Filmprojekt

Wacken Open Air als TV-Serie: Das steckt dahinter

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Volker Behrens
Metal-Fans müssen sich bis zum nächsten Sommer gedulden – in Wacken spielt die Musik erst 2022 wieder.

Metal-Fans müssen sich bis zum nächsten Sommer gedulden – in Wacken spielt die Musik erst 2022 wieder.

Foto: Axel Heimken / dpa

Regisseur Lars Jessen und Schauspieler Charly Hübner verwirklichen einen Mehrteiler über das berühmte Festival. Die Hintergründe.

Hamburg. Bis zum Montag hatten die Metalfans noch gehofft. Da war das Wacken Open Air das einzige größere Musikfestival, das noch nicht abgesagt worden war. Am Dienstag kam dann die schlechte Nachricht. Das WOA fällt aus. Ende Juli hätte man in dem kleinen Ort gern wieder mit Fans aus über 80 Ländern gefeiert. Auch im vergangenen Jahr war das Festival Opfer der Corona-Pandemie geworden. Stattdessen können sich die Dorfbewohner jetzt auf demnächst anstehende Dreharbeiten konzentrieren. Wacken soll „Hauptdarsteller“ in einer mehrteiligen TV-Serie werden. Die Berliner Florida Film hat sich die Rechte gesichert.

Hinter dem Projekt stehen zwei Filmemacher aus Hamburg. Der Schauspieler und Regisseur Charly Hübner soll in der Serie nicht nur vor der Kamera stehen, sondern ist auch im Hintergrund als Showrunner tätig, der die Abläufe überwacht. An seiner Seite steht der Produzent und Regisseur Lars Jessen. Zurzeit entstehen die Drehbücher. Die beiden Wacken-Festivalgründer Thomas Jensen und Holger Hübner waren auf sie zugekommen und hatten gefragt, ob sie sich ein Filmprojekt vorstellen könnten. Sie konnten. Deshalb heißt es jetzt: Jessen und Hübner verfilmen Jensen und Hübner.

Produzent hat mit Wacken „eine Rechnung offen"

„Ich habe mit dem Ort noch eine Rechnung offen, denn ich bin 20 Kilometer entfernt davon aufgewachsen“, sagt Jessen, der diesmal als Produzent fungiert. Ihm liegt nicht nur die Musik, sondern auch der Zungenschlag der Leute aus der „sagenhaften Wilstermarsch“ besonders am Herzen, denn „aus dieser Sprache bin ich gemacht“. Der Ort, der zu Nicht-Festival-Zeiten „völlig normal“ wirke, habe sich prächtig rausgemacht, findet er. „Früher hat man im Ausland gesagt, ich komme aus der Nähe von Hamburg. Heute heißt es: Ich komme aus der Nähe von Wacken.“

Dass Schauspieler Hübner durchaus auch Ambitionen als Regisseur hat, merkte Jessen, als er ihn fragte, ob er beim Kompilationsfilm „16 x Deutschland“ der ARD mitmachen wollte. Jessen drehte dafür einen Beitrag über das Verschwinden der Landgasthöfe in Schleswig-Holstein, Hübner thematisierte Naturidyll und Naziaufmärsche in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern. „Ich habe Charly damals einfach beim Einkaufen gefragt, ob er sich das vorstellen könnte“, erinnert sich Jessen. Hübner konnte, denn wie Jessen heute weiß: „Charly ist ein Metalhead.“

„Alle Sorgen der Welt in Kult und Party verwandeln“

„Die Geschichte vom Glück im Rausch der ewigen Feier, des Lärms und der Liebe, eingebettet im Kosmos von stromverzerrten Gitarrenklängen und Heldengeschichten, abgeschottet im eigenen ,Schlaraffenland‘ der Wildheit und der Sorglosigkeit“, beschreibt Charly Hübner selbst seine Vorstellungen von der Serie. „Unsere Geschichte ist eben auch die Geschichte davon, wie Thomas und Holger das ganze Dorf Wacken, wie einst schon Asterix und Obelix in Gallien, zusammenrufen, um alle Sorgen der Welt in Kult und Party zu verwandeln.“

Vor vier Jahren inszenierte Hübner „Wildes Herz“, eine viel beachtete und mit dem Gilde-Filmpreis ausgezeichnete Dokumentation über den Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, Jan Gorkow. Einer der Produzenten war Jessen. „Dadurch bin ich erst so richtig in die Produzentenrolle reingerutscht“, sagt er heute. „Ich mag auch ganz gern mal am Spielfeldrand stehen und will den Leuten nicht so viel reinlabern.“ Und da Hübner vor Kurzem aus dem Rostocker „Polizeiruf 110“ ausgestiegen ist, müsste der Schauspieler jetzt auch mehr Zeit haben, auch wenn er ja noch als Ensemblemitglied im Deutschen Schauspielhaus gebraucht wird.

Wacken bietet 30 Jahre Festivalgeschichte

Nach mehr als 30 Jahren Festivalgeschichte haben die Gründer Jensen und Holger Hübner bestimmt eine Menge zu erzählen. Es soll insbesondere um den Gründungsmythos des Festivals gehen, das 1990 mit nur 800 Zuschauern begann. „Wie sah der Funke aus für das Feuer?“, fragt sich Jessen. „Da kamen Leute zusammen, die normalerweise nichts miteinander zu tun hatten. Wie kann man gemeinsam so etwas schaffen? Wir sehen heute überall Spaltung. Wir wollen dagegen von Gemeinschaft erzählen. Dafür steht das Wacken Open Air für mich.“

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Zur Vorbereitung hat er sich hoch einmal Detlev Bucks Regiedebüt „Erst die Arbeit und dann“ angesehen. Er ist außerdem Fan von Cho Sung-hyungs humorvoller Wacken-Doku „Full Metal Village“. Jessen hat momentan viele Eisen im Feuer. Der 52-Jährige, der schon „Großstadtrevier“, „Tatort“, „Der Dicke“ und „Mord mit Aussicht“ inszeniert hat, ist derzeit mit der Comedy-Serie „Check Check“ bei ProSieben im Rennen. Dass er auch ein Händchen für Musikthemen hat, bewies er in der Mockumentary „Fraktus“. Als Produzent kümmert er sich um mehrere Regieprojekte des Schauspielers Jan Georg Schütte. Aber seine Regietätigkeit lässt er nicht versanden. Ab August will er Dörte Hansens Bestseller „Mittagsstunde“ verfilmen. „Ich bin sehr froh, dass wir da den Zuschlag bekommen haben“, so Jessen. In der Hauptrolle: Charly Hübner. Wer sonst?