Lars Becker im Interview

Der Hamburg-Krimi, der über Nacht gelöst wird

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Behrens
Der Hamburger Drehbuchautor und Regisseur Lars Becker.

Der Hamburger Drehbuchautor und Regisseur Lars Becker.

Foto: Imago/Future Image

Autor und Regisseur Lars Becker spricht über seine 16. „Nachtschicht“ im ZDF – und warum er keine Komödien machen darf.

Hamburg.  Polizist Harry passt einen Moment nicht auf und lässt den Gangster Norman entkommen. Kurz darauf treffen sie sich wieder. Norman will mit einem Kumpel einen Geldautomaten sprengen, Harry seine Scharte wieder auswetzen. Der Einsatz geht leider schief, Harry stirbt. Seine Kollegin Milla will die Täter angeblich nicht erkannt haben. „Cash & Carry“ ist der neue Fall der „Nachtschicht“, die der Hamburger Regisseur und Drehbuchautor Lars Becker seit 2002 beinahe jedes Jahr in der Hansestadt für das ZDF dreht. Das Abendblatt sprach mit ihm darüber, wie man einen guten TV-Krimi macht und wo er noch Drehorte in Hamburg findet.

Hamburger Abendblatt: Herr Becker, das ist jetzt schon ihre 16. „Nachtschicht“. Können Sie kein Ende finden?

Lars Becker: Wir sind schon in der Vorbereitung zur 17. Aber wir wissen momentan natürlich nicht, wann wir drehen können.

Wie kann man sich so lange mit einem Format im öffentlich-rechtlichen Fernsehen halten?

Becker: Die Kontinuität der beteiligten Personen hat sicherlich dazu beigetragen. Es gibt zwar ab und zu Wechsel im Team, aber nie komplett. In der Besetzung hat es im Laufe der Jahre eigentlich nur zwei Veränderungen gegeben. Wir haben uns gemeinsam so etwas wie eine corporate identity erarbeitet. Die Reihe hat ein Renommee, und die Quote stimmt, sie liegt immer bei etwa sechs Millionen Zuschauern. Vor meiner ersten Folge haben die ZDF-Chefs Hans Jahnke und Reinhold Elschot zu mir gesagt: „Wir machen erst mal drei.“ Da war ich total happy. Sie haben auf mein Konzept gesetzt und mir eine erste Freiheit gegeben. Wenn ich darauf zurückblicke, bin ich dankbar.

Sie arbeiten nicht nur Kriminalfälle ab, sondern erzählen auch etwas über die Gesellschaft. War das von Anfang an so?

Becker: Darum geht es. Alles findet in einer Nacht statt. Es wird also sehr dicht erzählt. Jede „Nachtschicht“ sollte wie ein neues Plattenalbum sein. Der Sound kann sich von einer Nacht zur anderen verändern. Die eine kann mehr Comedy und Popkultur sein, die nächste hat vielleicht eine melancholische Seite und erinnert mehr an Jazz, oder es ist ein härteres Ding mit Anklängen an den Hip-Hop, auch Liebesgeschichten, die wie Blues klingen, hat es schon gegeben. Hier geht es nicht um die Ermittlung des Täters, sondern um die Konstellation der Menschen oder den Witz oder die Absurdität. Um das Konfettihafte eben.

In diesem Fall geht es um einen Polizistenmord, Selbstjustiz und die Probleme von Ausländern in Deutschland. Es fällt der ziemlich provozierende Satz: Polizeigewalt ist Notwehr. Ist das der Realität abgeguckt?

Becker: Ich habe selbst mit Leuten gesprochen, die genau so eine Haltung hatten. Meine Recherchen bei der Polizei sind sorgfältig. Das war im Jahr 2000 noch ziemlich schwierig. Ich habe bisher davon profitiert, dass die Leute sich ernst genommen fühlen. Früher fühlten sie sich schlecht behandelt, wenn man kritisch war. Das ist nicht mehr so, dafür hat die Transparenz gesorgt. Natürlich haben Polizisten auch ihr Standesbewusstsein und wollen sich selbst verteidigen. Das ist doch selbstverständlich. Der Polizei gefällt es ganz und gar nicht, dass es bei ihnen in einigen Kreisen eine rechte Clique gibt, zum Beispiel in Frankfurt. Der Großteil der Polizisten ist liberal und links.

Woher kommen Ihre Ideen?

Becker: Aus der Begegnung mit Menschen. Da erfährt man auch viele Sachen aus dem Milieu. Die Geschichte für die nächste „Nachtschicht“ habe ich zum Beispiel aus Rom mitgebracht, wo ich Tifosi von Lazio getroffen habe. Danach hatte ich plötzlich eine Idee.

Ist es für Sie schwierig in Hamburg immer noch neue Drehorte zu finden?

Becker: Das ist nach wie vor möglich, obwohl ich hier schon sehr viel gedreht habe. Ich habe die Stadt nie postkartenmäßig abgefilmt, wir sind immer in die Außenbezirke gegangen oder in Viertel, die überhaupt noch nicht angesagt waren. Ich sehe immer noch Entwicklungen in der Stadt.

Manchmal brechen sie aus der Stadt aus. Den Film „Der gute Bulle – Friss oder stirb“, der am 25. Mai im ZDF gezeigt wird, haben Sie in Berlin gedreht. Fühlt es sich anders an, dort zu arbeiten?


Becker: Auf jeden Fall, aus vielen Gründen, auch aus psychologischen. Vom Herzen her bin ich eben Hamburger, das ist ja schließlich meine Heimatstadt. Berlin ist einfach eine andere Inspirationsquelle, die sich auch ständig ändert. Es ist einfach eine andere Herausforderung.

Die Hauptrolle spielt, wie auch in der „Nachtschicht“, Armin Rohde. Wie viele Filme haben Sie schon mit ihm gedreht?

Becker: Über 25.

Was macht ihn als Schauspieler so reizvoll?

Becker: Er ist eine Persönlichkeit und einer der herausragenden Schauspieler seiner Generation. Für mich ist er der kongeniale Nachfolger von Götz George. Er ist ein Instinktschauspieler und menschlich total intakt. Wenn wir mehr Erzählkino hätten, wie es das in Frankreich gibt, wäre Armin hier ein Star.

Sie gelten als Krimispezialist, können aber auch Komödie. Hätten Sie darauf nicht einmal wieder Lust?

Becker: Auf jeden Fall. Aber das ist ganz schwieriges Terrain, weil es nicht leicht ist, da ein gutes Drehbuch zu bekommen. Außerdem lassen sich Komödien nicht so leicht finanzieren. Das ist schade.

Woran liegt das?

Becker: Es liegt an einer Art Glaubensbekenntnissen. Viele Produzenten meinen, in Deutschland funktionieren nur Dramen. Sie sagen dann oft: Das ist ein super Drehbuch, aber das machen wir nicht. Auch Komödien sollen angeblich nicht funktionieren. Und es gibt den unerschütterlichen Glauben an die Quote. Damit müsste man mal aufräumen. Wenn man sich mehr mit den Stoffen identifizieren würde, könnte sich hier viel mehr Kultur und Qualität entfalten. Davon bin ich überzeugt.

„Nachtschicht“: 20.15 Uhr, ZDF

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: TV & Medien