„Höhle der Löwen“

Als Ralf Dümmel den Hausmeister im Schrank einsperrte

Ralf Dümmel im Alter von anderthalb Jahren vor dem Haus seiner Eltern.

Ralf Dümmel im Alter von anderthalb Jahren vor dem Haus seiner Eltern.

Foto: Ralf Dümmel

Dritter Teil zur Serie „Höhle der Löwen“: Bei Star-Investor Ralf Dümmel war die Kindheit eine aufregende Geschichte.

Hamburg. Eigentlich sollte er ein Mädchen werden. Nach einem Sohn hatte sich Elke Dümmel eine Tochter gewünscht. Wie das alle Mütter so tun. Doch inzwischen weiß sie, dass es ein Junge wird. In wenigen Tagen ist es so weit. Vorher will sie noch mal die Gardinen waschen. Gestern hatte ihr Mann Norfried Geburtstag, er ist 24 geworden. Die ganze Familie war da. Es wurde viel geraucht. Jetzt stinkt es im Haus. Die Gardinen müssen runter. Feiner Nieselregen sprüht gegen das Fenster, als sie die Vorhänge abnimmt. Es ist der 1. Dezember 1966.

Während sie auf der Leiter steht, greift sich Elke Dümmel immer wieder an den Rücken. Es geht bald los, das merkt sie. Aber sie macht weiter. Nimmt Gardinen ab, wäscht sie, hängt sie zum Trocknen auf. Bei ihrem ersten Kind ist sie viel zu früh ins Krankenhaus gefahren, hat stundenlang rumgelegen. Das will sie diesmal nicht. Der 2. Dezember ist ein Freitag. Am Wochenende will sie das Haus schmücken. Die Kisten stehen noch im Keller. Doch dazu kommt sie nicht mehr. Abends, um kurz nach 20 Uhr, als sie sich gerade auf das Sofa gesetzt hat, um die „Tagesschau“ zu gucken, platzt die Fruchtblase. Vorsichtig steht Elke Dümmel auf, geht zum Ess­tisch und wieder zurück zum Sofa. Hin und her. Immer wieder. Fast zwei Stunden lang. Nur nicht zu früh fahren.

Ralf Dümmel wächst in einer Zeit des Umbruchs auf

Als ihr Mann sie schließlich ins Krankenhaus nach Segeberg bringt, ist es fast 22 Uhr. Schwerfällig steigt sie aus dem Auto, steht vor dem Eingang. Unschlüssig. Dann entschließt sie sich, noch zu warten, weiter rumzulaufen. Auf und ab, auf und ab. Sie weiß nicht, wie spät es ist, als sie schließlich reingeht. Zeit und Raum verlieren an Bedeutung, verschwimmen in Emotionen. Kurz, intensiv, überwältigend. Um 22.40 Uhr wird ihr Sohn geboren. Sie nennen ihn Ralf. Ralf Dümmel. Er wächst in einer Zeit des Umbruchs auf. Nie war die Bereitschaft zu Veränderung und zur Abkehr vom Althergebrachten größer als in den späten 1960er-Jahren.

Es sind die Jahre von Studentenbewegungen und Flower-Power, von Mondlandung, Rassenunruhen und RAF. In Wahlstedt, knapp sieben Kilometer von Bad Segeberg entfernt, bekommt man davon nur wenig mit. Es ist eine kleine Stadt mit ein paar Tausend Einwohnern und einem Gewerbegebiet. Der Kaffeehersteller Arko sitzt hier, die W. Pelz GmbH ebenfalls. Sie hat in Deutschland die Markenrechte für die Q-tips-Wattestäbchen. Die Dümmels leben in einem Reihenhaus, rot geklinkert. Ralf und sein 1,5 Jahre älterer Bruder Jörg teilen sich ein Zimmer.

Die Rollen sind klar und klassisch verteilt

Jeden Morgen nach dem Frühstück geht Elke Dümmel mit den Jungs nach draußen. Zu Hause toben sie sonst nur rum. Sie ist liebevoll, aber streng. Das gehört dazu, findet sie. Die Kinder sollen einmal gute Menschen werden. Mit drei kommt Ralf in den Kindergarten, der nur ein paar Meter vom Elternhaus entfernt liegt. Ralf und Jörg dürfen den Weg alleine gehen, Hand in Hand. Wenn sie draußen im Garten arbeitet, kann sie die Stimmen aus dem Kindergarten hören.

