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Preisgekrönter NDR-Dokumentarfilm frei inszeniert?

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Frei inszeniert? Eine Szene aus der angeblichen Doku „Lovemobil“, die für den Grimme-Preis nominiert war.

Frei inszeniert? Eine Szene aus der angeblichen Doku „Lovemobil“, die für den Grimme-Preis nominiert war.

Foto: WDR/NDR

NDR sperrt die Dokumentation "Lovemobil" in Mediathek. Nominierung für den renommierten Grimme-Preis wird zurückgezogen.

Hamburg.  Wer den Schaden hat – muss selbst für Aufklärung sorgen. So ergeht es derzeit dem NDR. Grund ist ein Beitrag, der bisher im Genre Dokumentarfilm angesiedelt war, im Vorjahr für kurze Zeit im Kino auf einigen Festivals lief und in der Nacht zum 9. Dezember um 0.30 Uhr im NDR-Fernsehen versendet wurde. Dennoch sorgt „Lovemobil“, so der Titel, für viel Wirbel: Er ist offensichtlich gar kein Dokumentarfilm.

Am Dienstagmorgen wurde Anja Reschke, nicht nur Moderatorin das ARD-Politikmagazin „Panorama“, sondern auch Leiterin des Programmbereichs „Kultur und Dokumentation“ des NDR-Fernsehens, dazu live auf NDR Info befragt. Zuvor hatte sich ihr Vorgesetzter Frank Beckmann, NDR-Programmdirektor Fernsehen, in einer Pressemitteilung geäußert: „Der Film ,Lovemobil‘ entspricht nicht den Standards, die der NDR an dokumentarisches Erzählen anlegt. Er gaukelt dem Publikum eine Authentizität vor, die er nicht hat.“

Zahlreiche Situationen sind offenbar inszeniert

Der NDR beruft sich auf Recherchen der hauseigenen Redaktion „STRG_F“, wonach Teile des Films frei inszeniert seien. Der Film soll auf Basis von Recherchen der Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss entstanden sein, wichtige Protagonistinnen schilderten darin aber nicht persönliche Erfahrungen, „sondern spielen eine Rolle. Zahlreiche Situationen sind nachgestellt oder inszeniert“.

„Lovemobil“ erzählt das Leben von Prostituierten, die unter entwürdigenden Umständen in Wohnmobilen an Bundesstraßen in Niedersachsen arbeiten. Lehrenkrauss entschuldigte sich, wenn sich Menschen nun durch den Film betrogen fühlten. „Das war nicht meine Absicht“, sagte sie.

NDR stehe mit der Aufklärung des Vorfalls noch am Anfang

Sie habe an einzelnen Stellen die mit wirklichen Prostituierten recherchierten Begebenheiten mit Darstellerinnen nacherzählt, um die Frauen zu schützen oder weil eine Filmaufnahme am Ende nicht möglich gewesen sei. Sie habe den NDR gebeten, den Film als künstlerischen Film zu kennzeichnen. „Es hat einfach an der richtigen Etikettierung gefehlt.“ Bei einem der „Freier“ soll es sich um einen Bekannten der Autorin gehandelt haben.

Die Redaktion war nach Senderangaben während der mehrjährigen Produktionszeit zu keinem Zeitpunkt über die Inszenierungen informiert worden. Der NDR stehe mit der Aufklärung des Vorfalls noch am Anfang, sagten Anja Reschke und Programmdirektor Beckmann.

NDR-Dokumentarfilmredaktion war auch als Co-Produzent beteiligt

Das Pikante: Die NDR-Dokumentarfilmredaktion begleitete den Langzeit-Film von vier Jahren nicht nur redaktionell und nahm ihn ab. Sie war auch als Co-Produzent beteiligt; finanziert wurde das Projekt unter anderem von Nordmedia Filmförderung, an welcher der NDR zu 20 Prozent beteiligt ist (der Rest verteilt sich aufs Land Niedersachsen, die Hansestadt Bremen und Radio Bremen).

Als Reaktion auf die vom NDR bekannt gemachten Unstimmigkeiten wurde am Dienstag die Ernennung für den renommierten Grimme-Preis zurückgezogen. Grimme-Direktorin Frauke Gerlach sagte: „Nach Kenntnisnahme der massiven Vorwürfe rund um den Film ,Lovemobil‘ hat die Nominierungskommission entschieden, der Produktion aufgrund schwerwiegender Verstöße die Nominierung zu entziehen.“

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Außerdem überprüft der Südwestrundfunk (SWR) die Vergabe des Deutschen Dokumentarfilmpreises 2020, den Lehrenkrauss für „Lovemobil“ erhalten hatte. Man werde „die Auszeichnung gegebenenfalls aberkennen“, teilte der SWR am Dienstag mit. Bis zur Klärung des Sachverhalts ruht für Elke Margarete Lehrenkrauss auch die Mitgliedschaft in der Jury des diesjährigen Preises. Preisträger sind in der Regel in der Hauptjury des nachfolgenden Jahres vertreten.

Der NDR will den Sachverhalt in seinen Programmen transparent machen. Nach dem NDR-„Kulturjournal“ am späten Montagabend berichtete gestern Abend „Panorama 3“ über den Fall. „Love­mobil“ wird so schnell aber nicht mehr zu sehen sein – der Film wurde aus der ARD-Mediathek genommen und er ist für Wiederholungen gesperrt.

( HA/dpa )

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