Berlin. Eine Arte-Doku berichtet über die vielen tausend Kinder, die aus der Ukraine nach Russland verschleppt wurden. Menschenrechtlerinnen folgen kriminalistisch jeder noch so kleinen Spur.

Der Internationale Strafgerichtshof hat im vergangenen Jahr Haftbefehl gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin erlassen. Nicht wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine, nicht wegen der Bombardierung des Nachbarlandes, sondern wegen der Verschleppung ukrainischer Kinder. Deportation oder Vertreibung der Bevölkerung aus einem eroberten Gebiet ist als Kriegsverbrechen strafbar.

Die ukrainische Regierung hat Informationen über etwa 20.000 Kinder und Jugendliche, die nach Russland und in andere russisch kontrollierte Gebiete gebracht worden sein sollen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein. Russland weist eine Verschleppung der Kinder zurück; es gehe um die Evakuierung aus gefährlichen Kriegszonen oder um Erholungsaufenthalte.

Zweiter Jahrestag des russischen Angriffkriegs

Doch welchen Albtraum durchleben Eltern, wenn ihr Kind durch den Krieg verschwindet und sein Schicksal ungewiss ist? Und wie sucht man nach Kindern, deren Spuren sich hinter Fronten und Grenzen verlieren? Das erzählt eindrücklich der BBC-Dokumentarfilm „Die verschleppten Kinder der Ukraine“ des britischen Filmemachers Robin Barnwell.

Arte zeigt den Film am Dienstag (6. Februar) um 21.45 Uhr in einem Schwerpunkt zum nahenden zweiten Jahrestag des russischen Angriffskriegs. Auch die Dokumentationen „Ukraine: Jagd auf Kriegsverbrecher“ (20.15 Uhr) und „War and Justice“ (23.10 Uhr) sind an dem Abend zu sehen.

Ein ganzes Kinderheim verschwindet

Dokumentarfilmer Barnwell („Die Überlebenden von Mariupol“) stellt einen Fall in den Mittelpunkt, zu dem es Belege auf beiden Seiten der Front gibt - den Abtransport von 48 Kindern aus einem Kinderheim der südukrainischen Stadt Cherson im Oktober 2022. Cherson wurde wenige Tage nach Kriegsbeginn im März 2022 von russischen Truppen besetzt.

Im Keller einer Kirche fanden die Kinder Schutz vor den Bomben. Die Moskauer Vizeparlamentspräsidentin Anna Kusnezowa besuchte das Heim. Der Abtransport kam, als sich der Rückzug der russischen Truppen aus der Stadt schon abzeichnete. Es gibt Videoaufnahmen davon, ein Parlamentsabgeordneter führte das Kommando.

Eines der vermissten Kinder war Viktor, damals zwei Jahre alt. Seine Eltern leben in der Region. Er war zur Vorbereitung auf eine Operation seiner Gaumenspalte in dem Heim. Der Film zeigt, wie Mutter Olha ihren Sohn auf dem Video des Abtransports erkennt. Vor der kleinen Tochter verbergen die Eltern ihren überwältigenden Kummer: Der Vater geht zum Weinen in den Garten, die Mutter versteckt sich, wie sie sagt.

Ein besonders gruseliger Fall ist das Verschwinden der Kleinkinder Marharita und Ilja aus dem Heim in Cherson schon vor dem Abtransport der anderen. Der Film führt viele Indizien dafür auf, dass ein ranghoher russischer Politiker und seine Frau sie adoptiert haben könnten.

„Das sind illegale Deportationen und Zwangsumsiedlungen, absolut dreiste Entführungen“, sagt Viktorija Nowykowa vor der Kamera. Die Menschenrechtlerin und ihre Kolleginnen sind die guten Engel des Films. Sie helfen den Eltern, durchforsten mit kriminalistischem Spürsinn Fotos, Videos, soziale Netzwerke, Passagierlisten und andere Quellen nach Spuren der Vermissten. Es ist wie an vielen Stellen in der angegriffenen Ukraine: Freiwillige leisten die Vorarbeit, damit der überlastete Staat seinen Aufgaben nachkommen kann.

Die Kiewer Rechtsanwältin Kateryna Bobrowska hält in Chats Kontakt zu dem 17-jährigen Bohdan Jermochyn - ebenfalls ein Fall, der öffentlich Wellen geschlagen hat. Bohdan wurde aus Mariupol zu einer Pflegefamilie bei Moskau gebracht. Ihm drohte mit dem 18. Geburtstag die Einberufung in die russische Armee, um gegen seine Heimat zu kämpfen.

Für die wenigsten Kinder gibt es ein Happy End

Es gehört zu einem guten Film, dass es für einige Hauptfiguren ein glückliches Ende gibt: Manche Kinder kehren heim. Nach offiziellen Kiewer Angaben ist es bislang gelungen, etwa 400 Minderjährige zurück in die Ukraine zu holen. Doch die meisten ukrainischen Kinder bleiben unter russischer Herrschaft, sollen oft mit neuen Namen und Identitäten aufwachsen.

Die oberste Verantwortung für dieses mutmaßliche Kriegsverbrechen sieht der Internationale Strafgerichtshof bei Putin und bei der russischen Kinderrechtsbeauftragten Maria Lwowa-Belowa - auch gegen sie wurde Haftbefehl erlassen. Im Februar 2023 wurde bekannt, dass Lwowa-Belowa selbst einen 15-jährigen Jungen aus Mariupol adoptiert hat.

Die Ukraine sieht die Rückholung der Kinder als eine Hauptaufgabe an und mobilisiert auch internationale Unterstützung dafür. Präsidentengattin Olena Selenska besuchte dieser Tage eine Konferenz in Riga über das Problem der verschleppten Kinder. „Tausende Kinder sind noch in Gefangenschaft“, sagte sie. „Wir rufen die Welt auf, sofort zu handeln.“