Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 24. September 2019

Amseln vom Virus befallen

23. September: Vogelsterben in den USA und Kanada. In Nordamerika gibt es laut einer Studie rund drei Milliarden Vögel weniger

Bleiben wir doch auf unserem Kontinent, um die Katastrophe zu dokumentieren. Ich bin gestern 500 Kilometer von Essen nach Hamburg gefahren und meine Frontscheibe war kaum durch Insekten verschmutzt. Ich habe auch dieses Jahr im Sommer wieder vier kleine Skelette in meinem Meisenkasten gefunden. Die Meisen können ihre Jungen nicht mehr ernähren. Die im Frühjahr scheinbar erholte Schwarzdrosselpopulation ist schon wieder durch einen Virus dahingerafft. Kein Vogel mehr, auch in den umliegenden Parks vom schönen, grünen Blankenese. Insektenfresser, wie Grasmücke, Gartenrotschwanz, Heckenbraunelle, Singdrossel, gibt es seit Jahren schon nicht mehr. Mein kürzlich erworbenes Insektenhotel hängt seit sechs Monaten verwaist an der Wand in meinem Garten. Es ist deprimierend und sollte uns allen Angst machen.

Karl Jacobsgaard

Im Überfluss aufgewachsen

21./22. September: Hamburg, das war groß! Bis zu 100.000 Teilnehmer bei ,Fridays for Future‘ in der City

Die Rettung des Klimas wird nicht ohne persönlichen Verzicht gelingen. Gerne wird vergessen, dass der Anteil des Internets einen ähnlich hohen Anteil am deutschen Klimaausstoß hat, wie der Luftverkehr. Die Jugend gönnt sich das Internet und nicht selten noch zwei bis drei Flüge im Jahr, Klassenreise inklusive. Wenn sie massiv fordern, sollten sie mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Instagram-, Youtube- und Facebook-Konsum um 50 Prozent reduzieren und auf Flugreisen verzichten. Erst dann werde ich sie bewundern. Wenn man sich aber die Realität auf der Straße und am Flughafen ansieht, sind sie davon weit entfernt. Die Jugendlichen sehen meist nicht, dass ihr eigener Lifestyle auf überdurchschnittlichem Ressourcenverbrauch fußt. Im Überfluss aufgewachsen, ist es leicht, Verzicht zu fordern.

Ingo Grazner, Hamburg-Eppendorf

Zu viele Menschen für die Erde

Aktuell leben knapp acht Milliarden Menschen auf dem Globus. 1950 waren es gut zwei Milliarden. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass 2050 etwa zehn Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Das Bevölkerungswachstum beschleunigt sich also weiter. Ergibt sich aus diesen Zahlen nicht die berechtigte Befürchtung, dass auch dadurch die Lebensgrundlage der Menschheit zerstört wird? Ein Stoppen des Bevölkerungswachstums wäre bestimmt eine wirksame Maßnahme zur Begrenzung der Erderwärmung. Warum wird dieser Sachverhalt gegenwärtig nicht thematisiert?

Hans-Wilhelm Stehnken, Buchholz

Dem Bürger mehr zumuten

21./22. September: ,Zu langsam, zu halbherzig, zu teuer‘. Das mühsam erreichte Klimapaket der großen Koalition erntet vor allem Kritik

Die beschlossenen Maßnahmen sind von Mutlosigkeit und der Angst, den Bürgern mehr abzuverlangen, geprägt und können keine Lenkungswirkung erzielen, sind in allen Bereichen unzureichend und werden nur sehr wenig verändern. Wirklich entschlossener Wille zu einer nachhaltigen Klimaveränderung bedeutet Einschnitte auf allen Ebenen, kostet sehr viel Geld, greift tief in den Alltag aller Menschen ein und ist nur durch Verzicht in wesentlichen Bereichen des Lebensstandards zu verwirklichen. Die lächerlich geringe Zertifikat-Bepreisung z.B. zeigt erschreckend auf, dass hier kein Wille des handelnden Gremiums zum Wandel und zum Wohl der Zukunft erkennbar ist. Statt der festgelegten Erhöhung hätte es als Wirkungsgrad den Zehnfachen Wert erfordert. Wie fast immer fehlt den Politikern der Mut, dem Volk zu sagen, was erforderlich wäre, deutlich zu machen, dass die dringend nötigen Schritte die Kosten in vielen Dingen wesentlich erhöhen, dass jeder Bürger zu Entbehrungen bereit sein muss, sowohl im finanziellen wie auch im persönlichen Umfeld. Was jetzt festgelegt wurde, ist ein Sammelsurium von unzureichenden Maßnahmen, die keinem weh tun sollen, die das gesamte Spektrum der beiden Parteien und ihrem Personal abdeckt, die vorwiegend die Abgeordneten und Regierungsmitglieder der GroKo befriedigt. Gerade in diesen Zeiten, in denen die Mobilisierung der Menschen durch eine starke Bewegung zur Klimawende im Vordergrund steht, könnte man den Bürgern erheblich mehr zumuten. Wir brauchen Änderungen und Festschreibungen für eine wirkliche Wende, ein neues Klima-Ministerium, neue Gesetze in wesentlichen Bereichen der Energie- und Wirtschaftspolitik, für den Ausbau der Infrastruktur, für eine kurzfristige Umsetzung im Stromlinien- und Schienennetz, der Wasserstofftechnologie. Die angedachten jährlichen Fortschreibungen des bisherigen Maßnahmenkatalogs ist lediglich eine Absichtserklärung, nicht verbindlich, nicht zielführend.

