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Zukunfts-Drama „Ökozid“: Angela Merkel vor Gericht

Martina Eitner-Acheampong als Ex-Kanzlerin Angela Merkel vor dem Internationalen Gerichtshof. Hat sie gegen die Klimakrise nicht genug unternommen?

Martina Eitner-Acheampong als Ex-Kanzlerin Angela Merkel vor dem Internationalen Gerichtshof. Hat sie gegen die Klimakrise nicht genug unternommen?

Foto: Julia Terjung / dpa

In dem Film, der in der ARD ausgestrahlt wird, muss sich die Bundeskanzlerin a. D. für die Klimakrise verantworten.

Hamburg.  „#Wie leben?“ lautet das Motto der ARD-Themenwoche, die gerade läuft. Heute gibt es in diesem Rahmen ein Stück Zukunftsmusik. Im Drama „Ökozid“ – es spielt im Jahr 2034 – steht die Bundesrepublik Deutschland vor Gericht. 31 Staaten werfen ihr die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen vor. Schauplatz ist der Internationale Gerichtshof, der wegen Hochwassers aber nicht in Den Haag tagen kann, sondern nach Berlin ausweichen muss. Im Gericht zugegen ist auch die betagte frühere Kanzlerin Angela Merkel (gut: Martina Eitner-Acheampong). Die Besetzung ist hochkarätig: Ulrich Tukur, Edgar Selge, Nina Kunzendorf, Friederike Becht. Regie führt einer von Deutschlands besten Dokumentarfilmern: Andres Veiel („Die Spielwütigen“, „Black Box BRD“).

Hamburger Abendblatt: Sie haben wieder ein Gerichtsdrama gedreht, etwas Ähnliches haben Sie ja auch schon mit „Der Kick“ gemacht. Da hört man oft starke Dialoge. Stört es Sie nicht, dass die Möglichkeiten, etwas visuell zu erzählen, dabei stark eingeschränkt sind?

Andres Veiel: Nein, denn es rückt den Fokus auf das Wesentliche. Wir wollten zeigen, wie die Fetzen fliegen zwischen Kläger und Verteidigung. Liebesgeschichten, Eifersuchtsdramen oder Bettszenen zwischen Verteidigern und Klägern hätten da nur gestört. Wir bleiben bei der Emotionalität des Faktischen.

Sie schaffen in Ihrem Film etwas, was in der Realität nie funktioniert: ein Land auf die Anklagebank zu bringen.

Veiel: Das ist tatsächlich in dieser Form momentan noch Zukunftsmusik. Aber verschiedene Leute aus dem Max-Planck-Institut für Völkerrecht haben uns bestätigt, dass es immer wahrscheinlicher wird, dass so ein Verfahren kommt. Nicht alle Länder haben den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anerkannt. Aber Deutschland hat es, könnte also auch verklagt werden.

Ihr Film macht noch einmal das skandalöse Verhalten der Autoindustrie klar. Glauben Sie, dass sich bis zum Zeitpunkt der Filmhandlung 2034 daran etwas ändert?

Veiel: Der Druck, unter dem die Automobilindustrie heute steht, ist ganz stark bedingt durch Versäumnisse in der Vergangenheit. Sie sind sowohl durch politische Fehlentscheidungen verursacht worden als auch durch Entscheidungen in den Vorstandsetagen. Sie haben weiter auf Verbrennermotoren, SUVs und das Luxussegment gesetzt. Anfang der 2000er war Deutschland eines der ersten Länder, das sich mit Wasserstoffantrieb beschäftigt hat. Dieser Vorsprung wurde durch ein auf kurzfristige Gewinnmargen angelegtes Denken verspielt. Jetzt hinkt unser Land hinterher und muss den Vorsprung der anderen irgendwie aufholen. Das rächt sich jetzt massiv. Es ist nicht nur ein politisches und moralisches Versagen. Die Frage der Klimagerechtigkeit steht im Raum.

Wollten Sie Angela Merkel von Anfang an mit an Bord haben?

Veiel: Ja. Wir haben zuerst an einen Strafprozess gedacht, angelehnt an ein neues internationales Umweltstrafrecht. Das wird bereits vielfach diskutiert: Präsident Macron hat vorgeschlagen, einen Ökozid-Paragrafen in der Verfassung zu verankern. Das ist natürlich heikel, denn jedem Politiker, der etwas nicht abwendet, könnte man unterstellen, dass er es fahrlässig zulässt. Damit würde er sich dann strafbar machen. Es kann ja nicht darum gehen, Angela Merkel oder Gerhard Schröder in Handschellen vor ein Gericht zu bringen. Es geht vielmehr darum, zu zeigen, wie weit der Verantwortungsbegriff geht.

Wie kann man Deutschland da zur Verantwortung ziehen?

Veiel: Natürlich nur mit einem Recht, das über dem nationalen Recht steht, also die UN-Charta, Artikel 6, in der es um das Recht auf Leben geht, das hier eingeschränkt wurde. Das ist für jedes Gericht eine wahnsinnige Verantwortung.

Was sagen Sie zur aktuellen Dokumentarfilmflut in den Kinos?

Veiel: Mittelfristig stellt sich die Frage: Wie viele Leute erreiche ich da? Selbst wenn in zwei Jahren die Kinos zurückkommen, wird die Kinolandschaft eine andere sein, weil viele Kinos es nicht durchgehalten haben. Und wie sollen sie sich gegenüber Netflix und den anderen Streamingdiensten abgrenzen? Wie können Einzelstücke gegenüber den Serien behaupten? Ich glaube, indem sich das Kino noch stärker auf sich selbst besinnt, auf den Ort der physischen Begegnung und der Kommunikation. Ich glaube, dass das Kino ein Ort bleiben wird, wo auch Fragen jenseits des Eskapismus, Grundfragen unserer Existenz, gemeinschaftlich mit den Menschen, die die Filme gemacht haben, verhandelt werden. Das wird nicht weniger, sondern mehr. Die Sehnsucht, sich wieder physisch zu begegnen, nimmt zu. Das merke ich jetzt schon. Die Kinos werden von den Menschen wieder gestürmt werden.

„Ökozid“ 20.15 Uhr, ARD