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Jürgen Vogel ist der „weiße Äthiopier“

„Der weiße Äthiopier“ ist eine Mixtur aus Sozialdrama und Gerichtsfilm – und wurde zu großen Teilen in Afrika gedreht

„Der weiße Äthiopier“ ist eine Mixtur aus Sozialdrama und Gerichtsfilm – und wurde zu großen Teilen in Afrika gedreht

Foto: ARD Degeto/WDR/MOOVIE

Die ARD zeigt heute ein Sozialdrama. Was der Hamburger Schauspieler bei den Dreharbeiten in Afrika erlebte.

Jürgen Vogel hat in jüngster Zeit eine Menge zu tun, und das an ziemlich ungewöhnlichen Orten. Am ersten Weihnachtstag sieht man ihn als Schurke Rattler, der in „Winnetou – Eine neue Welt“ Old Shatterhand auf RTL das Leben schwer macht. Gedreht wurde in Kroatien. In „Iceman – Die Legende von Ötzi“, der 2017 ins Kino kommen soll, kraxelte er vor Kurzem in Südtirol und Bayern auf Gletschern herum. Bereits im vergangenen Jahr konnte man Vogel in der Titelrolle der anspruchsvollen Berlin-Serie „Blochin“ sehen, die sein Freund und Produzentenkollege Matthias Glasner inszenierte. Ein weiterer, 110 Minuten langer Film ist dazu noch geplant, als Serie wird das Projekt aber wohl nicht fortgeführt. Der Schauspieler ist darüber enttäuscht: „Das finde ich sehr schade. Mein Traum wäre es, eine Reihe daraus zu machen, damit man einmal im Jahr 90 Minuten realisieren kann, so ähnlich wie Lars Beckers ,Nachtschicht‘.“

Für seinen aktuellen Film „Der weiße Äthiopier“, der am heutigen Mittwoch im Ersten zu sehen ist, führte den gebürtigen Hamburger der Weg, wie der Titel schon andeutet, nach Afrika.

Vogel verkörpert in diesem Film einen zerrissenen Charakter. Frank Michalka saß wegen Bankraubs im Gefängnis. Nach seiner Freilassung überfällt er gleich wieder eine Bank, versucht aber gar nicht erst, mit der Beute zu entkommen, sondern lässt sich von der Polizei festnehmen und wirkt völlig apathisch. Als es zur Gerichtsverhandlung kommt, scheint die Lage eindeutig zu sein. Für Rechtsanwalt Weilandt (Thomas Thieme) ist dies ein Fall wie jeder andere. Aber seine Referendarin Sophie Kleinschmidt (Paula Kalenberg) meint, hinter dem hartnäckigen Schweigen des Angeklagten etwas entdeckt zu haben.

Ein afrikanisches Kinderlied, das sie ihm schickt, bricht den Bann. Stockend beginnt Michalka zu erzählen. Er berichtet von einer unglücklichen Jugend. Auf der Suche nach einer zweiten Chance ging er nach Afrika, fühlte sich zum ersten Mal in einer Gemeinschaft akzeptiert und verliebte sich in die junge Witwe Ayantu (Sayat Demissie). Dann musste er erleben, wie zerbrechlich auch dieses Glück war.

Der zurzeit im Fernsehprogramm fast schon omnipräsente Ferdinand von Schirach („Terror“) schrieb die Kurzgeschichte, auf der dieser Film basiert. Nach seinen Büchern entsteht auch gerade eine neue Staffel von „Schuld“, in der Jürgen Vogel neben Moritz Bleibtreu spielt. Das Ergebnis ist im Falle von „Der weiße Äthiopier“ eine von Tim Trageser inszenierte vielschichtige Mischung aus Sozial- und Gerichtsdrama.

