschule. Wir leben hier – und wir lieben es.

Marion Kulisch

Mehr Gelassenheit wäre gut

Ich bin mit jedem weiteren Leserbrief mehr erstaunt darüber, wie subjektiv nicht wenige Leser die ebenso subjektive Sicht der Abendblatt-Redakteure kritisieren. Ein Phänomen unserer Zeit ist offenbar, dass es nicht mehr ausgehalten wird, dass andere Menschen andere Weltsichten haben als man selbst. Ist es so schwer, jedem seine Sicht der Dinge zu lassen, ohne gleich mit Schaum vor dem Mund aufzuzählen, was an dieser Sicht falsch ist? Insbesondere, wenn es um für den Lauf der Welt so unwichtige Dinge geht wie die Vorliebe für den jeweiligen Wohnort? Da muss sich niemand wundern, wenn sich Kontrahenten bei wirklich existenziellen Fragen die Schädel einschlagen. Etwas mehr Gelassenheit wäre gut.

Andreas Kaluzny

Welche „Anfänge“, Herr Gauck?

2./3. November: ,Sie haben es auf unsere Todesliste geschafft‘. Ein Nazi-Netzwerk droht mit der Ermordung des Grünen-Politikers Cem Özdemir

Altbundespräsident Gauck mahnt allen Ernstes „tief besorgt“: „Wir müssen den Anfängen wehren.“ Diese Aussage macht mich fassungslos. Ich frage mich, in welcher Welt Herr Gauck in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich gelebt hat? Ich erinnere mich, dass ich als Jugendlicher bei meinen DDR-Besuchen nach den ersten „Reise-Erleichterungen“ Mitte der 60er-Jahre sehr irritiert war über all die Hakenkreuz- und „Heil-Hitler“-Schmierereien im ostdeutschen Dessau. Meine Großeltern hoben nur ratlos und offenbar resigniert die Schultern. Sie erfuhren leider die zweite Diktatur in ihrem Leben. Ich erlebte zeitgleich, dass einige Mitschüler und einige Lehrer in Hamburg die NS-Diktatur verharmlosten, verklärten und beschönigten. Langhaarige und andere „Unangepasste“ wurden auf der Straße von einigen Staatsbürgern „in die Gaskammern“ gewünscht. Es gab in der BRD und der DDR viele NS-Leute in der Politik und den Parteien, es gab im Westen die NPD, die Republikaner, Wehrsportverbände, die letztlich unaufgeklärten „Bologna“- und „Oktoberfest“-Attentate. Es gab und gibt Nazis, oder zumindest Sympathisanten, in Behörden, bei der Polizei, Bundeswehr und Verfassungsschutz, in der „Mitte der Gesellschaft“. Es gab Rostock-Lichtenhagen, Solingen, Mölln, letztlich unaufgeklärte und verschleierte Vorgänge rund um den „NSU“ aus Chemnitz und Zwickau. Hat Herr Gauck denn etwa von all dem nichts mitbekommen, so dass er im Jahre 2019 von „Anfängen“ spricht? Wir leben doch alle schon seit langem mittendrin.

Jörg-Peter Senff​​