„Höhle der Löwen“

Ralf Dümmel: Vom Ruhestörer zu Möbel Kraft

Lesedauer: 15 Minuten
Miriam Opresnik
33 Jahre später: Ralf Dümmel trifft den früheren Personalchef von Möbel Kraft, Bernd Schindzielorz. Mit ihm hat er den ersten Deal seines Lebens gemacht.

33 Jahre später: Ralf Dümmel trifft den früheren Personalchef von Möbel Kraft, Bernd Schindzielorz. Mit ihm hat er den ersten Deal seines Lebens gemacht.

Foto: Michael Rauhe

Wie der Star-Investor aus der Höhle der Löwen die einzige Bewerbung seines Lebens schrieb und seinen ersten Deal machte.

Hamburg. Es ist schon spät am Nachmittag, als sich Ralf Dümmel in seinem Kinderzimmer an den Schreibtisch setzt und in seiner Schultasche nach dem blauen Geha-Füller kramt. Er öffnet eine der Schreibtischschubladen, holt ein liniertes DIN-A4-Blatt heraus und streicht es glatt. Dann überlegt er, was er schreiben soll. Wie er anfangen soll.

In der Schule haben sie heute über die Zukunft gesprochen. Was sie nach der Hauptschule machen wollen. Sie sind in der 9. Klasse, in sechs Monaten ist Schluss. Ralf kann es kaum erwarten. Die Schule nervt ihn. Nach den Sommerferien ist er in eine neue Klasse gekommen. Die 9d. Ende der Achten war der Jahrgang zu groß, aus drei Klassen mussten vier gemacht werden. Sein Lehrer sagt ihm, dass die Besten aus jeder Klasse dafür ausgewählt werden. Ralf ist einer von ihnen. Am ersten Schultag nach den Ferien hat er einen neuen Lehrer. Er begrüßt die Klasse mit den Worten: „So, ihr seid also die Problemfälle.“ Ralf ist irritiert, glaubt an ein Missverständnis. Nach der Stunde spricht er den Lehrer an. Dieser lacht. „Die Besten? Nein! Ihr seid die Ruhestörer. Deswegen wurdet ihr rausgenommen. Damit die anderen in Ruhe lernen können.“

Die meisten seiner Freunde sind noch in der Klasse b. Sie haben noch keinen Plan, wie es nach der Schule weitergeht. Ralf schon. Wenn man in der Nähe von Bad Segeberg aufwächst, wird man entweder Winnetou bei den Karl-May-Festspielen oder geht zu Möbel Kraft. Er will zu Möbel Kraft. Schon immer. Solange er denken kann. Er ist 15 Jahre alt. „Sehr geehrter Herr Schindzielorz“, schreibt Ralf in ungelenker Schrift auf das Papier. Er hat den Namen bei seinem Vater erfragt, der im Möbelhaus arbeitet und fast alle dort kennt. In der Schule haben sie besprochen, wie man eine Bewerbung schreibt. Er will sie persönlich hinbringen. Zusammen mit seinem Zeugnis. Damit seine Bewerbung nicht untergeht. Die Ausbildungsplätze bei Möbel Kraft sind beliebt. Auf einen freien Platz kommen zehn Bewerber. Er hätte natürlich seinen Vater fragen können, ob er ein gutes Wort für ihn einlegt. Doch das will er nicht. Er will es alleine schaffen.

Der Personalchef bittet Dümmel mitzukommen

Vor ein paar Tagen hat er in Bad Segeberg Passfotos gemacht. Vier Stück für 5 D-Mark. Mit der Schere schneidet er das oberste Bild ab und befestigt es mit einer Büroklammer an dem Brief. Dann steckt er alles in eine Klarsichthülle mit weißem Lochrand, die er noch hat. Fertig. Ralf ist stolz. Es ist die erste Bewerbung in seinem Leben. Es wird die letzte sein, die er jemals schreibt.