Herbert Stephan, Hamburg

Vieles geht auch ohne Gesetz

Das haben wir uns denken können: Die Koalition ringt sich zu einem Klimapaket durch und was passiert? Es wird sofort gründlich zerredet. Auch wenn wissenschaftlich ganz sicher weitergehende Maßnahmen erforderlich sind, um den Klimawandel zu stoppen, das beschlossene Paket ist immerhin ein Anfang. Ich bin davon überzeugt, dass gerade bei einer solchen Mammutaufgabe wie dem Klimaschutz jeder kleine Beitrag wichtig ist. Und nur mit kleinen Schritten nehmen wir alle Menschen mit. Stellen wir uns vor, die Regierung hätte gleich die große Keule geschwungen und die Energiekosten wären durch Abgaben immens gestiegen. Mal abgesehen davon, dass sich dies nicht für alle Bürger durchsetzen ließe, die Proteste wären wohl noch um ein Vielfaches größer gewesen. Und zu guter Letzt: Warum müssen wir beim Klimaschutz immer auf den Startschuss aus Berlin warten? Jeder ist herzlich eingeladen, sofort seinen Beitrag zu leisten. Mal das Auto stehen lassen, die Kinder nicht mit dem Pkw bis zum Schultor bringen, Mehrwegsysteme nutzen, die Ernährungsgewohnheiten auf den Prüfstand stellen, etc. Das geht jetzt schon, kostenlos und ganz ohne Gesetz. Manmuss es nur wollen.

Dr. Stephan Risse, Hamburg

Umweltdemo vor 30 Jahren

21./22. September: Demokratie gilt auch im Klimanotstand. In Zeiten des Treibhauseffektes muss die Gesellschaft kompromissbereit bleiben

In der Tat hatten wir in Hamburg vor mehr als 40 Jahren eine große Umweltbewegung. Zu dieser Zeit wurde im wesentlichen der Begriff „Umweltzerstörung“ gebraucht. An einer Fahrradsternfahrt, zu der mehrere Umweltverbände aufgerufen hatten, nahmen am 11. Juni 1988 Tausende von Fahrradfahrern teil. Die Demonstration verlief trotz massiver Störungen auf den Hauptverkehrsstraßen friedlich. Wie viele Umweltverbände forderte auch unsere Initiative „Sichere Hochallee“ einen Ausbau des Radverkehrsnetzes, Reduzierung von Ampelanlagen zugunsten von Kreisverkehren, da mehr als 30 Prozent der Emissionen durch den „stehenden Verkehr“ entsteht, Förderung des öffentlichen Nahverkehrs mit deutlicher Reduzierung der Fahrpreise, Einschränkung des inländischen Flugverkehrs und Wiedereinführung der „Straßenbahn“. Eine Medienöffentlichkeit wie heute stand uns damals natürlich nicht zur Verfügung. Die Forderungen waren jedoch in allen politisch relevanten Gremien bekannt. Eine kleine Randnotiz zur aktuellen Diskussion...

Dr. Günter Türk

Klimaschutz mit Brechstange

Vor Jahren gab es einen Schlager mit dem Text: „Ich will alles und zwar sofort!“ Daran muss ich jetzt bei den Forderungen zum Klimaschutz denken: Klimaschutz mit der Brechstange. Von wahlberechtigten Jugendlichen und Erwachsenen muss neben Emotionen auch Verstand verlangt werden dürfen, wenn aber schon Kinder erklären, Angst um die Zukunft ihrer Enkel zu haben, weist das weniger auf Information hin, eher auf Indoktrination. Vor einem Weltuntergang muss man sich nicht fürchten, fürchten muss man sich vor denen, die ganz genau wissen, dass er demnächst kommt.

Friedrich Weinhold