ZDF-Drama

Regisseur Max Färberböck: „Er ist ein begnadeter Junge“

Lesedauer: 7 Minuten
Silvi (Mavie Hörbiger, l.) mit Jani (Elias Eisold) und Alexandra (Geraldine Schlette) vor dem Gefängnis, wo ihr Vater einsitzt.

Silvi (Mavie Hörbiger, l.) mit Jani (Elias Eisold) und Alexandra (Geraldine Schlette) vor dem Gefängnis, wo ihr Vater einsitzt.

Foto: ZDF

Wahlhamburger über sein ZDF-Drama „Ich brauche dich“, seinen Darsteller Elias Eisold und die Frage, wie man Empathie zeigt.

Hamburg. Silvi (Mavie Hörbiger) ist eine Frau, die erfolgreich in der Modebranche arbeitet. Ihren Freund Alexander (Fabian Hinrichs) hält sie auf Abstand, ihre Familie auch. Aber dann wird ihre Schwester von ihrem Ehemann umgebracht, und plötzlich stehen deren Kinder, beide Teenager, vor ihrer Tür. Silvis Welt gerät aus dem Gleichgewicht. Inszeniert hat das ungewöhnliche Drama, das das ZDF heute zeigt, der aus Bayern stammende Wahlhamburger Max Färberböck („Aimée & Jaguar“). Das Abendblatt sprach mit ihm.

Hamburger Abendblatt: Wie geht es Ihnen, Herr Färberböck?

Max Färberböck: Gespannt und sehr neugierig. Und wie immer der Hoffnung, dass wir, wie es durchaus auch schon geschehen ist, aus Katastrophen lernen.

Man kommt ein bisschen darauf, sich auf das Wesentliche zu besinnen, auch wenn man zwischendurch den Eindruck gewinnen könnte, dass wir in einer Spargel- und Fußballrepublik leben, oder?

Färberböck: Dass im großen Gefüge der Welt etwas fundamental nicht mehr stimmt, wissen wir schon lange. Viele Menschen waren von einem „So-geht’s-nicht-mehr-weiter“-Gefühl besetzt. In circa 30 Jahren leben wir in einer total übervölkerten Welt, deren, wie ich denke, einzige Überlebenschance im globalen Miteinander besteht. Insofern ist es gut, wenn wir jetzt schon mal damit anfangen.

Was bedeutet Corona für Ihre Arbeit?

Färberböck: Wir werden permanent von allem, was uns umgibt, durchdrungen. Man spürte das ganz massiv im September 2001. Niemand konnte sich diesen Ereignissen entziehen, und ich habe unmittelbar mit dem Film „September“ reagiert. Das war für das Publikum zu früh. Wir, die wir aufgerufen sind, uns um Menschen, ihre Schicksale und ihre Seelen zu kümmern, müssen akzeptieren, was große Ereignisse in uns anrichten und wie viel Zeit man braucht, um sie zu spiegeln. Ich habe mich damals darüber hinweggesetzt. Ich saß in der Vorbereitungszeit auf einem Podium neben Robert Altman, der sagte, er würde das nie tun. Ich habe ihn damals nicht begriffen. Heute schon.

Sie interessieren sich momentan offenbar ja auch mehr für die Modewelt – zumindest macht „Ich brauche euch“ den Eindruck.

Färberböck: Ich wusste, dass der Film in Berlin gedreht werden würde. Ich habe mir natürlich über meine Hauptrolle überlegt: Was macht diese Frau? Und da ist mir Mode eingefallen. Berlin ist einfach ein riesengroßer Laufsteg.

Was war die Kernidee?

Färberböck: Sie ist eigentlich in einem Telefongespräch mit meiner Produzentin entstanden. Silvi ist ein klar denkender Charakter, der die Unabhängigkeit liebt. Sie ist eine Frau, die an Freude und Schönheit im Leben glaubt. Eine große Liebe oder eine Familie sind dagegen nicht ihr Ziel. Wir hatten eigentlich nur über einen Mord in einer Familie gesprochen. Das war für mich sehr schwierig, weil ich solche Geschichten in den Zeitungen nie lese. Aber eine Minute später, noch mitten im Telefonat, ist plötzlich die Modefrau Silvi aufgetaucht. Sehr erfolgreich, unabhängig und hochvital im Leben stehend. In der modernen Gesellschaft gibt es viele Menschen, die sich aus den herkömmlichen Familiensystemen lösen. Eine Lebensvariante, die nicht mehr aus unserer Gesellschaft wegzudenken ist.

Aber leidet sie ihrer Nichte und ihrem Neffen gegenüber nicht an einer zu geringen Empathiefähigkeit?

Färberböck: Überhaupt nicht. Sie hat sich ihr Leben nun mal anders eingerichtet, wie es ihr richtig zu sein schien. So schützt sie sich vor Problemen, die sie im Leben beobachtet oder erfahren hat. Sie fühlt alles und ist extrem getroffen. Sie leidet zutiefst, behält es aber für sich. Wenn ein Mann so reagierte, würde man das viel eher akzeptieren. Ich verstehe nicht, dass man sich im Fernsehen vor Haupt­figuren, die nicht offensichtlich empathisch sind, so fürchtet. Silvi ist von der Situation zutiefst betroffen, aber sie vermeidet jedes Pathos. Sie tut, was sie kann, verliert aber irgendwann die Kon­trolle, weil sie einfach nicht mehr weiterweiß. Sie hat wirklich viel Herz, aber sie zeigt es auf eine andere Weise.

Sie gelten als Schauspieler-Regisseur. Würden Sie das unterschreiben?

Färberböck: Definitiv. Ich komme aus dem Theater, und ich schreibe in erster Linie für Schauspieler. Ich habe aber auch in allen Filmen Laien dabei, und es freut mich, wenn niemand sie als solche erkennt.

Sie haben einen jungen Schauspieler mit an Bord, der in seiner diffizilen Rolle total überzeugt: Elias Eisold. Wo haben Sie den her?

Färberböck: Der ist quasi vom Himmel gefallen. Ich habe das Casting mit ihm schon nach zehn Minuten abgebrochen, weil klar war, dass er die Rolle spielen würde. Er ist ein begnadeter Junge.

Sie schreiben Ihre Drehbücher mit der Hamburgerin Catharina Schuchmann zusammen. Was ist Ihr Team-Geheimnis?

Färberböck: Nie aufzugeben. Wir sprechen über Politik und all das Große, das da draußen passiert. Irgendwann tauchen dann Gesichter oder Charaktere auf, beginnen zu sprechen. Der Rest ist reine Hingabe.

Sie machen fast ausschließlich TV-Filme. Ihren größten Erfolg feierten Sie aber mit „Aimée & Jaguar“ auf der großen Leinwand. Hätten Sie mal wieder Lust auf Kino?

Färberböck: Kino hat mich von klein an besetzt. Wie ein Tier im dunklen Raum. Trotzdem habe ich mich in den vergangenen Jahren nicht nach eigenen Produktionen gesehnt und das schnelle Fernsehen genossen. Aber vor zwei Monaten haben sich plötzlich zwei Kinostoffe in meinem Inneren ergeben. Und sie verlassen mich nicht. Warum, wird sich zeigen.

„Ich brauche dich“, 20.15 Uhr, ZDF

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