Ein paar Tage später, als sich seine Freunde nachmittags zum Fußballspielen treffen, fährt Ralf Dümmel mit dem Bus von Wahlstedt nach Bad Segeberg. Der Bus hält direkt gegenüber von Möbel Kraft. Er kennt sich aus. Möbel Kraft gehört zu seinem Leben. Seit er klein ist, kennt er den Weg vom Eingang zum Kinderkino. Die Rolltreppe hoch, dann links herum, durch die Wohnzimmerabteilung. An der Decke hängen bunte Pappfische. Früher sind sie sonntags oft hergefahren. Die Eltern haben Möbel angeguckt, Ralf und sein Bruder waren im Kinderkino. Danach haben sie gemeinsam Erbsensuppe gegessen und sind wieder nach Hause gefahren. Ein Familienausflug. Jetzt haben sie das schon lange nicht mehr gemacht. Die Kinder sind groß, führen ihr eigenes Leben.

Als Ralf Dümmel zur Information geht, sind seine Hände feucht. Er ist aufgeregt. Zu Hause hat er geplant, die Bewerbung nur abzugeben. Dann überlegt er es sich anders. Er lässt Herrn Schin­dzielorz ausrufen. Er will ihm die Bewerbung persönlich übergeben. Doch dann bittet ihn der Personalchef mitzukommen. Sie gehen durch die Abteilung Junges Wohnen, vorbei an Sitzsäcken und bunten Sofas mit Schlaffunktion. Hinter dem Verkaufsraum liegen ein paar Büros. Bernd Schindzielorz öffnet eine Tür, bittet Ralf herein. Dann fängt er an, sich mit ihm zu unterhalten. Das Gespräch dauert 35 Minuten.

Das Verhalten von Dümmel imponiert Schindzielorz

Dann sagt Herr Schindzielorz: „Das war ein gutes Gespräch! Aber wir können Sie leider nicht nehmen.“ Ralf Dümmel schüttelt den Kopf. Er versucht zu realisieren, was er hört, kann es aber nicht verstehen. Nicht glauben, nicht hinnehmen! „Warum nicht?“, fragt er schließlich. „Wir nehmen keine Hauptschüler“, sagt der Personalchef, steht auf und hält Ralf Dümmel die Hand hin. Er will sich verabschieden. Ein Satz, Sekunden nur. Doch es reicht, um seinen Lebenstraum zu zerstören. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein! Es muss eine Lösung geben. „Dann mach ich eben die Realschule“, platzt es plötzlich aus ihm heraus. Die Worte kommen wie von selbst. Er hält einen Moment inne, überlegt. Dann fügt er hinzu: „... aber nur, wenn Sie mir zusagen, dass ich den Job dann bekomme.“ Herr Schindzielorz lacht auf. Tzzzz. Also wirklich! So frech, so dreist war wirklich noch niemand. Trotzdem – oder gerade deswegen: Das Verhalten imponiert ihm. Er schlägt ein. „Der Deal gilt“, sagt er. Es ist der erste Deal, den Ralf Dümmel in seinem Leben macht.

Worum es in der Sendung "Die Höhle der Löwen" geht:

  • Es ist eine der erfolgreichsten Sendungen im deutschen Fernsehen. Seit „Die Höhle der Löwen“ 2014 erstmals ausgestrahlt wurde, erreicht die Gründershow auf VOX regelmäßig die Quotenmarktführerschaft in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen.
  • „Die Höhle der Löwen“ basiert auf dem britischen TV-Format „Dragons‘ Den“.In der Show haben Gründer die Möglichkeit, ihr Geschäftsmodell oder ihre Erfindung erfolgreichen Unternehmern (den „Löwen“) zu präsentieren und bei ihnen um eine Investition zu werben. Es war die erste Gründershow im deutschen Fernsehen und ist bis heute die erfolgreichste. Dabei wollte das Format zunächst niemand haben.
  • Als Astrid Quentell, die Chefin der Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH, hierzulande eine Adaption des britischen Erfolgsformats „Dragons‘ Den“ produzieren wollte, glaubte zunächst niemand an den Erfolg der Wirtschaftssendung. Fünf Jahre lang präsentierte sie das Konzept verschiedenen Fernsehsendern – bis VOX schließlich zusagte.
  • Im Herbst 2014 ging „Die Höhle der Löwen“ erstmals auf Sendung. Inzwischen läuft bereits die achte Staffel des Erfolgsformats – montags um 20.15 Uhr auf VOX.
  • Neu im Löwenrudel ist in diesem Jahr der ehemalige Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg, der den Platz des IT-Experten Frank Thelen eingenommen hat.
  • Ralf Dümmel gehört seit 2016 zu den Investoren. Bei seinem Einstieg war er nahezu unbekannt. Im Internet existierte zu dieser Zeit nur ein einziges Foto von ihm – zusammen mit Vitali und Wladimir Klitschko.
  • Als Dümmel zusammen mit Carsten Maschmeyer als Investor vorgestellt wurde, sprachen manche nur von „Maschmeyer und dem anderen“. Inzwischen ist Ralf Dümmel zum Publikumsliebling avanciert – und für viele der„Der König der Löwen“. (nik)

