Sparrunde

NDR-Hörfunk-Chef: „Radio nimmt für Kinder an Bedeutung ab“

Im Abendblatt--Interview:  Adrian Feuerbacher, Programmchef NDR Info und Chefredakteur NDR Hörfunk.

Im Abendblatt--Interview: Adrian Feuerbacher, Programmchef NDR Info und Chefredakteur NDR Hörfunk.

Foto: NDR/Thomas Pritschet

Adrian Feuerbacher über den Sparzwang und die Spekulationen über Streichungen bei „Mikado“ und dem „Ohrenbär“.

Hamburg.  Wird es von 2021 an bei den Kinderradio-Formaten beim NDR wegen der anstehenden Sparrunde – 300 Millionen Euro in den kommenden vier Jahren – zu Streichungen bei „Mikado“ und „Ohrenbär“ kommen? Es gab viele heftige Reaktionen zu diesen Spekulationen, auch eine Onlinepetition wurde gestartet. Ein Gespräch mit Adrian Feuerbacher, Programmchef von NDR Info und Chefredakteur NDR Hörfunk.

Hamburger Abendblatt: Zur Sinnhaftigkeit der Überlegung, man könnte als Radiosender ausgerechnet im Jugendbereich streichen, passt das umformulierte Sprichwort „Was Hänschen nicht hört, hört Hans erst recht nicht“.

Adrian Feuerbacher: Diese Behauptung, dass wir von 2021 an alle Angebote im Radio einsparen, die war falsch, ist falsch und wird auch falsch bleiben. Wir werden „Mikado“ am Sonntagmorgen erhalten, auf NDR Info, wir werden die Kindernachrichten am Sonnabend erhalten. Zusätzlich wird es auf NDR Info Spezial, damit auch auf ndr.de und in der Radio-App ein weiteres „Mikado“-Angebot geben. Jeden Werktag eine Stunde, pro Woche etwas mehr als eine Verdopplung der Sendezeit, die wir bisher allein auf UKW am Sonntag mit den beiden „Mikado“-Formaten haben. Das fußt auf einer wichtigen Erfahrung aus der Corona-Krise: Weil wir mit dem Zusatzangebot „Mikado-Extra“ auf genau diesen digitalen Verbreitungswegen großen Erfolg hatten.

Also streichen Sie gar nichts?

Feuerbacher: Ich habe immer gesagt, dass wir angesichts der drastischen Kürzungen nicht jeden Sendeplatz im heutigen Umfang werden erhalten können. Denn, bei allen Sparzwängen: Wir wollen und müssen mehr Kraft investieren, um auf digitalen Verbreitungswegen und on demand noch stärker zu werden. Und wenn Sie auf den „Ohrenbär“ anspielen: Für diese Entscheidung brauchen wir noch Zeit. Aber bei einer wichtigen Sache muss Zeit für gründliche Prüfung erlaubt sein.

Bleibt die Redaktionsstärke erhalten, mit dem Etat, mit allen Mitarbeitern?

Feuerbacher: In der Kinder-Redaktion bleiben fast 80 Prozent des Etats und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten.

Wie wollen Sie Angebote ausbauen, wenn Sie einsparen wollen und sollen?

Feuerbacher: Es ist nicht nur eine Frage von Sendezeit und -menge, sondern auch eine Frage der Distribution. Da haben wir noch Luft nach oben. Das Radio ist noch ein Verbreitungsweg für Kinder-Inhalte. Deswegen erhalten wir ihn ja. Das Gegenteil zu behaupten, ist einfach falsch. Aber er nimmt für Kinder an Bedeutung ab. Bei Acht-, Neunjährigen ist der Zeitraum, den sie im Internet verbringen, größer als der vor dem Radio. Ich akzeptiere, dass man diese Veränderung kritisch sehen kann. Aber sie ist Realität. Was muss für uns Schlussfolgerung sein? Dass wir mit unseren Angeboten im Alltag von Kindern stattfinden! Wenn wir wehmütig auf die eigene Kindheit zurückblicken, bringt uns das nicht weiter. Unsere Verantwortung ist der Blick auf Gegenwart und Zukunft.

Wie sieht es mit dem „Ohrenbär“-Format aus?

Feuerbacher: Obwohl wir beim NDR vor einschneidenden Kürzungen stehen, erwarten viele, dass wir sofort Bestandsgarantien für alles und jedes abgeben können. Das funktioniert nicht. Angesichts der Kürzungen wird es uns schwerfallen, die Ausgaben für den „Ohrenbär“ weiter zu stemmen. Ist entschieden, dass es ihn nicht mehr geben wird? Nein. Kann ich eine Garantie geben? Nein. Sind wir in guten Gesprächen mit dem RBB über Möglichkeiten einer Fortsetzung? Ja.

Wir können uns darauf einigen, dass die Kinderradio-Sparte beim NDR 2021 anders aussehen wird als jetzt?

Feuerbacher: Ja, natürlich! Unser Ziel ist doch, künftig mit weniger Geld mehr Kinder zu erreichen. Natürlich müssen wir dafür den Status quo verändern. Aber dafür treten wir den Verbreitungsweg Radio nicht von heute auf morgen und ersatzlos in die Tonne. Das würde niemand tun, der seine fünf Sinne beisammen hat.

Sie werden also nicht mehr machen, aber mehr anders machen?

Feuerbacher: Schöne Formulierung! Aber: Blickt man auf die Summe der Sendezeit, dann wird es sogar mehr als doppelt so viel sein wie heute. Aber Sparzwänge werden sich irgendwo widerspiegeln, das ist klar.

Vorgestern warnte der PEN davor, literarische Programme im Radio zu kürzen.

Feuerbacher: Wir haben in den Corona-Monaten an jedem Werktag ein zusätzliches „Mikado Extra“ gesendet. Dort war und ist das Who is who von deutschen Kinderbuch-Autorinnen und -Autoren vertreten, mit Lesungen, die man nicht nur hören, sondern online auch als Video sehen kann. Interessanterweise haben wir zu dieser massiven Ausweitung von literarischen Formaten für Kinder nichts vom PEN-Zentrum gehört. Schade, finde ich.

Zum Abschluss eine Ja-Nein-Weißnicht-Aussage für Sie: Niemand hat die Absicht, bei „Mikado“ zu kürzen?

Feuerbacher: Mir ist diese Sache zu wichtig, um sie so simpel zu beantworten.