Worum es in der Sendung "Die Höhle der Löwen" geht:

  • Es ist eine der erfolgreichsten Sendungen im deutschen Fernsehen. Seit „Die Höhle der Löwen“ 2014 erstmals ausgestrahlt wurde, erreicht die Gründershow auf VOX regelmäßig die Quotenmarktführerschaft in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen.
  • „Die Höhle der Löwen“ basiert auf dem britischen TV-Format „Dragons‘ Den“.In der Show haben Gründer die Möglichkeit, ihr Geschäftsmodell oder ihre Erfindung erfolgreichen Unternehmern (den „Löwen“) zu präsentieren und bei ihnen um eine Investition zu werben. Es war die erste Gründershow im deutschen Fernsehen und ist bis heute die erfolgreichste. Dabei wollte das Format zunächst niemand haben.
  • Als Astrid Quentell, die Chefin der Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH, hierzulande eine Adaption des britischen Erfolgsformats „Dragons‘ Den“ produzieren wollte, glaubte zunächst niemand an den Erfolg der Wirtschaftssendung. Fünf Jahre lang präsentierte sie das Konzept verschiedenen Fernsehsendern – bis VOX schließlich zusagte.
  • Im Herbst 2014 ging „Die Höhle der Löwen“ erstmals auf Sendung. Inzwischen läuft bereits die achte Staffel des Erfolgsformats – montags um 20.15 Uhr auf VOX.
  • Neu im Löwenrudel ist in diesem Jahr der ehemalige Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg, der den Platz des IT-Experten Frank Thelen eingenommen hat.
  • Ralf Dümmel gehört seit 2016 zu den Investoren. Bei seinem Einstieg war er nahezu unbekannt. Im Internet existierte zu dieser Zeit nur ein einziges Foto von ihm – zusammen mit Vitali und Wladimir Klitschko.
  • Als Dümmel zusammen mit Carsten Maschmeyer als Investor vorgestellt wurde, sprachen manche nur von „Maschmeyer und dem anderen“. Inzwischen ist Ralf Dümmel zum Publikumsliebling avanciert – und für viele der„Der König der Löwen“. (nik)

Auf der Rückseite der Garage, wo früher ein schmaler Sandstreifen war, haben sich die Dümmels ein Gemüsebeet angelegt. Elke Dümmel pflanzt Kohlrabi, Karotten und Kartoffeln an. Erntet Stachelbeeren und Himbeeren, kocht Marmelade ein. Die Rollen sind klar und klassisch verteilt: Elke Dümmel kümmert sich um den Garten, das Haus und die Kinder. Norfried Dümmel geht arbeiten. Er ist bei Möbel Kraft, einem der damals größten Möbelhäuser. Früher war er Verkäufer und Fußbodenverleger. Selbst aus Stuttgart kommen Kunden und kaufen hier ihre Möbel. Norfried Dümmel ist Fahrer, liefert die Möbel aus. Manchmal ist er tagelang unterwegs. Dann wechselt er in den Innendienst. Er wird Leiter des Möbellagers in Bad Segeberg. Als Kind denkt Ralf, dass seinem Vater die Firma gehört.

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Serie

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie

Ralf ist ein gewitzter kleiner Bursche, führt oft was im Schilde. Seine Kindergärtnerin nennt ihn „Den kleinen Schlingel“. Wenn er was ausgefressen hat, muss er Weihnachten ein Gedicht aufsagen. Viele Jahre lang ist das jedes Weihnachten. Trotzdem mögen ihn alle. Er ist gut erzogen, höflich.

Mit viereinhalb schicken die Eltern Ralf zum Fußball, so wie Jörg ein Jahr zuvor. Sie wollen nicht, dass die Jungs auf der Straße rumlungern oder ständig vorm Fernseher hocken. Sie sollen was Sinnvolles machen. Ralf fängt bei den Mini-Buben des SV Wahlstedt an. Sein Vater wird sein Trainer, macht extra den Trainerschein. Als Kind hat sich Norfried Dümmel nicht für Fußball interessiert, nie selbst gespielt. Er tut das nur für seine Söhne.

Zu Hause ist er ihr Vater, auf dem Spielfeld der Trainer. Seine Kinder werden behandelt wie alle anderen, haben keine Vorteile. Das ist ihm wichtig. Das sagt er vor der ganzen Mannschaft. Ralf ist einer der Besten in der Mannschaft, ein begnadeter Torschütze. Wenn er über das Feld fegt, haben die anderen das Nachsehen. Trotzdem wird er in jedem Spiel ausgewechselt. Jeder soll eine Chance bekommen, findet sein Vater.

Team wird mehrmals Kreismeister

Das Team wird mehrmals Kreismeister. Die Zeitung berichtet darüber: „Bei 71 erzielten Treffern mussten die Mini-Buben lediglich zwei Gegentore einstecken“, steht dort. Und: „An zweiter Stelle in der Torschützenliste steht Ralf Dümmel, der das Leder 23-mal in die gegnerischen Maschen trat.“ Seine Mutter hat den Artikel ausgeschnitten und für ihn in ein blaues Fotoalbum geklebt. Zur Erinnerung. Sie fährt zu jedem Spiel mit. Wäscht die Trikots, schmiert Brote, am liebsten mit Nutella. Ein paar Jahre lang verbringt die Familie fast jedes Wochenende auf dem Fußballplatz.