Er hat ein Ziel. Macht den Hauptschulabschluss und wechselt auf die höhere Handelsschule. Manchmal fragt er sich, ob Herr Schindzielorz sein Wort hält. Irgendwann ist die Ungewissheit so groß, dass er zu Möbel Kraft fährt. Er nimmt sein Halbjahreszeugnis mit. „Ist das dein Ernst?“, fragt der Personalchef. Seine Noten sind nicht gut. Herr Schin­dzielorz ist nicht begeistert. Doch Ralf Dümmel lässt sich nicht be­irren, erinnert an den Deal, den sie haben: Realschulabschluss gegen Ausbildungsvertrag. „Von guten Noten war nie die Rede“, sagt er. Er ist 17 Jahre alt, als er den Vertrag bekommt.

Fünf Monate nach Beendigung der Lehre kündigt Dümmel seinen Job

Am 1. August 1984 beginnt er seine Ausbildung. Er hat sich vorher vier Anzüge und drei Krawatten gekauft – bei C&A in Neumünster. Seine Eltern waren dabei. Ralfs Lieblingsfach wird Verkaufspsychologie. Zweimal in der Woche werden sie darin geschult. „Ab jetzt streicht ihr die Wörter ,wieso‘, ,weshalb‘ und ,warum‘ aus eurem Sprachschatz. Der Kunde muss sich nicht rechtfertigen“, sagt der Lehrer. Es ist Bernd Schindzielorz, der Personalchef. Er ist auch für die Auszubildenden verantwortlich. Manchmal wandert er durch die Ausstellung und beobachtet die Azubis bei der Arbeit.

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Einmal, da ist Ralf Dümmel schon ein Jahr bei Möbel Kraft und hat gerade eine teure Lampe verkauft, tritt Herr Schindzielorz hinter einer Säule hervor. „Das war ja wohl nichts“, sagt er kalt. Er hat viel zu kritisieren, zählt jeden Punkt auf, der falsch gelaufen ist. Ralf schluckt, nickt. Das soll ihm nicht noch einmal passieren. Doch es passiert wieder und wieder. Immer wieder taucht Herr Schindzielorz plötzlich auf und macht seine Arbeit nieder. Irgendwann platzt Ralf heraus. „Was haben Sie eigentlich gegen mich?“ „Nichts“, sagt sein Ausbilder und guckt ihn lange an. „Sie sind etwas Besonderes. Mit einem besonderen Talent. Deswegen gebe ich mir mit Ihnen besonders viel Mühe.“ Er wird recht behalten. Ralf schließt die Ausbildung mit der Note „Eins“ ab.

Fünf Monate nach Beendigung der Lehre kündigt Dümmel seinen Job. Er hat ein anderes Angebot bekommen. Als er sich bei dem obersten Verkaufsleiter, Chef von 800 Mitarbeitern, für die Zeit bedankt und verabschiedet, warnt dieser Dümmel. „Sie sind zu jung, um das zu verstehen. Aber Sie machen einen großen Fehler.“ Er irrt sich.

