Briefe an die Redaktion

Briefe an die Redaktion: 3. Juni 2016

Vorsicht vor Pauschalurteilen

1. Juni: Wurzelbehandlung. 18-Jäh­ri­ger tot nach Zahn-OP

Es wäre das Verkehrteste, jetzt Zahnärzte pauschal vorzuverurteilen. Ich selbst habe mir vor einigen Jahren im Alter von 55 Jahren sieben Zahnimplantate in einer einzigen Behandlung in Vollnarkose einpflanzen lassen. Mein Zahnarzt war aber so verantwortungsvoll, dass er mich vorher zu ­ausführlichen Untersuchungen zum Internisten und zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt überwies und mir ein ausführliches Gespräch mit der Anästhesistin vermittelte. Die Operation dauerte von zehn Uhr bis etwa halb eins Uhr, und um halb drei Uhr war ich so klar bei Bewusstsein, dass ich mithilfe meiner Frau nach Hause fahren konnte. Ich würde jederzeit wieder bei meinem Zahnarzt eine vergleichbar große Behandlung bei Vollnarkose wählen.

Bernd Glodek, Hamburg-Schnelsen

Rücksichtslose Gaffer

1. Juni: Ret­tungs­ein­satz behindert – Rentner vor Gericht

Der Vorschlag der Richterin, die ganze Angelegenheit mit der Zahlung einer Geldbuße einzustellen, empört mich. Ein derartiges Verhalten straffrei ausgehen zu lassen ist nicht minder ignorant wie die Tat selbst. Offenbar gehören Missachtung von Hilfsorganen und Rücksichtslosigkeit zur Durchsetzung persönlicher Bedürfnisse in Deutschland inzwischen zum „guten Ton“. Gezielte Behinderung von Rettungsmaßnahmen sind also kein Straftatbestand. Kein Wunder, dass Sensationsgier und Gaffertum zu einer selbstverständlichen „Bereicherung“ menschlicher Verhaltensweisen geworden sind. Ich empfinde das als zutiefst abstoßend, aber bedauerlicherweise scheinen Mitgefühl und Rücksichtnahme langsam zu einer aussterbenden Umgangsform zu gehören.

W.-Rainer Müller-Broders, per E-Mail

Fahrradfahren steigert Fitness

31. Mai: ,Hamburg – keine Fahrradstadt‘. CDU legt eigenes Radverkehrs-Konzept vor

Stünde es Hamburg nicht gut zu Gesicht, unter den Millionenstädten eine Vorreiterrolle zu spielen? Ist es denn erstrebenswert, dass geschätzte 90 Prozent der Autofahrer alleine hinter dem Steuer sitzen und im täglichen Stau stehend die Luft verpesten? Ohnehin überschreitet Hamburg ständig die Grenzwerte für Feinstaub. Fahrradfahren entlastet nicht nur die Umwelt, sondern auch das Budget der Krankenkassen, da es, im Gegensatz zum Autofahren, die Fitness steigert. Es würden noch viel mehr Menschen, die im Berufsverkehr zügig vorankommen möchten, auf das Fahrrad umsteigen, wenn die Verkehrsverhältnisse dies zuließen. Ich freue mich sehr, dass auf den Straßen schon sehr viel mehr Radfahrer zu sehen sind. Fahrgemeinschaften oder Mütter, die ihre Kinder fahren, möchte ich ausdrücklich von meiner Kritik ausnehmen. Allerdings sollte dem Nachwuchs ab dem zweiten Schuljahr durchaus zugetraut werden, alleine den Schulweg zur in der Nähe befindlichen Schule zu bewältigen. Dies wäre auch ungefährlicher, wenn der Einzelpersonenautofahrer mehrheitlich auf Rad und öffentliche Verkehrsmittel umstiege. Allerdings gehört zu dieser Zukunftsmusik, dass Radfahrer sich wie Autofahrer an die Straßenverkehrsordnung zu halten haben.

Anita Schonhardt, per E-Mail

Den Opfern gerecht werden

31. Mai: Geplante Völkermord-Resolution im Bundestag. Massiver Druck auf Abgeordnete

Wie kann man den heutigen türkischstämmigen Menschen, die wohl mehrheitlich vehement gegen die bevorstehende Völkermord-Resolution des Deutschen Bundestages vorgehen, nur verständlich machen, dass man sie nicht mit Schuldzuweisungen an den Pranger stellen will, sondern dass der jetzt gewählte Zeitpunkt auch etwas mit unserer besonderen Form der Trauer- und Gedenkkultur zu tun hat, eingedenk der unrühmlichen Verstrickung des damaligen Deutschen Reiches? Es sind 100 Jahre vergangen, seit im türkischen Namen die unvorstellbaren Gräuel an dem christlichen Volk der Armenier begangen wurden, sodass man zur bevorstehenden Geste sagen muss: Wenn nicht jetzt – wann dann? Es würde den vielen Opfern gerecht werden und eine künftige Aussöhnung zwischen dem türkischen und dem armenischen Volk einfordern.

Horst Mahl, Wedel

Nur einer überlebte

31. Mai: Was von Gorch Fock bleibt. Der „Dichter der Nordsee“ begeisterte einst Millionen von Lesern

Meine Großeltern hatten mir – kaum dass ich lesen konnte – „Seefahrt ist not!“ geschenkt. Gorch Fock war mir früh ein Begriff. Als Kind in den 50ern lernte ich mit der täglichen Sendung „Hör mal’n beten to“ Plattdeutsch. Eine Sendung ist mir deutlich in Erinnerung geblieben: Rudolf Kinau erzählte mit zunehmend brüchig werdender Stimme vom Tod seines älteren Bruders Gorch Fock. Er schilderte bewegend, dass sein Bruder zusammen mit vielen seiner Kameraden der „SMS Wiesbaden“ in ihren Schwimmwesten ohne äußere Verletzungen angetrieben wurde. Offenbar musste der überlebende Teil der Besatzung das zerschossen sinkende Schiff verlassen, ohne dass ausreichend intakte Boote oder Flöße zur Verfügung standen. Er warf der kaiserlichen Marine bitter vor, keinerlei Suche veranlasst zu haben, obwohl nach der Schlacht sicherlich noch Hunderte Menschen lebend im Wasser trieben. Nun ja, Anfang Juni hat das Wasser im Skagerrak um die 13 Grad, ein Mensch überlebt in ihm maximal drei bis fünf Stunden. Die „Wiesbaden“ sank am 1. Juni 1916 gegen 2.45 Uhr nachts. 22 Mann konnten sich auf ein Floß retten, nach zwei Tagen wurde von ihm der einzige Überlebende der „Wiesbaden“ geborgen. Einer von 474.

Wolfgang Ahrens, Norderstedt

Authentischer Bericht

28./29. Mai: Von Mensch zu Mensch. Zirkus als For­schungs­pro­jekt. Akrobatik mit Jugendlichen mit Down-Syndrom

Ein sehr gelungener Bericht, authentisch und den Kern wiedergebend. Eine tolle Anerkennung für Alfred Rhöm und seine Truppe. Danke, dass Sie sich auch hier so engagiert haben. Ihre Seite empfinde ich immer wieder als sehr gelungen. Es gelingt Ihnen, Inhalte und Themen so lebendig auf das Papier zu geben, dass das Thema bei mir noch nachhaltig wirkt.

Evelyn Grollmus, per E-Mail

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