Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 18. September 2018

Jeder hätte abstimmen können

15./16. September: EU dringt bei Zeit-Re­form zur Eile

Nicht zu fassen: Über Jahre beschweren sich die meisten Menschen über die zweimalige Zeitumstellung pro Jahr und die Schwierigkeiten, sich an die neue Zeit anzupassen. Jetzt, wo es endlich geändert werden soll, geht das Gezeter wieder los. Fehlt nur noch, dass man die Schuld „denen da oben in Brüssel“ gibt. Jeder hätte sich an der Abstimmung beteiligen können. Das war in allen Medien ausreichend publiziert. Wenn man es nicht getan hat: So ist es nun mal, verpasst. Eine Mehrheit hat sich eben für eine Variante ausgesprochen. Die anderen müssen damit leben. So ist es nun mal in einer Demokratie.

Andreas Gehrmann, Hamburg

Viele Tools schon bekannt

14. September: So digital soll Hamburgs Schul­un­ter­richt werden. Internetplattform bietet Material für Lehrer

Begrüßenswert ist, dass auf dieser Plattform viele Tools übersichtlich zusammengestellt werden und somit für jede Lehrkraft ein einfacher Zugriff ermöglicht wird. Aber es ist kein großer Wurf. Viele der Tools sind lange bekannt. Die erarbeiteten Unterrichtseinheiten sind nur zum Teil anregend, nicht aber in der Breite. Was Schülerinnen und Schüler in Hamburg wirklich brauchen, sind technische Hilfsmittel, die, unabhängig von den finanziellen Mitteln des Elternhauses, gezielt im Unterricht sinnvoll eingesetzt werden können. Teilweise verlangen die im dll vorgestellten Tools sogar Zugriff auf Benutzerdaten der Schülerinnen und Schüler. Die Schulen sollten viel mehr allen vor Ort durch Vorhalten genügender gut gewarteter Geräte wie Tablets und Laptops vor Ort den Zugang zum Internet und die Benutzung von relevanten Tools an jedem Ort in der Schule ermöglichen. Es sollten nur Apps zur Verfügung stehen, die nicht auf Personendaten zurückgreifen und Daten an unbekannten oder fragwürdigen Orten speichern. Die Lehrkräfte brauchen hierzu gezielte Schulungen, welche technischen Hilfsmittel in konkreten Unterrichtssituationen weiterhelfen können. Dieses kann nur durch gezielte Anbindung an die Lehrpläne in enger Kooperation mit der jeweiligen Unterrichtsforschung erfolgen. Davon sind wir noch viel zu weit entfernt.

Rainer Kunze, Verbandes zur Förderung des MINT-Unterrichts Hamburg

Mitwisser sind Mittäter

13. September: Tau­send­fa­cher Miss­brauch

Der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Geistliche der katholischen Kirche ist schon lange bekannt. Und was tut die Kirche? Es wird weggesehen, geleugnet, vertuscht. Das Interesse der Kirche, ihren Ruf zu schützen, ist höher, als das Leid der Kinder zu beenden. Das ist ungeheuerlich und unmenschlich. Dadurch hat die katholische Kirche ihren Ruf nachhaltig geschädigt. Sollte die Kirche nicht für die Schwachen, die Schutzbedürftigen, einstehen? Diesen kriminellen Tätern, denn das sind sie, auch und gerade deshalb, weil sie „Geistliche“ sind, wird nach ihrem Glauben bei Buße und Reue die Absolution erteilt. Und die Kinder? Ihnen wurde bei Androhung von Strafen verboten, über die ihnen angetane Gewalt zu sprechen. Sie hatten niemanden, an den sie sich mit ihrem Leid wenden konnten. Jahrzehntelang mussten sie schweigen und das Ungeheuerliche mit sich herumschleppen. Und wenn sich doch ein Kind traute, sich jemandem anzuvertrauen, so wurde ihm nicht geglaubt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Geistliche hatten kaum mit Sanktionen zu rechnen. Schlimmstenfalls wurden sie an einen anderen Ort versetzt, an dem niemand sie kannte. Letztlich sind alle Mitwisser, die nicht umgehend zum Wohle der Kinder gehandelt haben, Mittäter, da sie weiterem Missbrauch Vorschub geleistet haben.

Karin Lesser, Hamburg

Passt nicht zur Umgebung

14. September: Stadt­pla­ner warnt vor Elbtower: ,Leute werden verrückt‘

Die entscheidende Achillesferse bei diesem Prestigeprojekt besteht vor allem darin, dass es überhaupt nicht in das soziale Gefüge seiner näheren Umgebung passt und dementsprechend die Gesellschaft spaltet. Schließlich liegt nur wenige Meter entfernt der ärmere Stadtteil Veddel, gegenüber dem es ziemlich arrogant anmuten muss, wenn in seiner direkten Nachbarschaft ein neuer Hochglanz-Tempel für vor allem reiche Menschen entsteht. Deshalb sollte Hamburg lieber auf solche Visionen verzichten und nicht die Fehler von anderen Metropolen wie London wiederholen, zumal die Stadt lange Zeit sehr gut damit gefahren ist, zu Gunsten der hanseatischen Bescheidenheit auf ein neureiches Image zu verzichten.

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

Mangel an Physiotherapeuten

11. September: Studie: Acht von zehn Ope­ra­tio­nen am Rücken sind über­flüs­sig

Dass fast 80 Prozent der Rückenoperationen nicht notwendig sind, ist eine gute Nachricht, denn sie erspart nicht nur Patienten unnötiges Leid und gesundheitliche Risiken, sondern spart auch den Krankenkassen – und damit uns allen – viel Geld. Für die konservative Behandlung allerdings benötigen wir in ausreichender Zahl Physiotherapeuten und hier entsteht aufgrund der bemerkenswert schlechten Vergütungs- und Ausbildungssituation der Heilmittelerbringer bereits seit Jahren ein alarmierender Fachkräftemangel: Schon jetzt fehlen bundesweit ca. 20.000 Physiotherapeuten, jeder 4. Therapeut (dies betrifft ebenso die Ergotherapeuten und Logopäden) denkt darüber nach, seinen Beruf zu verlassen, freie Stellen können immer schwerer neu besetzt werden, akut behandlungsbedürftige Patienten müssen immer längere Wartezeiten in Kauf nehmen, Hausbesuche können kaum noch angeboten werden, erste Praxen haben bereits aufgegeben. Es sollte zu einer deutlichen Anhebung der Vergütungen kommen, damit die flächendeckende Versorgung von Patienten zukünftig nicht ernsthaft gefährdet ist.

Jutta Sembritzki, Logopädin

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