„Für mich war die Rolle eine Herausforderung, denn ich spielte jemanden mit einer Sprachstörung aus psychischen Gründen“, erzählt Vogel. Der optische Höhepunkt des Films ist ein Rückblick auf das Leben Michalkas in Äthiopien. Der Schauspieler spricht im Film ein wenig Amharisch. Das ist die Amtssprache und eine von insgesamt 80, die in diesem Land gesprochen werden. „Sie war sehr schwer zu lernen, weil sie so weit weg davon ist, wie wir sprechen. Das Land war ein echtes Erlebnis, ich war überrascht, wie hoch es liegt“, sagt Vogel.

Keine Probleme zwischen Christen und Muslimen

Von der Hauptstadt Addis Abeba auf 2300 Metern Höhe ging es weiter nach Dire Dawa. Von dort wanderte das Team oft noch zu anderen Drehorten. Trotz der Strapazen genoss Vogel die Gastfreundschaft. „Man musste schon fit sein. Es ist gebirgig, eine wahnsinnig schöne Natur, ein sehr offenherziges Volk. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie nett die Menschen dort sind. Wir waren von morgens bis abends mit den Dorfbewohnern und dem Team zusammen, das aus Äthiopien und Südafrika kam.“

Die Art der Lebensführung der Äthiopier und die in der Gesellschaft herrschende Toleranz haben den 48-Jährigen beeindruckt. „Die Menschen müssen mit ganz wenig auskommen, tun das aber mit sehr viel Würde und Respekt. Die Religion ist für sie enorm wichtig, um ihre Hoffnung nicht aufzugeben.“ In Äthiopien leben orthodoxe Christen und Muslime ohne große Konflikte miteinander.

Die Droge Khat ist ein großes Problem in Afrika

„In den Dorfgemeinschaften ist die ­Religion eine wichtige ethische Grundlage, um Richtlinien für den Umgang mit anderen Menschen zu haben. Äthiopien ist für mich ein gutes Beispiel dafür, dass die bei uns so stark aufgebauschten Konflikte zwischen den Religionen vor allem Ausdruck ihres Missbrauchs sind. Das war für mich eine wichtige Erfahrung, die ich so gar nicht erwartet hatte.“

Im Drehbuch stand auch eine Szene, in der die Kinder der Dorfbewohner mit ihrem deutschen Gast ein bisschen Fußball spielen wollen. Ein wenig Ballbeherrschung kann man ja wohl von einem Mann aus dem Land des Weltmeisters erwarten. Das war aber eine Fehleinschätzung. „Meine ehemaligen Klassenkameraden aus Schnelsen werden es noch wissen: Ich war wirklich nicht gut im Fußball. Man hat mich aus der Klassenmannschaft herausgenommen, weil ich so ein Rupper war. Ich wurde dann in die Handballmannschaft der Mädchen gesteckt. Das fand ich in der Pubertät allerdings gar nicht so schlecht.“

Fast schon zu folkloristisch wird der Film, wenn er vom Kaffeeanbau erzählt. Kaffee ist zwar für das Land ein wichtiger Exportartikel, aber das ist nur eine Seite der Medaille. „Wir hätten auch von Khat erzählen können, das ist die Droge, die gerade Afrika verseucht. Leider kann man damit zurzeit mehr Geld machen als mit Kaffee. Es gibt viele verschiedene Sorten, und es nimmt es den Hunger. Es kauen leider auch schon viele Kinder daran herum. Für den Anbau werden in ganz Afrika Kaffeeplantagen gerodet.“ Die Situation in Äthiopien hat Vogel bewegt. „Es gibt dort ebenso große Möglichkeiten wie Schwierigkeiten.“ Man müsse konkret helfen, findet er, denn: „Je mehr wir tun, desto mehr Schutz haben wir vor allen Auswüchsen einer ungerechten Gesellschaft. Niemand erwartet, dass sich alles innerhalb von zwei Jahren klärt. Schlimm ist, dass es kein wirklich großes Konzept gibt. Ich glaube, die Rettungsschirme unterstützen eher die Banken als die einfachen Leute.“

„Der weiße Äthiopier“ Mi, 20.15 Uhr, ARD