Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 30. Oktober 2019

Es geht um Thüringen...

29. Oktober: Thüringen-Desaster löst Beben in der CDU aus. Spitzenkandidat Mohring will mit Ramelow reden

Ich kann die strikte Abneigung einer Zusammenarbeit mit der Linken nicht verstehen. Bei der AfD hätte ich ein Problem. Hier kann die CDU mal zeigen, dass sie flexibel ist, wenn es um das Land geht. Die CDU-Wähler in Thüringen kommen nicht zum Zug, werden vielleicht nächstes Mal eine andere Farbe wählen müssen? Man sollte auch mal über seinen Schatten springen. Es geht um mehr als nur um die Partei.

Jörn Giese

Quälendes Wahlverfahren

28. Oktober: SPD-Finale wird zur Richtungswahl. Abstimmung zwischen Scholz/Geywitz und Walter-Borjans/Esken könnte das Schicksal der Koalition entscheiden

Mit ihrer Entscheidung, in einem sich über Monate quälend hinziehenden Wahlverfahren neue Vorsitzende zu ermitteln, hat sich die SPD nun wirklich keinen Gefallen getan. Welcher Bürger möchte denn eine Partei wählen, die sich andauernd nur mit sich selbst beschäftigt? Äußerst peinlich ist auch die geringe Wahlbeteiligung bei diesem Mitgliedervotum. Daraus kann man durchaus den Schluss ziehen, dass selbst die SPD-Mitglieder von den zur Wahl stehenden Kandidaten nicht überzeugt waren und sind. Ob nun gerade der Vizekanzler Olaf Scholz in der Lage ist, die Partei zu mobilisieren, darf bezweifelt werden.

Dieter Buchholz, Hamburg

Eine wunderbare Idee

28. Oktober: ,Lasst uns die Synagoge am Bornplatz wieder aufbauen‘. Shlomo Bistritzky, Landesrabbiner der jüdischen Gemeinde, sagt, was Hamburg und die Hamburger gegen Antisemitismus tun können

Eine wunderbare Idee, die Synagoge am Grindelhof neu zu errichten. Das Mahnmal an dieser Stelle wird leicht übersehen. So ging es mir Ende der 1980er-Jahre. Wo früher die Bornplatz-Synagoge stand, bin ich als Student oft unterwegs gewesen. Es hat etwas gedauert, bis ich am Boden die Umrisse des ehemaligen Gotteshauses entdeckt hatte. Wie Schatten aus vergangener Zeit sind die Linien des Deckengewölbes im Straßenpflaster eingelassen. Seither bin ich mit einer gewissen Scheu über den Joseph-Carlebach-Platz in Richtung Abaton Kino gegangen. Dieser Tage wird mir im Gespräch mit jüdischen Mitbürgern bewusst, dass es aktuell mehr braucht als solche Orte der Erinnerung. Keine Frage, wir müssen gegen Antisemitismus die Stimme erheben. Aber statt nur gegen etwas Negatives zu sein, ist es konstruktiver, jüdisches Leben heute kennenzulernen. Wir brauchen mehr sichtbare Zeichen der Verbundenheit mit unseren älteren Geschwistern im Glauben.

Pastor Martin Hoerschelmann,

St. Johannis-Eppendorf

Abkehr durch Verbote

22. Oktober: Aufstand der Anständigen. CDU-Fraktionschef André Trepoll legt ein wichtiges Programm gegen den Antisemitismus vor

Die Forderung Herrn Trepolls für einen „KZ-Pflichtbesuch“ aller Hamburger Schüler sollte nur ein Anfang sein. Die Idee einer sozialen Befriedung braucht m. E. auch unter Einschluss eines „Aufstands der Anständigen“ eine noch weitergehendere Bildungskampagne zur Aufklärung und Verarbeitung unserer jüngeren Geschichte. Eine Verarbeitung all dessen, was nach 1945 versäumt wurde. Gesellschaftliche Verantwortung entsteht aus aufgeklärtem Selbstbewusstsein. Diese Position verlangt aber ein Minimum an Verständnis komplizierter historischer Zusammenhänge, die für mich ohne psychosoziale „Anamese“ unvollständig sind. Verbote und gesellschaftlicher Ausschluss führen zur Verdrängung, letztendlich zur inneren Abkehr und zum Widerstand. Das Ergebnis sehen wir an den Erfolgen populistischer, rechtsnationaler bis radikaler Parteien und Organisationen. Dies sollte uns eine Warnung sein! Der Antisemitismus ist keine deutscher Erfindung, auch wenn der furchtbare Höhepunkt auf immer mit dem Begriff „Auschwitz“ verbunden sein wird. In unserer Geschichte standen Juden im Hoch- und ausgehenden Mittelalter unter besonderem kaiserlichen Schutz. Antisemitismus ist ein jahrhundertealtes europäisches Problem, neuerlich befeuert durch muslimische Migration. Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkerrechtsverletzungen sind ebenfalls kein ausschließlich deutsches Phänomen, sondern leider Teil menschlicher Existenz. Nach über 70 Jahren sollten wir uns zu einer objektiv-sachlichen, distanzierten Geschichtsschreibung durchringen können, bevor die nächste Generation verloren geht. Auf welch dünnem Eis wir uns allerdings dabei immer noch bewegen, konnte man 2009 am erstmaligen Besuch Angela Merkels zum Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen am 1. September 1939 auf der Westerplatte der Hafeneinfahrt von Gdansk und dem vorausgegangenen Interview sehen. Die vom Abendblatt vor kurzem gestartete großartige Initiative zu mehr Rücksicht im Miteinander oder die Serie zum Hamburger Feuersturm „Gomorrha“ zeigen, welche konstruktiven Möglichkeiten für ein besseres soziales Klima bestehen.

