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Dschungelcamp: Das Fegefeuer der Eitelkeiten wird entfacht

Muss man das einschalten? Ja, es gibt gute Gründe. Das Dschungelcamp 2017 hat alles: Proll, Zicke, Schönling, Macho, Brüste. 

Hamburg. Man kann nur froh sein, dass RTL seine, ähm, Stars noch nie in die authentische Flora und Fauna gekarrt hat. Man weiß ja von Naturschutzorganisationen, dass es dem Regenwald nicht so gut geht insgesamt. Einfallende C-Promi-Horden aus Deutschland machen in Australien jedenfalls nichts kaputt. Ist ja alles präpariert da, vom Känguru-Hoden über den Spinnen-Cocktail bis zum Dschungel-Tümpel.

Weshalb man, nach anfänglicher Irritation aufgrund heftigen Schund-Alarms, mittlerweile entschieden dazu übergegangen ist, die Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ gut zu finden – siehe auch die Nominierung für den Grimme-Preis im Jahr 2013. Bevor am Freitagabend die elfte Staffel des im Volksmund „Dschungelcamp“ genannten Trash-Vergnügens losgeht, hier nun ein kleiner augenzwinkernder Leitfaden.

Darf man als denkender Mensch abstruse Entspannung und komische Erbauung beim „Dschungelcamp“ finden? Selbstverständlich. Erstens weil Entertainment sowieso ein Menschenrecht ist, und zweitens, weil kein Buch so herrlich sinnlos sein kann. Dschungelkönig, weil man für die Dauer einer speziellen Expedition einem noch spezielleren Speiseplan ausgeliefert ist und andere absurde „Dschungelprüfungen“ bestehen muss? Was ein grandioser Quatsch!

Dschungelcamp 2017: Die Kandidaten

Muss man die Dschungel-Gerichte nachkochen?

Muss man die absonderlichen Aufgaben bei Gelegenheit nachspielen oder die Gerichte nachkochen? Auf keinen Fall. Das Fernsehen ist erfunden worden, damit Menschen Dinge passiv miterleben können, die sie sonst nie erleben würden. Außerdem muss man Publicity-geil sein, um den Genuss eines Kamel-Penis voll auszukosten oder die Wonnen der reduzierten Körperhygiene neu für sich zu entdecken.

Muss man mitfühlen, wenn erwachsene Menschen unter manchen Qualen und Entbehrungen ihre demütigende Rolle im Spätprogramm spielen? Auf keinen Fall. Beziehungsweise: Kann, muss nich’. Ist ja alles freiwillig und im übrigen gut bezahlt. Mitleid ist weder bei der Vollverpflegung noch bei der Vollverfilmung angebracht – jeder weiß, auf was er sich einlässt.

Das Palaver der Bewohner ist pures Lästergold

Wann auf die Toilette gehen, wenn nicht gerade Werbepause ist? Viel eher bei den Prüfungen als beim Zusammenschnitt der Geschehnisse im Camp. Die sind die eigentlichen Höhepunkte und gleichzeitig eine Feier des Banalen wie ein tragikomisches Theater des allzu Menschlichen. Das peinvolle (Hunger!) und peinliche (Ich! Ich! Ich!) Palaver der Bewohner ist pures Lästergold – und wird von Sonja Zietlow und Daniel Hartwich ohne jegliche Gnade ausgeschlachtet.

Bekannterweise hat das Kommentatoren-Duo brillante Gagschreiber. Und dass die Sendungen so perfekt komponiert sind, liegt, na klar, am Casting. Jenes ist ein Meisterwerk der gruppendynamischen Vorannahme. Alles dabei: der Proll, die Zicke, der Schönling, der Macho, die Brüste.

Der Dschungelbewohner ist ein Bedürfniswesen

Muss man die Dschungelbewohner kennen? Nein! Und ja. Die „Berühmtheiten“ können sich auf die schauderhafte Verstärker-Power des Internets verlassen, so dass man eigentlich jeder Figur im Echoraum der Medien schon einmal begegnet ist. Der perfekte Dschungelcamper ist ein aufmerksamkeitsheischendes Bedürfniswesen, der heroisch den ehernen ersten Artikel des Grundgesetzes ad absurdum führt, wonach die Würde des Menschen unantastbar ist.

Die Klasse von 2017, topmotiveirt bis in die Haarspitzen und vollgepumpt mit Selbstentblößungsadrenalin: Malle-Auswanderer Jens Büchner („Goodbye Deutschland“), Model Gina-Lisa Lohfink, Popsänger Marc Terenzi, Sarah Joelle Jahnel (DSDS-Kandidatin), Kader Loth (Model und Reality-TV-Teilnehmerin), Florian Wess (Model und Reality-TV-Teilnehmer), die Sängerin Fräulein Menke, Hanka Rackwitz („Mieten, kaufen, wohnen), Schauspielerin Nicole Mieth, Ex-Kicker Thomas Häßler, Komiker Markus Majowski. Ein Mensch namens Alexander Keen, den viele nur als „Honey“ kennen, hat den allerprächtigsten „Beruf“: Er ist der Ex-Freund der jüngsten Gewinnerin des Laufsteg-Rennens „Germany’s Next Topmodel“.

Dürfen Kinder das Dschungelcamp sehen?

Sie sind allesamt Möchtegerns, Vergangene und Nie-Gewesene, verzweifelte Malocher im Arbeitslager des Berühmtseins. Der Prominentengott ist ein Schinderhannes, und das „Dschungelcamp“ ist sein Fegefeuer.

Dürfen Kinder das schauen? Sind die nicht um zehn längst im Bett? Und wenn nicht: Ansichtssache. Im doppelten Sinne der Bedeutung. Wahrscheinlich haben sie schon nach einer Folge kapiert, dass man im Medienzirkus lieber auf der Siegerseite stehen sollte. Da schmeckt das Essen besser, und die böse Sonja muss draußen bleiben.

Gibt es jemanden, der noch bemitleidenswerter ist als die „Stars“? Natürlich, sein Name ist Dr. Bob, er ist so eine Art Urwald-Mediziner und seit Beginn an dabei. Der wahre Dschungelkönig.