Briefe an die Redaktion

Briefe an die Redaktion: 16./17. April

Mitleid kommt auf

14. April: ,Verbale Lynchjustiz‘. Der Hamburger Jurist Gerhard Strate über TV-Moderator Jan Böhmermann

Echt jetzt, Herr Staranwalt? Ich zitiere: „Niemand hat das Recht, einen anderen Menschen als minderwertig auszugrenzen und verächtlich zu machen“ – „... eine von Böhmermanns perversen Fantasien ...“ – „die Einlassungen eines offensichtlich in der Pubertät stecken gebliebenen Satirikers“. Worauf will der Mann hinaus? Dass er es besser kann? Unterhaltsam ist es in der Tat, den Ausführungen dieses Advokaten zu folgen, der vermutlich zwanghaft auch beim Lesen dieser Zeilen nach dem fehlenden Winkel suchen würde, nur um sein Klagelied anzustimmen. Leider hat er nicht einmal den verdient. Denn spätestens das Heranziehen von Böhmermanns Twitter-Aktion als Beispiel dafür, dass dieser selbst „nicht einstecken kann“, lässt Mitleid aufkommen. Die intellektuellen Fähigkeiten zur Beurteilung von Satire sind vielleicht nicht ganz so ausgeprägt wie Geltungsbedürfnis oder Selbstbewusstsein. „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ möchte ich dem Mann noch zurufen. Und ahne zugleich, dass das nicht reichen wird. Deshalb beende ich diesen Leserbrief lieber mit Zitaten: „Im Gegensatz zur Satire sind der Dummheit keine Grenzen gesetzt.“ „Man muss Menschen vor den Kopf stoßen, damit sie lernen, ihn zu gebrauchen.“ (Alles von Dieter Hildebrandt).

Oliver Fröhlich, Ahrensburg

Menschen nehmen Schaden

Ich danke Herrn Strate sehr dafür, die aus dem Ruder gelaufene Diskussion um den Beitrag von Herrn Böhmermann wieder an den Punkt gebracht zu haben, der auch aus meiner Sicht entscheidend ist: Es hat nichts mit der Wahrung der Pressefreiheit zu tun, wenn hingenommen werden muss, dass eine Person wahllos mit Schmähungen und Beleidigungen überschüttet wird. Im Gegenteil, es schadet der Pressefreiheit, weil nicht mehr das tatsächliche, als falsch gebrandmarkte Verhalten der betreffenden Person im Mittelpunkt steht, sondern das völlig überzogene Bild, die Beleidigung an sich, gegen das sich der Betroffene zu Recht wehren kann. Im Fall Erdogan bedeutet dies, dass nicht mehr in erster Linie über die eklatanten Einschränkungen der Menschenrechte durch die Regierung Erdogan geredet wird, sondern, zunächst, über einen niveaulosen „Satiriker“, und dann höchstwahrscheinlich über einen Prozess, z. B. wegen Beleidigung, an dessen Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit Herr Erdogan recht bekommen wird. Das Signal, das davon ausgehen würde, liefe genau dem zuwider, was die Kritik an Erdogans Regierungentscheidungen eigentlich bewirken soll – zu zeigen, dass diese im Sinne von Freiheit und Menschenwürde Unrecht sind. Wie es besser geht, hat die „extra 3“-Satire gezeigt: Es braucht gar nicht viel an Zuspitzung, die Taten und Bilder sprechen, nur ein wenig aufbereitet, für sich. Auf dem Niveau einer Böhmermann-Satire bleiben Feinheiten wie diese – Satire und Kritik natürlich erlaubt, Beleidigung nicht erlaubt – unbeachtet. Den Schaden haben dann die betroffenen Menschen in der Türkei, deren Präsident sich letztendlich dort dann als im Recht seiend zeigen kann, und die Bevölkerung hier, der Schmähungen auf unterstem Niveau ohne Bezug zur Sache als Ausübung der Presse-und Meinungsfreiheit verkauft werden.

Kathrin Bröcking, per E-Mail

Nicht überraschend

Sehr geehrter Herr Strate, sehr geehrtes Abendblatt, schade, dass Sie es versäumt haben, sich sachlich mit dem Thema Böhmermann auseinanderzusetzen. Im Gegenteil! Aus Ihren Zeilen spricht gerade nicht die juristische Sachlichkeit, die jetzt von seriösen Juristen zur Beruhigung der aufgeheizten Stimmung nötig wäre, die Sie selbst auch einfordern, um den Blick auf wesentliche Fragen politischen und gesellschaftlichen Lebens zurückzulenken. Ihre Wut über die gewählten Worte Böhmermanns ist ja verständlich, aber eben alles andere als neu und überraschend. Hinweise auf die Zeit der Hexenprozesse mögen justizhistorisch für einige interessant sein, aber in diesem Fall eben auch völlig unpassend, weil es dankenswerterweise die Seite der Folterer in unserem Land gar nicht mehr gibt. Wem sollte Böhmermann also zuarbeiten? Die Geschichte zu Twitter und Facebook hat mit dem Geschehen so rein gar nichts zu tun und dient lediglich der Diffamierung Böhmermanns und eben nicht einer juristisch fundierten sachlichen Aufarbeitung des „Falles“.

Dirk Outzen, per E-Mail

Wo waren diese Stimmen?

Leserbriefe, Kommentare und Berichterstattungen geistern täglich durch alle Medien. Viele entrüsten sich, sogar ein Staranwalt bekommt einen Raum für seine Meinung. Wo waren alle diese Stimmen, als Frau Merkel und Herr Schäuble als Nazis mit Hakenkreuz und beleidigenden Worten beschimpft wurden? Die hatten sich staatsmännisch verhalten.

J. Heinrichs, Buchholz