Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 12. Oktober 2016

Herzlich und unkompliziert

11. Oktober: Hamburg trauert um Barbara Kisseler

Der Tod von Barbara Kisseler erschüttert mich tief. Neben ihrem großen und erfolgreichen Engagement auf allen Feldern der Hoch- und Off-Kultur hat ihr die Hansestadt das 2013 reformierte Denkmalschutzgesetz zu verdanken, das alle Denkmäler gesetzlich schützt. Damit wurde ein entscheidender und lange überfälliger Schritt zur Erhaltung der historisch bedeutsamen Bauten, Gärten und Bodendenkmäler getan. Dazu hat sie es auch vermocht, den Personalabbau im Denkmalschutzamt umzukehren und einige Zeitstellen in unbefristete Arbeitsverträge umzuwandeln. Die Zusammenarbeit mit ihr während meiner Amtszeit als Leiter des Denkmalschutzamtes (2006–13) war durch ihre unkomplizierte und herzliche Art, ihre humorige Intellektualität und Offenheit im Denken eine große Freude und Bereicherung.

Frank Pieter Hesse, Hamburg

Auschwitz-Erfahrung ausgespart

8./9. Oktober: Die Klassen-Kämpfer. Wolf Biermann und Klaus-Michael Kühne im gemeinsamen Zeitungsinterview

Wenn sich Biermann mit Sartre ziert, versuche ich es mal mit Heinrich Böll. Aus dessen Kölner Wohnung rief mich 1976 Günter Wallraff an. Er sammelte Unterschriften für einen Protest an die DDR gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Tage zuvor hatte ich meine Familie vor dem Fernseher versammelt. Alle sollten das Kölner Konzert Wolf Biermanns sehen, der mir und meinen Freunden, darunter etlichen in der DDR, aus der Seele sang. Heute noch gehören Liedertexte und Melodien Wolf Biermanns zur eisernen Ration meines Bewusstseins. Mehr als befremdlich finde ich aber seine Reaktion auf die Dame damals in Warschau, die ihm einen Besuch in Auschwitz als Muss dringlich ans Herz legte, wenn er denn schon mal in Krakau sei. Er fand, dass er dies nicht nötig habe. Ich war in Krakau, und Auschwitz war für mich ein Muss. Auch ich glaubte, alles zu wissen, mich durch jahrzehntelange Scham hindurchgequält zu haben. Neue Erkenntnisse waren nicht zu erwarten. Das war ein Irrtum. Nach den Stunden in Auschwitz und Birkenau war ich lange Zeit nicht ansprechbar. Alle gedachten Wörter und Sätze wurden sofort kraftlos, verwarfen sich selbst, verblassten, lösten sich auf. Nur das Fühlen, das Empfinden war möglich, und das Schweigen war Gebot. Die Herren Biermann und Kühne haben sich eine solche mögliche Erfahrung erspart. Sie ist ihnen nicht zuteil geworden.

Achim Weers, Hamburg

Zwei Begegnungen mit Biermann

Bei den Biermann-Erinnerungen in diesem Interview denke ich an zwei kurze Begegnungen mit ihm. Die erste war 1963 im Audimax 2 der Universität, wo Biermann – gerade mal zehn Jahre DDR-Bürger – erstaunlich aufmüpfige, DDR-kritische Songs zum Besten gab, und das obendrein in einem Land, das in der DDR als Klassenfeind galt. An einen Song erinnere ich mich besonders gut, in dem es um einen Rohrverleger ging, der es wagte, nach westlichem Muster „offen“ zu tanzen und deswegen große Probleme mit Partei und Staatsapparat hatte. Ein zweites Mal traf ich Biermann vor vier Jahren auf dem Anleger in Övelgönne, auf dem ich mich ausgerechnet mit einem Ossi-Freund aus Wismar aufhielt. Wir plauderten ungefähr eine halbe Stunde, und mein Freund aus Wismar staunte nicht schlecht und hörte nur still zu, als Biermann in der ihm eigenen Art über die DDR-Bonzen vom Leder zog.

Dr. Bodo Neuhof, Halstenbek

Schlechte Erfahrungen

8./9. Oktober: Ist die klas­si­sche Ehe gut – oder böse?

Als Familienvater von vier Kindern und derzeit sechs Enkelkindern habe ich zwar nicht die Erfahrungen der wohnungssuchenden Familien machen müssen, weil ich ein Eigenheim besitzen durfte, aber ich kann Matthias Iken auf andere Weise durch mein persönliches Erleben recht geben: Als Mitarbeiter des damaligen LBK Hamburg stand meine Beförderung an. Die Zusage meines Chefs lag mir vor. Der Tarifvertrag enthielt soziale Familienleistungen für Kinder, wovon ich mit meinen vier Kindern finanziell profitieren konnte. Wie ich später erfahren musste, gefiel dies vor allem zwei homosexuellen Kollegen überhaupt nicht. Es gelang ihnen, meine Beförderung zu verhindern. Aber nicht nur dies, sie erreichten, dass die Familienleistungen aus einem mit den Gewerkschaften neu geschlossenen Vertrag für die Hamburger Krankenhäuser vollständig getilgt wurden. Es sollte ausschließlich auf die berufliche Tätigkeit ankommen. Man mag darüber streiten, ob dies ein berechtigtes Argument ist oder nicht. Auf der Strecke blieb dabei jedenfalls für alle Zukunft etwas, was zuvor noch galt, nämlich dass Eltern, wie damals ich als Alleinverdiener, mit ihrem Einkommen für mehrere Personen verantwortlich sind und eben nicht nur für sich selbst. Insofern bin ich stets berührt, wenn es heißt, dass dieser Personenkreis niemandem etwas wegnimmt.

Gerd Kirschenmann, Hamburg

Im Niemandsland der HafenCity

8./9. Oktober: Wohnung gesucht? Hier geht noch was. Die aktuellen Planungen für die Neubaugebiete

Es sind also 5200 neue Wohnungen in der HafenCity geplant. Potenzielle Käufer oder Mieter sollten wissen, dass sie sich – ebenso wie Hunderte von Angestellten in den neuen Bürogebäuden und Restaurants in der HafenCity – im zugigen Niemandsland des HVV befinden werden. Nur zwei weit voneinander entfernte U-Bahnhöfe, die tagsüber nur von Kurzzügen im Zehn-Minuten-Takt bedient werden, ein Bus (Linie 111), der alle 20 Minuten unter Auslassen von Haltestellen wegen Baustellen, die es nicht mehr gibt, zum Baumwall fährt, wo die Fahrgäste in ständig verspätete und zu den Hauptverkehrszeiten völlig überfüllte U-Bahnen umsteigen können. Es werden also Autos und Parkhäuser benötigt. Der Luft wird das nicht schaden, die ist ohnehin schon vom Feinstaub aus Schiffsschornsteinen verseucht.

Gabriele Ebert, per E-Mail