ZDF-Verfilmung

Charly Hübner: „Ich möchte nicht sein Nachbar sein“

Wieder zurück in Unterleuten: Schaller (Charly Hübner) mit Tochter Miriam (Nina Gummich).

Wieder zurück in Unterleuten: Schaller (Charly Hübner) mit Tochter Miriam (Nina Gummich).

Foto: ZDF/Stefan Erhard

In der ZDF-Verfilmung des Bestsellers „Unterleuten“ von Juli Zeh spielt Charly Hübner den finsteren Werkstattbesitzer Schaller.

Hamburg. Charly Hübner gilt als einer der besten und zugleich beliebtesten Charakterdarsteller. Ob auf der Bühne in den Inszenierungen am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg oder in namhaften Kino- und TV-Rollen etwa als Ermittler im Rostocker „Polizeiruf 110“, Hübner ist einer, der mit markantem Spiel überzeugt. Ein ausgesprochen bodenständiger und sympathischer Künstler ist er obendrein. Vom 9. bis 11. März ist er in dem ZDF-Dreiteiler „Unterleuten – Das zerrissene Dorf“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Juli Zeh zu sehen.

Hamburger Abendblatt: Herr Hübner, sind Sie eher Stadt- oder Dorfmensch?

Charly Hübner: Ich bin mittlerweile Stadtmensch, aber sehr vom Dorf geprägt. Alles, was Gesellschaft und Gemeinschaft ist, wie sich eine Gruppe formiert, das ist im Dorf übersichtlicher. Ich leide aber unter Fernweh und bin sehr neugierig. Das ist ja manchmal auch anstrengend. Und da ist so eine Stadt inzwischen unheimlich gut, weil sie viele Sachen anbietet, die mich betreffen. Das ist irgendwie so ein Motor in mir. Von klein auf. Beides da.

Die Erzählung, in der ein geplanter Windpark die Solidargemeinschaft eines Dorfes sprengt, gilt als Beispiel einer Epoche, als modernes Gesellschaftspanorama. Warum eignet sich „Unterleuten“ so gut dafür?

Hübner: Juli Zeh hat eine moderne Form der „Buddenbrooks“ geschrieben. Da ging es um das Thema Familie. Hier gibt es vieles, was in einer Gemeinschaft an Typen existiert. Den alten Preußen und Großgrundbesitzer Gombrowski, der noch aus der Zeit vor den Nazis stammt. Dann den Kleinbauern, der irgendwann seine kleine Scholle gekriegt hat. Er ist der ewige Opponent. Dann sind da die modernen Frauen. Und es gibt den Handlanger, den ich spiele. Das formt sich zu einem ganzen Panorama an Figuren, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann, wenn er möchte. Und es geht um Themen, die gerade Tagespolitik sind. Vor allem die, ob unsere Realität von einer virtuellen abgelöst wird? Diese Frage steht im Raum. Die Windräder stehen ja auch für das Digitale.

Was ist das Besondere an diesem Mikrokosmos „Unterleuten“? Das Dorf gilt wegen seines unverstellten Horizonts als Symbol der Freiheit, die Bewohner meiden den Kontakt mit der Außenwelt, heißt es, warum?

Hübner: Es ist eine super mikroskopische künstlerische Auseinandersetzung. Juli Zeh hat genau aufgespürt, was gerade auf­einanderknallt. Es gibt immer die gleichen Figuren, diesen patriarchal auftretenden großen Kerl mit Bierbauch, den kleinen doppeldeutigen Intellektuellen, der von der Seite schießt. Wirkliche Freiheit gibt es höchstens am Ende. Wenn einige bittere Wahrheiten beiseitegeräumt sind, dann kann man in die Sonne hineinmarschieren.

Wie kann man denn so leben, wird Schaller, den Sie spielen, von seiner Tochter gefragt. Mögen Sie die Figur?

Hübner: Der Schaller rührt mich zutiefst. Der ist einer, der von Anfang an überhaupt kein Glück gehabt hat. In schwierige Verhältnisse geboren, trifft er als Zwölfjähriger Gombrowski, der sich um ihn kümmert, ihn aber auch von sich abhängig macht. Aber für die Leute ist er auch die Pein, die Pest. Ich möchte nicht sein Nachbar sein.

Dieses Dorf, der Drehort im brandenburgischen Bernau, liefert ja sehr idyllische Bilder und kontrastiert stark mit den Konflikten. Wie haben Sie die Dreharbeiten dort
erlebt?

Hübner: Bei Matti Geschonneck als Regisseur ist es immer sehr konzentriert und meditativ. Man fährt da hin, verlässt die Zone der historischen Wirklichkeit und tritt ein in die Zone der behaupteten Wirklichkeit. Er nimmt sich alle Zeit, die es braucht, um die Sache von allen Seiten anzugucken. Ich genieße das total. Das hat so eine schöne, gerade fürs Fernsehen unübliche Form von Gründlichkeit.

Sie haben lange milieuhafte Kerle in Nebenrollen gespielt. Seit Langem schon sind Sie Protagonist im „Polizeiruf 110“. Was wird Ihnen bevorzugt angeboten und wonach wählen Sie Ihre Rollen aus?

Hübner: Die Milieu-Boys kommen natürlich immer wieder vorbei. Wenn ein Angebot kommt, frage ich mich, hab ich da Lust drauf als Spielkörper? Mit wem mach ich das? Es gibt eine Handvoll Regisseure und Regisseurinnen, da ist es nicht schwer, sich zu entscheiden. Matti Geschonneck ist einer davon.

Filmdrehs, Nick-Cave-Abende auf der Bühne, dazu viel beschäftigt am Deutschen Schauspielhaus. Haben Sie je daran gedacht, das Ensemble dort aus Zeitgründen zu verlassen?

Hübner: Nein. Intendantin Karin Beier und ich haben die Verabredung, dass wir Dinge immer früh bereden. Ich bin ja exklusiv am Schauspielhaus. Ich liebe diesen Saal. Meine Frau ist Teil des Ensembles. Das ist alles ein unglaublicher Glückssegen, den ich seit ein paar Jahren erleben darf.

Was treibt Sie an im Spiel?

Hübner: Bei „Unterleuten“ ist es der Regisseur und dieses Epos. Das ist ein Milieu, das sonst nicht so ausführlich erzählt wird, weil es sich jenseits der bürgerlichen Verabredung bewegt.

„Unterleuten – Das zerrissene Dorf“ 9. bis 11.3., jeweils 20.15, ZDF; www.zdf.de