Dr. Günter Türk

Chipkarte für die Tanksäule

26./27. Oktober:,Greta Thunbergs Aussage ist lachhaft‘. Klimaforscher Hans von Storch über die aus seiner Sicht zu aufgeregte Klimadebatte und sinnlose Verzichtsforderungen

Ich bin schon einige Jahre im Rentenalter und würde mich als konservativ bezeichnen. Meine Frau und ich leben auf dem Lande. Mir gehört ein Stück Wald, und in meinem Garten steht (noch) eine uralte Eiche, beiden macht die zunehmende Dürre der letzten Jahre zu schaffen. Ohne CO2-Kontingentierung werden nicht nur meine Enkel die Zukunft schwerlich meistern. Praktischer Vorschlag für den Anfang: eine obligatorische Chipkarte für die Tanksäule. Je nach Bevölkerungs- und Berufsgruppe wird ein bestimmtes Benzinbudget zu gängigen Marktpreisen zur Verfügung gestellt (Ruheständler ein niedrigeres, Pendler ein höheres usw.). Sobald das Budget aufgebraucht ist, kann man nur noch zu erheblich höherem Tarif tanken. Eine solche Methode dürfte zu einer in der Summe lohnenden individuellen Selbstdisziplin beitragen, ohne die Bewegungsfreiheit grundsätzlich einzuschränken. Die sinnvolle, gerechte Budget-Gestaltung wäre natürlich eine Herausforderung, aber meines Erachtens machbar.

Hans Graffelmann, Rosengarten

Jeder trägt Verantwortung

Mit den Aussagen des Forschers Hans von Storch zur Klimadebatte wurde all denen, die sich klima- und umweltbewusst verhalten, kein guter Dienst erwiesen. Denn diejenigen, denen der Klimawandel bisher gleichgültig war oder die ihn gar geleugnet haben, fühlen sich nun beflügelt. Eine bisherige Einsparung an CO2 in Deutschland sei ja angesichts der weltweiten Emissionen zu vernachlässigen. Man könne weiter wie bisher Kreuzfahrten machen, Fleisch essen oder fliegen. Und die Lösung des Klimawandels schiebt man auf die globale Politik und die Technologie. Die Verantwortung des Einzelnen bleibt außer Betracht. Ist das logisch? Ich denke nein. Denn dann könnte man ja deutlich kleineren Ländern, wie Luxemburg oder Liechtenstein erlauben, ihre CO2-Emissionen um ein Vielfaches zu steigern. Deren Emissionen tragen ja zur weltweiten Summe an klimaschädlichen Gasen prozentual noch weniger bei. Und mit der gleichen Schlussfolgerung könnte man jemanden davon abraten, zur Wahl zu gehen. Was zählt denn prozentual eine einzelne Stimme? Gut, dass es so nicht abläuft.

Peter Schumacher, Halstenbek

Vereinbarungen abarbeiten

26./27. Oktober: Die Sache mit der Glaubwürdigkeit der Grünen

Wenn Senator Kerstan befindet, dass es „in Zeiten des Klimawandels nicht passt, Wälder für Logistikflächen zu roden“ sollte er doch erst einmal die eigene Koalitionsvereinbarung abarbeiten, in der auf Initiative der Grünen festgeschrieben wurde, dass innerhalb des Hafens mehr Container auf dem Wasser transportiert werden sollen. Entsprechende Bemühungen sind seit fünf Jahren nicht im Ansatz zu erkennen.

Dr. Ing. Ulrich Malchow, Hamburg