Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 9. Oktober 2018

Wiedereinführung von G9

8. Oktober: CDU will das Abitur erschweren

Die wirksamste Maßnahme zur Stärkung der Allgemeinbildung im Hamburger Abitur wäre die Wiedereinführung von G9 mit einer dreijährigen Oberstufenzeit. Könnte der Lehrstoff wieder auf sechs Semester statt nur vier verteilt werden, hätten die Schüler ausreichend Zeit, sich auch in denjenigen Kursen zu engagieren, die nicht unmittelbar relevant für den Abitur-Notendurchschnitt sind. Solange aber die Rahmenbedingungen des G8 die Schüler zu extremer Effizienz im Arbeitsverhalten zwingen, wird sich eine Erhöhung des Drucks durch höhere Auflagen kontraproduktiv auf das Ziel einer vertieften Allgemeinbildung auswirken: Um die geforderten Kurse einbringen zu können, werden die Schüler ihr Oberstufenprofil und die Zusatzkurse noch stärker danach auswählen, in welchem Fach am leichtesten die besten Noten zu erreichen sind – ein Bärendienst für Physik, Chemie, Musik und eine zweite Fremdsprache.

Kordula Leites, per E-Mail

Wir brauchen mehr Wahrhaftigkeit

6. Oktober: Rodungsstopp am Hambacher Forst

Selbstverständlich bin ich absolut gegen die Rodung des Hambacher Forstes und gegen den Tagebau von Braunkohle, um sie zur Stromerzeugung zu verbrennen. Aber die Art und Weise, wie hier durch ein Naturschutzorgan im Zusammenwirken mit der Justiz dagegen vorgegangen wird, halte ich für heuchlerisch und deshalb falsch, da sie in ihrer Argumentation am eigentlichen Problem vorbeigeht. Es würde mir natürlich leidtun um Bechsteinfledermaus und Großes Mausohr, wenn ihre dortigen Vorkommen für den Braunkohlentagebau geopfert werden würden. Aber diese Tierarten sind nicht das eigentliche Problem. Die Erde braucht diese Fledermäuse nicht unbedingt, um weiter zu existieren. Aber sie braucht dafür ungiftige und saubere Luft. Darum geht es! (...) Dies sollte das entscheidende Ziel und die Begründung sein für die Einstellung der Rodung eines Forstes, sowie für die zeitnahe und komplexe Umstellung der Stromproduktion auf sogenannte nachhaltige Energien. Wir brauchen mehr Wahrhaftigkeit in grundlegenden Prozessen und weniger Trickserei, statt der direkten Bewältigung des eigentlichen Problems sauberer ungiftiger Luft.

Peter Lauritzen, per E-Mail

Preise bilden sich am Markt

2. Oktober: Makler, bei denen Käufer keine Courtage zahlen

Das Bürgerliche Gesetzbuch lässt zwar grundsätzlich die Vergütung eines Maklers durch den Verkäufer oder den Käufer zu, dennoch kann der Gesetzgeber die mittlerweile entstandene Praxis, dass nur noch der Käufer die Kosten zu tragen hat, nicht gewollt haben. Meines Erachtens wird durch dieses Abwälzen der Provisionslast auf Dritte, wie so etwas genannt wird, der Käufer unangemessen benachteiligt. Man könnte es fast als sittenwidrig bezeichnen, da es in keinem anderen Geschäftsbereich möglich ist, in Anspruch genommene Dienstleistungen von anderen bezahlen zu lassen. So ist es auch nicht vorstellbar, dass ein Kaufvertrag abgeschlossen wird, ohne dass die Pflicht zur Bezahlung entstünde. Das Argument der Makler, in dem Fall würde der Verkäufer die Provision auf den Kaufpreis aufschlagen, ist unsinnig, da sich der Preis einer Immobilie nur am Markt bildet und nicht an der Wunschvorstellung des Verkäufers.

Hartmut Clemens Braun, per E-Mail

Recht auf Schutz in Deutschland

6. Oktober: Kämpfer gegen sexuelle Gewalt. Die junge Jesidin Nadia Murad und der kongolesische Arzt Denis Mukwege erhalten den Friedensnobelpreis

Nadia Murads zu Recht erteilte Nobelpreis-Ehrung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland die Religionsgemeinschaft der Yeziden drei Jahre nach dem Genozid sträflich im Stich lässt. Nach Deutschland geflüchtete Yeziden erhalten vom Bundesministerium für Flüchtlinge und Migration (BAMF) Ablehnungsbescheide zu ihren Asylgesuchen, obwohl sowohl der im Jahr 2014 erlittene Völkermord als auch der fortgesetzte Genozid an den Yeziden von der UN dokumentiert worden ist. In der Argumentation verweigert das BAMF den traumatisierten Menschen die Anerkennung als Flüchtling weil „Der Antragsteller erklärte, vor seiner Ausreise aus dem Irak nicht verfolgt worden zu sein“. Dass die Flucht vor dem IS und vor den beutemachenden Nachbarn und dass Menschen, die nicht rechtzeitig flüchteten, ermordet oder versklavt wurden, lässt das BAMF als persönliche Verfolgung nicht gelten, ebenso die geäußerte Furcht vor religiöser Verfolgung im Land des Genozids. (...) Unser Grundgesetz sieht das Recht für Asyl für politisch oder religiös Verfolgte vor. Die ultimative Verhöhnung dieses Rechtes sowie der asylsuchenden Yeziden ist es, ihnen die Anerkennung als religiös Verfolgte zu verwehren. Wenn nicht die Yeziden, wer soll dann das Recht auf Schutz bei uns erhalten?

Christian Kohler, per E-Mail

Ein wahrer Spaltpilz

8. Oktober: Kommentar: Das Land hat verloren

Wann immer es unterschiedliche Meinungen gibt, möglicherweise auch Hauptströmungen, wird heute inflationär der Begriff „gespalten“ bzw. „gespaltene Gesellschaft“ verwendet. Das erweckt den Eindruck, dass sich zwei Richtungen unversöhnlich gegenüber stünden. Eine Einigung scheint unmöglich, und es geht nur noch um das Obsiegen eines Lagers. In unserer sehr kompliziert gewordenen Welt ist dieses Verhalten, das auch von den Medien kräftig bedient wird, sehr gefährlich. (...) Die „Spaltungs-Rhetorik“ verführt zu der Vorstellung, es gäbe eine einfache, richtige Lösung. Und die großen Vereinfacher (siehe Trump) haben daher unheilvolle Konjunktur. Ich schlage vor, statt dieses Spaltungs-Begriffes, der sich als wahrer Spaltpilz auswirkt, mitzuteilen, dass sich Parteien oder Gesprächspartner über eine Sache uneins sind.

Irene Köster, per E-Mail

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.