Medien

Der Fall Claas Relotius und die Folgen für den Journalismus

Gruppenbild mit Selfie: Im Atlantic trafen sich die Moderatoren Susanne Böhm, Yared Dibaba, Sandra Quadflieg, Gerhard Delling und Julia Sen.

Gruppenbild mit Selfie: Im Atlantic trafen sich die Moderatoren Susanne Böhm, Yared Dibaba, Sandra Quadflieg, Gerhard Delling und Julia Sen.

Foto: Mark Sandten / HA

Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden – auch die Medien wurden beim Neujahrsempfang des Hamburger Abendblatts zum Thema.

Hamburg.  Wenn eine Tageszeitung zum Get-together einlädt, dann ist es – so kurz nachdem der „Spiegel“ selbst den Skandal um seinen Reporter Claas Relotius aufdeckte – kaum verwunderlich, dass auch das grundsätzliche Vertrauen in die Medien zum Thema auf dem diesjährigen Neujahrsempfang wird. So vertritt etwa Hamburgs Kultur- und Mediensenator Carsten Brosda (SPD) die Meinung, dass sich nun alle Journalisten fragen müssten, „ob sie sich womöglich zu wenig mit der Substanz beschäftigen – oder zu oft nur mit der Fassade“.

Auch „Sportschau“-Moderator Gerhard Delling treibt das Thema Relotius um. Er stellt fest, dass viele in der eigenen Branche die Auswirkungen der Affäre „viel zu locker“ sähen. „Das ist alles eine Katastrophe, es wurde viel Schaden angerichtet.“ Der Journalismus sei in die Defensive geraten, wo er doch offensiv sein müsse: „Wir sind alle auch Journalisten geworden, um Haltung zu zeigen – zum Beispiel, indem wir immer Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden.“

Ähnlich grundsätzlich argumentiert Dellings Fernsehkollege Reinhold Beckmann, der zwar auch von der „tiefen Enttäuschung“ spricht, die gerade einer journalistischen Instanz wie dem „Spiegel“ nun entgegenschlage. Vor allem aber hält Beckmann den Hang von vielen Autoren auch anderer Publikationen, sich „in lyrischen Beschreibungen“ zu ergehen, für problematisch; „in Reportagen geht es um Fakten, und die müssen stimmen“. „Ich möchte dem ,Spiegel‘ eigentlich keine Empfehlungen aussprechen, aber es wäre eine souveräne und richtige Entscheidung, künftig wie früher auch auf Autorenzeilen zu verzichten.“

Streben nach dem Superlativ

ARD-Moderator Alexander Bommes findet es „zu oberflächlich, diese Affäre damit zu rechtfertigen, dass der Druck auf Reporter im Nachrichtengeschäft mittlerweile zu groß ist“. Denn jeder Einzelne habe die Chance, darüber zu bestimmen, wer oder wie er sein wolle und ob die Arbeitsbedingungen den eigenen Werten entsprechen. „Was das Nutzen dieser Chance verhindert, das ist die Kernfrage“, so Bommes. Völlig unabhängig vom Fall Relotius solle sich jeder fragen, „woher eigentlich Wut, Abhängigkeit oder das Streben nach dem Superlativ kommen. Das ist ein harter und unbequemer Prozess, aber nur der führt ans Ziel.“

Rainer Esser, Geschäftsführer der „Zeit“, schaut pragmatisch nach vorn: „Es geht mit Volldampf voran. Und in jeder Branche gibt es ein schwarzes Schaf.“ Claas Relotius – kein Symptom, sondern ein Einzelfall? Dieselbe Wortwahl nutzt auch Susanne Böhm, Moderatorin der Nachrichtensendung „Guten Abend RTL“: „Claas Relotius ist ein schwarzes Schaf“, findet sie. „Was er getan hat, kratzt an unserem Berufsethos. Doch meine tägliche Arbeit beeinflusst der Fall nicht; beim Sender halten wir uns nach wie vor an die guten alten Regeln des Journalismus und kontrollieren uns gegenseitig. Außerdem sind wir so nah an unseren Zuschauern dran. Wir könnten es uns gar nicht leisten, die Unwahrheit zu verbreiten.“

So etwas wie die Relotius-Affäre könne dennoch „immer wieder passieren“, glaubt Yared Dibaba. Der NDR-Moderator erinnert an seine Herkunft: „Ich komme aus Äthiopien, einem diktatorischen Land, in dem keine Pressefreiheit existiert. Wir als Journalisten sollten uns vergegenwärtigen, wie verdammt wichtig unser Beruf ist. Die Pressefreiheit ist ein extrem hohes Gut, und wir sollten dazu beitragen, dass diese Freiheit erhalten bleibt.“

Deuflhard bleibt weiterhin Zeitungsjunkie

Wie aber gehen Leser, die selbst nicht in der Medienbranche arbeiten, mit der Relotius-Affäre um? Ändert sich etwas an ihrem Leseverhalten, hat der Skandal misstrauischer oder gar medienmüde gemacht? Symphoniker-Intendant Daniel Kühnel schüttelt den Kopf. „Für mich hat sich nichts verändert“, erklärt er. „Ich glaube, dass man vor Betrügern grundsätzlich nicht sicher ist, weder in einer Bank noch in der Gastronomie noch in den Medien. Ernsthaften Journalismus hat es immer gegeben und wird es immer geben. Und muss es immer geben! Grundsätzliche Skepsis halte ich für nicht angemessen.“

Auch Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard bleibt weiterhin Zeitungsjunkie: „Ich lese wirklich sehr viele Zeitungen. Und ich lese sie jetzt nicht anders als vorher. Aber gerade für den ,Spiegel‘ ist das natürlich ein superherber Schlag.“ Tobias Rempe, Geschäftsführer beim Ensemble Resonanz, glaubt, die „Spiegel“-Affäre werde „jetzt ausgeschlachtet. Und ich fürchte, dass dadurch das notwendige Vertrauen in Diskurse und Berichterstattung beschädigt wird.“

András Siebold, Intendant des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel, findet es gut, „dass nun über Stil diskutiert wird und ebenso über das, was Journalismus kann, darf und soll“. Es werde schließlich auch über den Wert von Fiktion gesprochen. „Das“, stellt Siebold fest, „ist für uns als Theater interessant.“