Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 6. Oktober 2017

| Lesedauer: 6 Minuten

Vertrauen in Institutionen fehlt

5. Oktober: Un­ab­hän­gig­keit ,eine Frage von Tagen‘. Katalonien will bald die Loslösung von Spanien verkünden

Den katalonischen Separatisten sei ins Gedächtnis gerufen, dass Demokratie zwar Volksherrschaft bedeutet, diese aber nur im Rahmen der Verfassung und gesetzlicher Bestimmungen ausgeübt werden darf. Wer aber die Verfassung und sogar Urteile des Verfassungsgerichts missachtet und wegen des angeblichen Volkswillens für nicht relevant ­erklärt, plant etwas, was man mit aller Entschiedenheit als Staatsstreich verurteilen muss. Es muss klar sein: Nur der im Rahmen gesetzlicher Bestimmungen artikulierte Volkswille ist beachtlich. Wer hingegen auf die Macht des Faktischen – vorliegend rechtswidrige Referenden – setzt, mag zwar kurzfristig politische Erfolge erzielen, untergräbt damit aber die Basis des politischen Lebens: das Vertrauen auf Institutionen und rechtsstaatliche Verfahren. Die EU ist ob dieses Vergehens vor dem Hintergrund weiterer separatistischer Bestrebungen in anderen Mitgliedstaaten aus gutem Grund alarmiert.

Dr. Tim Schurig, Hamburg

EU-Fördermittel streichen

Bei allem Verständnis für das Unabhängigkeitsbestreben einzelner Regionen in der Welt muss aber auch daran gedacht werden, wie es hinterher weitergeht. Wenn die Katalanen tatsächlich unabhängig werden, haben sie einen eigenen Staat – und der ist nicht automatisch in der EU. Also gibt es auch keine Fördermittel, die Spanien sicher bekommt und die zurzeit auch noch nach Katalonien fließen. Die Region ist doch viel zu sehr mit der spanischen Wirtschaft verflochten, als dass sie sich von heute auf morgen autark versorgen kann.

Dieter Krogh, per E-Mail

Katalonien hat schon viele Rechte

5. Oktober: Ge­fähr­li­cher Spaltpilz. Die Art, wie um die Unabhängigkeit Kataloniens gerungen wird, macht Angst

Katalonien ist eine der reichsten 17 autonomen Regionen Spaniens mit Rechten, die teilweise weit über die der deutschen Länder gehen. So verfügt sie nicht nur über ein eigenes Parlament und eine eigene Polizei, eigenes Radio und Fernsehen in katalanischer Sprache. Katalanisch ist Amtssprache, in den Schulen wird auf Katalanisch gelehrt, Amtsträger müssen der katalanischen Sprache mächtig sein, keiner darf Lehrer ohne Kenntnis der katalanischen Sprache werden. Die eigentliche Ursache für diese Sezessionsbewegung ist im Artikel benannt: keine Teilung des Reichtums mit den restlichen Regionen. Solidarität, denke ich, sieht anders aus.

Dr. Georg Kuettner, Uetersen

Hohe Anforderungen an den Arzt

5. Oktober: Aus­wahl­ver­fah­ren für Me­di­zin­stu­dium wir­d ­über­prüft

Es wird schon seinen Grund haben, warum man nur mit einem besonders guten Abitur Medizin studieren darf. Die Anforderungen an den Beruf sind sehr hoch. Da bedarf es schon weit überdurchschnittlicher Fähigkeiten, um den Berufsalltag zu überstehen. Zum Beispiel an einer Universitätsklinik. Mich würde auch nicht wundern, wenn die Abbrecherquote bei diesem Studium sich erhöhen würde, wenn man auch 3,0er-Abiturienten zulassen würde. Dann wird auch wieder gejammert, dass das Studium ja so schwer sei und ob man es nicht vereinfachen könne, damit alle in den Genuss kommen, Arzt werden zu dürfen. Was für ein Unsinn.

Armgard Alsdorf, Buchholz

Ablösung der Ideologien

4. Oktober: Neue Anhörung zur Fahrradstraße

Über die „Fahrradstadt Hamburg“ wurde ja bereits viel und kontrovers diskutiert. Insbesondere die Einrichtung der Fahrradstraße an der Außenalster, einer der schönsten Fahrradwege Hamburgs, hat die Gemüter erhitzt. Im Ergebnis zockeln heute Sightseeingbusse voller Besucher hinter einzelnen Radfahrern her. Autos werden bis auf Weiteres noch geduldet. Die Radfahrer selbst, zu denen ich ebenfalls gehöre, fahren nunmehr fröhlich in jede Richtung auf der Fahrradstraße, auf dem alten Radweg, sofern noch vorhanden und natürlich auch auf dem Fußweg entlang des Ufers. Nach meiner Schätzung sind dort bei schönem Wetter mindestens genauso viele, wenn nicht mehr Radler auf dem Fußweg unterwegs. Man sieht dort ja auch mehr. Gerne und unbefangen wird mitunter auch die Klingel eingesetzt, man will ja schließlich trotzdem vorankommen. Als Fußgänger fühlt man sich dabei durchaus an engeren Stellen „gehetzt“ oder „gestresst“. Mit Hunden oder kleinen Kindern vermutlich umso mehr. Nicht jedem tönt das lustige „Klingeling“ wie Musik in den Ohren. Schade, dass eine Ideologie („die autogerechte Stadt“) von einer anderen („die Fahrradstadt“) abgelöst wurde.

Klaus Wenzel, per E-Mail

Macht der Lobbyisten schmälern

4. Oktober: Sieben Minuten, die Las Vegas veränderten. Warum wurde ein 64 Jahre alter Mann, der nie auffiel, zum Mörder?

Es wird Illusion bleiben, dass sich durch dieses schreckliche Attentat mit 58 Toten etwas in den USA am Waffenrecht ändert. Dafür sind die Waffenlobby und -industrie zu stark eingebunden in das Washingtoner Netzwerk. Dazu kommt, dass sie als starker Geldgeber für Wahlkämpfe dienen, für beide politischen Lager. Viele Bürger klammern sich an den Verfassungszusatz wie Ertrinkende an einen Strohhalm. Für sie existiert der Wilde Westen immer noch. Hier sieht man die Macht der Lobbyisten. Aber schauen wir zu uns: Beispielsweise wird von Indus­trie und Lobby das von der Mehrzahl der Bürger auf Autobahnen geforderte Tempolimit 130 Kilometer pro Stunde blockiert. Auf beiden Seiten des Atlantiks muss die Macht der Interessengruppen beschnitten werden, sodass logische/vernünftige Argumente durchgesetzt werden können, ohne Einflussnahme außenstehender ungewählter Interessenten, wer das auch immer ist.

Dr. Jürgen Koch, Holm

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