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Hauptprogramm-Premiere für ARD-Kultserie „Großstadtrevier“

Die Schauspieler (v. l.) Peter Fieseler, Maria Ketikidou, Patrick Abozen und Wanda Perdelwitz bei den Dreharbeiten zu „Großstadtrevier – St. Pauli, 6 Uhr 07“.

Die Schauspieler (v. l.) Peter Fieseler, Maria Ketikidou, Patrick Abozen und Wanda Perdelwitz bei den Dreharbeiten zu „Großstadtrevier – St. Pauli, 6 Uhr 07“.

Foto: Thorsten Jander / dpa

Derzeit wird die erste 90-Minuten-Folge gedreht. Ein Gespräch über Filmen in Corona-Zeiten und den Tod von Jan Fedder.

Hamburg.  „Wenn der Schutzmann ums Eck kommt …“, ist der Fall normalerweise nach 48 Minuten erledigt, und der Ede nimmt Reißaus, wie es im Titelsong der Gruppe Truck Stop etwas altväterlich lautet. Im kommenden Frühjahr können sich die Fans der seit 1986 laufenden TV-Dauerbrenner-Serie „Großstadtrevier“ auf etwas Neues freuen. Für einen Fall wird die Ermittlungsdauer auf 90 Minuten ausgedehnt und wandert dafür vom Vorabend ins Hauptprogramm. Die Folge lautet „St. Pauli, 6 Uhr 07“ und wird zurzeit in Hamburg gedreht.

Für diese besondere Situation braucht man natürlich auch einen besonderen Fall. Nina Sieveking (Wanda Perdelwitz) will schlichten, als in der U-Bahn zwischen zwei Männern Streit ausbricht. Sie wird aber zusammengeschlagen. Und die anderen Fahrgäste schauen nur zu. „Niemand hilft ihr, als sie Hilfe braucht“, schildert Letterbox-Filmproduzentin Claudia Thieme die Ausgangssituation. „Eine Polizistin wird aus der Bahn geworfen, und zwar im doppelten Sinne.“

Thema des Films ist auch der sozial verantwortliche Umgang miteinander

Was den 90-Minüter von der Serie unterscheidet? „Es geht tiefer in die Abgründe, es wird existenzieller“, sagt Thieme. Thema des Films sei nicht nur Verbrechensaufklärung, sondern auch der sozial verantwortliche Umgang miteinander. Und der unfassbare Angriff auf Helfer, den man immer häufiger beobachten kann. Um die Ausgangssituation zu veranschaulichen, benutzt die Produzentin ein architektonisches Bild. „Die Serie ist wie ein Haus, das man gut kennt. Die Räume und Figuren sind einem alle bekannt. Und plötzlich öffnet man die Tür zu einem Zimmer, das einem neu vorkommt ...“

Das war Jan Fedder:

  • Jan Fedder wurde am 14. Januar 1955 in Hamburg geboren
  • Seinem Vater Adolf Fedder gehörte die Hafenkneipe "Zur Überseebrücke", seine Mutter Gisela war Tänzerin
  • Erste Erfahrungen im Rampenlicht machte Jan Fedder im Alter von sieben Jahren als Knabensopran im Michel
  • Als 13-Jähriger hatte Jan Fedder seinen ersten Auftritt auf der Bühne und vor der Kamera
  • Seinen Durchbruch als Schauspieler erlangte er im Kinohit "Das Boot" (1981) als Bootsmann Pilgrim
  • In der ARD-Serie "Großstadtrevier" spielte Jan Fedder von 1992 bis 2019 den Polizeioberkommissar Dirk Matthies
  • Beliebtheit erreichte Jan Fedder auch als Kurt Brakelmann in der NDR-Serie "Neues aus Büttenwarder"
  • Jan Fedder trug zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Titel "Ehrenkommissar der Hamburger Polizei"
  • Am 15. Juli 2000 heiratete Jan Fedder in der Hauptkirche St. Michaelis Marion Kurth
  • Am 30. Dezember 2019 erlag Jan Fedder in seiner Wohnung auf St. Pauli einem langjährigen Krebsleiden

Der Titel „St. Pauli, 6 Uhr 07“ ist eine Reverenz an „Großstadtrevier“-Erfinder Jürgen Roland, der auch den Film „Polizeirevier Davidswache“ (kurioserweise mit „s“) inszeniert hat. „Dieser neue Film ist für uns die Chance, im Hauptabendprogramm noch einmal ein ganz neues Publikum zu erreichen“, sagt Drehbuchautor Norbert Eberlein.. „Viele verbinden mit dem ,Großstadtrevier‘ ja noch eine gewisse Frikadellengemütlichkeit und grüne Uniformen, aber so ist das bei uns ja schon lange nicht mehr.“

Neue Staffel wird wieder im Vorabendprogramm laufen

Noch etwa zwei Wochen sollen die Dreharbeiten dauern. Hinzu kommt die Arbeit an der neuen Staffel, die wieder im Vorabendprogramm laufen wird. Natürlich kam es dabei durch Corona zu Verzögerungen, auch an den Drehbüchern hinterließ die Epidemie Spuren.

„Alles musste neu überdacht werden, es war sehr arbeitsintensiv“, sagt Thieme. „Eine Folge sollte im Altenheim spielen. Das ging gar nicht.“ Eine andere geplante Episode handelte von „Preppern“, also von Menschen, die sich darauf vorbereiten, dass eine Katastrophe wie etwa eine Pandemie ausbricht. Auch das passte nicht – ebenso wie der Fall eines Stalkers, der laut Drehbuch physisch übergriffig werden sollte. Er wurde kurzerhand zu einem Täter umfunktioniert, der andere Menschen mit psychischen Mitteln bedrängt. Und in einer Folge ging es ursprünglich sogar um Kuschelpartys – ein No-go in dieser Zeit. Thieme: „Es war erstaunlich, was man alles umschreiben musste ...“.

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Besonders aber belastete die Produzentin in den vergangenen Monaten der Tod von Jan Fedder, der jahrzehntelang als Polizist Dirk Matthies das Gesicht der Serie war. „Jan Fedder ist nicht ersetzbar“, sagt Thieme. Das findet auch Norbert Eberlein, der 60 Folgen der Serie geschrieben hat. Fedder sei „eine ziemlich einmalige Gestalt“ gewesen. Die Lücke, die er hinterlassen habe, werde auch in der Handlung des 90-Minuten-Films „eine gewisse Rolle“ spielen.

Eberlein ist auch einziger Autor von „Neues aus Büttenwarder“, wo man nun ebenfalls ohne Fedder auskommen muss. Im Gegensatz zu seinen sonstigen Gewohnheiten war Eberlein nicht am Set, als im Sommer gedreht wurde. „Wir haben auch vorher schon manchmal ohne Jan gedreht, aber diesmal fühlte es sich anders an. Wir wollten ihn bewusst und richtig verabschieden und ihn deshalb auch in einer Folge beerdigen. Ich habe gehört: Das hat alle, die dabei gewesen sind, sehr bewegt.“