Nachwirkungen bis heute

TV-Tipp: Ein Giftanschlag erschüttert die Welt

Lesedauer: 4 Minuten
Silvia Kusidlo
Noch weiß Ermittler Nick Bailey (Rafe Spall) nicht, dass er selbst zum Opfer des Giftanschlags wird.

Noch weiß Ermittler Nick Bailey (Rafe Spall) nicht, dass er selbst zum Opfer des Giftanschlags wird.

Foto: James Pardon / dpa

Vier Folgen am Stück: Der Sender Arte zeigt am heutigen Donnerstag eine BBC-Miniserie zum Nowitschok-Attentat von Salisbury.

Hamburg.  4. März 2018. Ein älterer Mann und eine jüngere Frau sitzen auf einer Parkbank: Sie sind nicht ansprechbar, ihre Körper zucken merkwürdig. Passanten schlagen Alarm. Haben die beiden etwa eine Überdosis Drogen genommen? Niemals, sind sich herbeigerufene Polizisten sicher. Gut gekleidet, Kreditkarte, der Mann über 60 Jahre alt – so sehen doch keine Junkies aus! Was zu diesem Zeitpunkt noch kein Helfer oder Ermittler ahnt: Vor ihnen sitzen die Opfer eines Anschlags, der binnen kurzer Zeit nicht nur ihre idyllische Kleinstadt in Südengland erschüttern wird, sondern die ganze Weltpolitik.

Der Giftanschlag von Salisbury“ heißt eine spannende BBC-Serie, die der Sender Arte heute Abend in vier Folgen hintereinander zeigt. Der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia kamen bei dem Anschlag mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok, einem der gefährlichsten Gifte der Welt, nur knapp mit dem Leben davon.

Skripals werden in dem Drama nicht direkt dargestellt

Sergej Skripal arbeitete für den russischen Militärnachrichtendienst GRU und den britischen Auslandsgeheimdienst MI6. Im Jahr 2004 flog er auf und wurde zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. 2010 wurde der Ex-Spion bei einem Gefangenenaustausch freigelassen und durfte sich in Salisbury niederlassen.

Ungewöhnlich und zugleich die Stärke der Miniserie ist, dass die Skripals – bis auf die Szene auf der Parkbank – nicht direkt in dem Drama dargestellt werden. Stattdessen stehen andere Personen im Fokus – etwa um die Expertin Tracy Daszkiewicz. Sie war damals Direktorin des zuständigen Gesundheitsamtes und hatte vor allem die Aufgabe, die weitere Verbreitung des Nervengifts, das schon in winzigen Spuren tödlich sein kann, zu verhindern. Zudem sollte sie die Bürger beruhigen, die bis zur Aufklärung des Falls in großer Sorge lebten. Teile der Stadt wurden für lange Zeit gesperrt, große Areale dekontaminiert und fieberhaft danach gesucht, wie und wo man die Skripals wohl vergiftet haben könnte – die Täter hatten die Substanz an eine Hausklinke geschmiert.

Drei Personen kamen mit Nervengift in Kontakt

Trotz aller Bemühungen kamen noch drei Personen mit dem Nervengift in Kontakt: Polizist Nick Bailey – hervorragend gespielt von Rafe Spall – sowie eine alkoholkranke Frau und deren Freund. Sie alle kämpften um ihr Leben. Doch es gab kein Happy End. Die Frau, eine dreifache Mutter, starb qualvoll: Ihr Partner hatte einen weggeworfenen Flakon mit einer Flüssigkeit gefunden, die er für Parfüm hielt und ihr schenkte. Sie sprühte sich damit ein – das Fläschchen enthielt Nowitschok. Wer überlebte, litt noch lange unter Folgeschäden. Ermittler Bailey quittierte schließlich den Dienst, nach 18 Jahren, wie er im vergangenen Oktober bei Twitter mitteilte. „Dabei wollte ich Polizist werden, seitdem ich ein Teenager war.“

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Und was machen die Skripals heute? Julia Skripal verabschiedete sich Ende Mai 2018 in einem britischen TV-Interview – an ihrem Hals war eine große Narbe zu erkennen, denn sie musste lange über einen Schlauch in der Luftröhre beatmet werden. Vater und Tochter leben nun irgendwo im Geheimen, die Spekulationen reichen von Großbritannien bis Neuseeland. Die Täter sollen sich in Russland aufhalten. All das löste schwere politische Verwerfungen zwischen dem Westen und dem Kreml aus – und hallt bis heute nach.

Der Giftanschlag 21.05 Uhr , Arte