Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 30. Oktober 2018

Zeit der Volksparteien ist vorbei

29. Oktober: Neues Debakel für CDU und SPD – was wird aus Großer Koalition?

Alle reden von einem Debakel in Anbetracht der Ergebnisse für CDU, CSU und SPD. Ich sehe darin aber kein Debakel, sondern einen bereits seit Jahren anhaltenden Trend, dass diese ehemals großen Parteien Wähler an andere Parteien verlieren. Und das eben nicht punktuell bei bestimmten Wahlen, sondern generell, sowohl auf Landes-, als auch auf Bundesebene. Die Zeiten von 40 Prozent plus sind längst passé. Man sollte sich lieber daran gewöhnen, denn ich gehe nicht davon aus, dass diese Wähler in großen Zahlen wieder zurückkehren werden. Nichtsdestotrotz ist ein Wechsel auf Personalebene immer mal angebracht. Die Zeit von Seehofer, Merkel, Nahles und Co. ist unabhängig der Wahlausgänge abgelaufen.

Thomas Horn, Hamburg-Wandsbek

Merkel: in der Welt geschätzt

29. Oktober: Was wäre ohne Merkel? Wer in der CDU jetzt einen Wechsel an der Spitze will, braucht gute Argumente

Deutschland gilt im Ausland als Hort der Stabilität und ist fast das einzige Land weltweit, in dem von Vollbeschäftigung geredet werden kann, die Finanzen sind in Ordnung. Die Welt schätzt Merkel – nur die Deutschen wollen anscheinend eine andere Politik. Am meisten wird sie für ihre Asylpolitik angefeindet, aber genau in diesem Punkt stehen die Grünen voll hinter ihr. Trotzdem fahren die Grünen die besten Wahlergebnisse ein. Das passt doch alles nicht zusammen. Für einen Wechsel an der Spitze muss es gute Argumente für eine bessere Politik geben. Gibt es aber nicht. Für den ganzen Schlamassel ist nur einer verantwortlich: Horst Seehofer. Seine unwürdigen Ausfälle gegen seine Bundeskanzlerin haben nicht nur das Ansehen der Regierung beschädigt, sie sind auch verantwortlich für das desaströse Abschneiden der CSU in Bayern und jetzt in Hessen. In der CDU gibt es derzeit keine Persönlichkeit, die an das Format von Angela Merkel herankommt.

Dietmar Johnen-Kluge

Radfahrer weichen auf Straße aus

29. Oktober: Helm oder kein Helm – die große Debatte. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) sieht das Tragen als ,falsches Signal‘

Ob ein Radfahrer mit oder ohne Helm fährt, sollte jeder nach seinem eigenen Ermessen entscheiden. Zu fragen wäre eher danach, warum viele Radfahrer auf die Straße ausweichen? Radwege sind in Stadt und Land oft schlecht gepflegt und werden zum Bau von Leitungen oft aufgegraben und dann unzureichend geschlossen. Schlaglöcher, hochstehende Kanten und Risse sind die Folge. Hinzu kommt, dass die Verkehrsplanung früher nur wenig an die Radfahrer gedacht hat, sondern an den Autoverkehr und dessen Fluss. Deshalb werden in Stadt und Land zuerst die Straßen wiederhergestellt und dann erst die Radwege, daneben wird für die Pflege der Radwege wesentlich weniger Geld zur Verfügung gestellt. Der Sanierungsstau, den die Bürger bei den Straßen beobachten, ist natürlich noch größer bei den Radwegen. Und für Politiker ist es anscheinend wichtiger, neue Straßen und Autobahnen zu eröffnen und bauen zu lassen, anstatt erst einmal die vorhandenen Straßen und Radwege in einen vernünftigen Zustand zu versetzen, der dem Verkehrsaufkommen auch entspricht.

Rüdiger Ramm

Der Helm verhindert Unfallfolgen

Selbst Herr Lau sollte wissen: Fahrradhelme dienen durchaus nicht der Verhinderung von Unfällen. Sie bieten vielmehr bei einem Unfall Schutz, der schwerwiegende Folgen verhindern kann, nicht anders als Rauchmelder, Sicherheitsgurte oder Airbags, auf die inzwischen wohl niemand mehr verzichten möchte. Die Unfallstatistik zeigt: Rad fahren im Straßenverkehr ist gefährlich und dies noch mehr seit Einführung der „Suizidstreifen“: Bei Stürzen ist die Bordsteinkante ein nahes Ziel für den Kopf. Vollkommen inakzeptabel ist jedoch die Ablehnung einer Helmpflicht für Kinder, mit der fadenscheinigen Begründung, dass diese die Hintertür zur Ausdehnung der Helmpflicht auf weitere Altersgruppen öffnen könnte. Hier wird die Gefährdung von Kindern aufgrund fragwürdiger Motive billigend in Kauf genommen.

Dr. Gerd Scholtyssek

Statt Lohntüte Gratiskonto

29. Oktober: Postbank verteidigt Gebühren. Bis zu 200.000 Kunden haben aber nach Aus für Gratiskonten gekündigt

Der langjährige Postbankchef Frank Strauß meint, es sei vollkommen richtig für Dienstleistungen der Bank Geld zu verlangen. Entweder hat Herr Strauß Gedächtnislücken oder er ist zu jung, um sich erinnern zu können. Als man vor Jahrzehnten die Zahlung der Löhne und Gehälter per Lohntüte einstellen wollte, lockte man die Arbeitnehmer in die Banken mit dem Versprechen, das Girokonto sei für die Kontoinhaber kostenlos und die Kosten der Banken würden durch den Bodensatz auf den Konten gedeckt. Heute ist davon keine Rede mehr.

Manfred Lahmann

Abendmahl aus der Bauchklappe

27./28. Oktober: Und der Roboter sprach: ,Gott segne dich‘. ,BlessU-2‘ macht in St. Nikolai Station. Wie finden das Pastoren?

Wenn man diese Entgleisung weiterspinnt, kommt man auf die absurdesten Zukunftsvisionen: Steht bald ein predigender Blechtrottel auf der Kanzel? Einer, den man mit der Fernbedienung, die am Kircheneingang ausliegt, ausschalten kann, wenn er länger als 20 Minuten predigt? Gibt es ihn bald auch in der Premium-Ausführung mit einer Bauchklappe, die sich auf Smartphone-Signal öffnet und die alle Abendmahlszutaten enthält? Mag sein, dass sich Kids und junge Erwachsene davon angezogen fühlen, die Menschen jedoch, denen die Institution Kirche noch etwas bedeutet, wenden sich angewidert ab und denken daran, bei diesem Mummenschanz die Kirche zu verlassen.

Pieter Kunstreich

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.