43 Jahre lang hat Bernd Schin­dzielorz bei Möbel Kraft gearbeitet

Mehr als 32 Jahre später: An einem Mittwochmorgen, um 7.45 Uhr, als die ersten Mitarbeiter gerade mit der Arbeit beginnen, steigt Bernd Schindzielorz aus dem Auto, streicht sich das Jackett glatt und geht auf die Eingangstür von DS Produkte zu. Gleich, um 8 Uhr, wird er hier Ralf Dümmel treffen. Er ist aufgeregt, hat schlecht geschlafen. Die beiden haben sich fast 33 Jahre lang nicht gesehen. Schindzielorz ist 74 Jahre alt. Als Ralf Dümmel den Raum betritt, muss Bernd Schindzielorz kurz schlucken. „Hab mich so gefreut“, beginnt er. Dann versagt ihm die Stimme. „Mir kommt es vor, als sei es gestern gewesen.“

43 Jahre lang hat Bernd Schin­dzielorz bei Möbel Kraft gearbeitet, 1600 Auszubildende betreut – und mehr als 10.000 Bewerbungsgespräche geführt. Doch an Ralf Dümmel kann er sich auch mehr als ein Vierteljahrhundert später genau erinnern. An diesen jungen Spund, der eines Tages einfach bei Möbel Kraft aufkreuzte, um ihm persönlich seine Bewerbung zu übergeben. Er hatte irgendetwas, die Substanz stimmte. Das merkte er sofort. Wenn er nur nicht so jung wäre, so verdammt jung. Zu jung! „Er saß da wie ein Konfirmand“, erinnert sich Schindzielorz. „Habe mich die ganze Zeit gefragt, wie ich ihn zwei Jahre älter bekomme. Hätte ihm ja keinen Gefallen getan, wenn ich ihn mit 15 genommen hätte – und er dann baden gegangen wäre, weil die Kunden ihn nicht akzeptieren.“

Nach 33 Jahren wird es Zeit, sich zu duzen

Ralf Dümmel hört zu, lacht auf. Es ist das erste Mal, dass er die Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt bekommt. „Ich hätte Sie auch ohne mittlere Reife genommen – wollte ja nur erreichen, dass sie nicht mehr so ein junger Bub sind“, sagt Bernd Schind­zielorz. Ralf Dümmel ist entsetzt: „Und das sagen Sie mir erst jetzt – nachdem ich mich auf der Schule so gequält habe.“ Die beiden lachen. Sie sprechen über ehemalige Mitschüler und Vorgesetzte. Manchmal trifft Bernd Schindzielorz einige von ihnen in Bad Segeberg oder Fahrenkrug, wo er wohnt. Er erkennt die meisten von ihnen wieder, kann über fast jeden eine Geschichte erzählen. Über einige weniger, über andere mehr.

Über Ralf gibt es viel zu erzählen. „Wusste immer, dass Sie ein Guter sind. Weil Sie doch Schiedsrichter waren“, sagt der ehemalige Ausbilder, der selbst lange Schiedsrichter in der Verbandsliga war. Er erzählt, dass Ralf ihn eines Tages gebeten hat, nicht im Unterricht dranzukommen – weil er nachmittags seine Schiedsrichterprüfung habe. Bernd Schindzielorz nimmt ihn trotzdem dran. Er lächelt bei der Erinnerung, wie Ralf auf dem Weg an die Tafel geschimpft habe. Bis er merkte, dass der Lehrer ihn keinen Unterrichtsstoff abfragt – sondern Fragen aus der Schiedsrichterprüfung stellt.

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„Kein Wunder, dass alle Sie mochten. Sie waren einer von uns“, sagt Ralf Dümmel. „Vieles mache ich heute noch genauso, wie ich es damals von Ihnen gelernt habe.“ Schindzielorz schluckt. „Das merkt man“, sagt er. Stolz. Dann räuspert er sich. „Eine Sache gibt es da noch“, setzt er an. Er findet, es wird langsam Zeit. Zeit, sich zu duzen. Nach 33 Jahren. Ralf Dümmel nickt. Er hat Tränen in den Augen.

Das Magazin

Pünktlich zur neuen Staffel hat das Abendblatt ein Magazin über Ralf Dümmel in den Handel gebracht. Es kostet 9 Euro und ist auch im Abendblatt-Shop am Großen Burstah 18–32 sowie unter shop.abendblatt.de erhältlich. (Treuepreis für Abonnenten bei Kauf übers Abendblatt: 8 Euro).