Die Grundschule ist für Ralf wie ein Fußballspiel. Er will gewinnen, der Beste sein. Zwischen ihm und seinem Freund Stefan kommt es zum Wettstreit um die besten Noten. Wenn Ralf eine Zwei schreibt, ist er enttäuscht. Selbst beim Spielen muss er gewinnen. Wenn er verliert, fegt er die Figuren vom Brett und geht aus dem Zimmer. Manchmal fragt sich seine Mutter, was aus ihm wird.

Als in der 4. Klasse getestet wird, auf welche Schule er gehen soll, bekommt er 99 von 100 Punkten. Es ist das beste Ergebnis in seinem Jahrgang. Die Empfehlung ist klar: Gymnasium. Doch seine Lehrer haben Zweifel, schwanken. Soll er nicht lieber auf die Realschule? Oder vielleicht sogar auf die Hauptschule? Er macht einfach zu viel Unsinn. Einmal muss ihn seine Mutter aus der Schule abholen. Er hat den Hausmeister in die Besenkammer eingesperrt.

Problem mit der Disziplin

Man einigt sich darauf, ihn zur Realschule­ zu schicken. Der Stoff ist kein Problem. Aber die Disziplin. Er wird luschig, mag lieber Fußball spielen als zu lernen. Die Hausaufgaben machen andere für ihn. Nach der 6. Klasse ist Schluss. Er muss die Schule verlassen, kommt auf die Hauptschule. Er weiß, was er falsch gemacht hat. Es ist ihm egal.

Er lebt für den Fußball, träumt von einer Karriere als Profifußballer. Über seinem Bett hängt ein Poster vom HSV-Kader 1977/78. Mit Felix Magath und Kevin Keegan. Eines Tages will er einer von ihnen sein. Berühmt, erfolgreich, reich. Mit zwölf bekommt er sein erstes eigenes Zimmer. Bis dahin musste er sich eins mit seinem Bruder teilen, zwölf Quadratmeter groß. Als es dort für beide zu eng wird, zieht Jörg auf den Dachboden und die Eltern in das kleine Kinderzimmer. Ralf bekommt das Elternschlafzimmer. Von seinem Fenster aus kann er in den Garten gucken. Er ist sehr klein. Einen Fernseher hat er nicht. Wenn er etwas schauen möchte, muss er sich den Apparat aus dem Schlafzimmer seiner Eltern holen.

Elke Dümmel arbeitet in einer Reinigung. Halbtags, nur vormittags. Sie will da sein, wenn die Jungs nach Hause kommen. Sie sind keine Kinder mehr, sondern Jugendliche. Junge Männer. Doch an ihrem Rollenverständnis hat das nichts geändert. Erst Jahre später, als beide aus dem Haus sind, geht sie auch nachmittags arbeiten. Zu Möbel Kraft.

Jeden Tag kocht sie für die Familie. Hausmannskost mögen die Männer am liebsten. Hühnerfrikassee, Rouladen, Erbsensuppe. Die Mutter ist strenger als der Vater. Wenn Ralf etwas will, fragt er meistens zuerst seinen Vater. Manchmal gibt es deswegen zu Hause großen Streit. Einmal ist er so sauer, dass er das Haus verlässt und zur Nachbarin geht. Erst Stunden später kommt er nach Hause. Das gehört dazu, findet Elke Dümmel. Die Jungs müssen sich ausprobieren. Abnabeln. Ihren eigenen Weg gehen.

Lesen Sie auch:

Vernünftiges Verhalten ist ihr am wichtigsten. Es geht ihr nicht um gute Noten. Aber um Einsatz. Ehrlichkeit. Das belohnen die Eltern. Als Ralf 16 ist und auf die Berufsfachschule nach Segeberg geht, kaufen sie ihm ein Motorrad, eine Honda. Mit 18 Jahren schenken sie ihm sein erstes Auto, einen gebrauchten, roten VW Golf. Ein paarmal fährt Ralf damit zum Fußball. Dann ist Schluss. Nach der A-Jugend hört er auf. Er macht eine Fortbildung als Schiedsrichter.

Mit 21 Jahren ist er jüngster Schiedsrichter im C-Kader des DFB. Er pfeift Freundschaftsspiele mit Bundesligabeteiligung – und einmal sogar ein Spiel der Landesauswahl Schleswig-Holstein gegen die Vereinigten Emirate in Trappenkamp. Er ist fair, greift aber hart durch. Sein Ziel ist es, der jüngste Schiedsrichter in der Bundesliga zu werden. Viermal lädt der DFB ihn zu einem Lehrgang ein. Viermal musste er absagen. Aus beruflichen Gründen. Bis ihm irgendwann klar wird, dass sich der Fußball und der Job nicht vereinbaren lassen. Er hat gerade bei DS Produkte angefangen.

Das Magazin

Pünktlich zur neuen Staffel hat das Abendblatt ein Magazin über Ralf Dümmel in den Handel gebracht. Es kostet 9 Euro und ist auch im Abendblatt-Shop am Großen Burstah 18–32 sowie unter shop.abendblatt.de erhältlich. (Treuepreis für Abonnenten bei Kauf übers Abendblatt: 8 Euro).