Geburtstag

Knut Terjung: „Gespräche statt Talk und Show“

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Stefan Reckziegel
„Knut Terjung trifft …“ So heißt die Gesprächsreihe mit dem früheren ZDF-Journalisten  in St. Nikolai.

„Knut Terjung trifft …“ So heißt die Gesprächsreihe mit dem früheren ZDF-Journalisten in St. Nikolai.

Foto: Marcelo Hernandez

Wenn der Journalist nach St. Nikolai einlädt, kommen viele Hamburger. Heute wird der Ex-ZDF-Mann 80 Jahre alt.

Hamburg.  Egal zu welcher Zeit, nichts geht über ein gutes Gespräch. Solch eines hätte es auch gestern Abend in St. Nikolai geben sollen. Wie so oft seit 2015 in der Hauptkirche am Klosterstern. Statt „Knut Terjung trifft … “ hätte es nach 40 Ausgaben dessen beliebter Reihe geheißen: „Klaus Mölln trifft Knut Terjung“. Der Journalist wollte sich mal selbst befragen lassen, vom befreundeten Verleger. Getreu Terjungs Motto: „Gespräche statt Talk und Show.“

Das Montagsgespräch außer der Reihe musste Terjung aufgrund der Coronapandemie ebenso absagen wie die große Feier zu seinem 80. Geburtstag im Anglo German Club an der Außenalster. Stattdessen wird er an diesem Dienstag mit seiner Frau Anke in seiner Wohnung unweit der Hauptkirche mit einem Glas Wein anstoßen. „Ich gehöre doch zu den privilegierten Menschen“, sagt der frühere Fernsehmann. „Was mich bedrückt, ist der Blick über den Tellerrand hinaus, insbesondere im Rest der Welt.“

Langjähriger In- und Auslandskorrespondent des ZDF

Von der hatte der langjährige In- und Auslandskorrespondent des ZDF – er gründete etwa 1985 das Studio in Athen und berichtete aus Polen – viel gesehen, ehe er bis 2005 das ZDF-Landesstudio Hamburg leitete. Zum von Terjung initiierten „Hansetreff“ kamen bis zu 2000 Gäste – auch Ole von Beust. Der CDU-Bürgermeister trug Terjung nach dessen Pensionierung die Organisation der Großveranstaltung „China Time“ an.

Dabei war der gebürtige Wuppertaler doch ein SPD-Mann – wenn auch nicht immer. Als Terjung einst beim „ZDF-Magazin“ und Gerhard Löwenthal anfing und der sich bald als rechtsnationaler Kämpfer gegen Willy Brandts Ost- und Hochschulpolitik entpuppte und zudem zwei Leute mit rechtsextremen Vorlieben einstellen wollte, probte Terjung 1971 mit dem Gros der Redaktion den Aufstand. Für ihn „bis heute einmalig in der deutschen Fernsehlandschaft“.

Wegen Brandt in die SPD

Brandt war für Terjung der Grund, danach in die SPD einzutreten – es hatte Vor- und Nachteile. Er ging fürs ZDF nach Bonn. Beim gescheiterten kons­truktiven Misstrauensvotum gegen den ersten SPD-Bundeskanzler war Terjung ebenso ganz nah dran wie bei dessen Wiederwahl 1972 – und zwei Jahre später dann mittendrin: Herbert Wehner wollte Terjung als Sprecher der SPD-Fraktion gewinnen. Der Journalist, der den legendären „Zuchtmeister‘ noch heute treffend parodieren kann, formulierte Bedingungen – und blieb bis 1982 zum Ende der Kanzlerschaft Helmut Schmidts.

Die Lehre „Nie wieder“ aus der jüngeren deutschen Vergangenheit bestimme sein ganzes Leben, sagt Knut Terjung. Beide Eltern waren „begeisterte Nazis“. Der Sohn wurde früh Gewerkschaftsmitglied, versuchte auch als TV-Journalist auf sozial Schwache, auf Minderheiten und Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen.

Kirchen-Gespräche mit Markus Lanz

Insbesondere in seinen Kirchen-Gesprächen mit ZDF-Talker Markus Lanz („Alles andere als ein journalistisches Leichtgewicht“) und mit Christian Wulff habe er eigene Vorurteile abbauen können, so Terjung. Wulff sei sein schwierigster Gesprächspartner gewesen, weil er sich sträubte, über seine Vergangenheit als Bundespräsident (2010-2012) zu sprechen. Als ihn Terjung dann doch dazu bewog, waren die Reaktionen der Besucher äußerst positiv.

Rüdiger Nehberg indes bleibt „der spannendste Gesprächspartner“. Der am 1. April gestorbene Menschenrechtsaktivist war im November mit Ehefrau Annette Gast in St. Nikolai. Eigentlich sollten Terjungs Geburtstagsgäste für deren Hilfsorganisation Target spenden. Jetzt hofft der Jubilar, dass sie dies auch ohne Feier tun.

Arbeit an einem neuen Livestream aus der Kirche

Am Ziel, „eine Begegnungskultur weiterzuführen, die Zugänglichkeit vermittelt und einem den Menschen näherbringt“, möchte Knut Terjung trotz der der Krise festhalten. Er arbeitet an einem neuen Livestream aus der Kirche, vermutlich vom 1. Juni an mit Ex-Tierpark-Chef Claus Hagenbeck. Auch seine weiteren Gäste sind hochkarätig: TV-Journalist Michel Abdollahi, Michael Göring („Zeit“-Stiftung), Peer Steinbrück (SPD) und Klimaforscher Mojib Latif.

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