Kultureller Austausch

Wie eine Nachrichtensprecherin aus Georgien Hamburg erlebt

Tamar Iluridze als Moderatorin des georgischen TV-Senders Maestro

Tamar Iluridze als Moderatorin des georgischen TV-Senders Maestro

Foto: Privat

Tamar Iluridze liebt einiges und wundert sich über manches. Ihre Eindrücke während ihres Aufenthaltes beim Abendblatt.

Hamburg. „Kennst du Nino Haratischwili?“, fast jeden Tag fragt mich jemand nach der georgischen Schriftstellerin und Theaterregisseurin. Das ist eigentlich kein Wunder, denn sie lebt und arbeitet in Hamburg. Und offenbar gibt es hier viele Menschen, die Haratischwilis 2014 erschienenen Roman „Das achte Leben“ gelesen haben. Das ist ein großartiges Buch, das auf 1280 Seiten das dramatische Schicksal einer georgischen Familie beschreibt.

Auf Nino Haratischwili werde ich oft angesprochen, weil sie für eine georgische Erfolgsgeschichte in Deutschland steht. Sie hat auf Kampnagel, am Thalia Theater in Hamburg, am Deutschen Theater in Berlin und andernorts inszeniert, hat Preise gewonnen und Stipendien erhalten. Sie ist jung und ihre Arbeit interessiert viele Menschen, auch wenn sie sich das Schicksal jener Familie, die Haratischwili in ihrem Roman beschreibt, sicher kaum vorstellen können. Unser Leben in Georgien ist den Menschen hier schon ziemlich fremd.

Was die Menschen hier aus meiner Heimat kennen, das sind vielleicht die Namen einiger Politiker: Schewardnadse oder auch Sakaschwili. Aber in welcher politischen Situation wir uns befinden, ist den wenigsten bekannt.

Bei Pressefreiheit zu Russland aufgeholt

Da ich Journalistin bin, werde ich natürlich auch immer wieder nach den Medien gefragt. Gibt es Pressefreiheit? Welche Chancen haben bei Euch noch die Printmedien, wie groß ist die Bedeutung von Online-Plattformen und welchen Stellenwert hat das Fernsehen? Natürlich gebe ich Auskunft darüber. Ich erzähle, dass die erste Zeitung in Georgien schon im 19. Jahrhundert gegründet wurde, obwohl ich weiß, dass in Leipzig schon 200 Jahre früher Zeitungen gedruckt wurden. Manches ist bei uns bis heute schwierig, aber es gibt auch Positives. So kann ich stolz sagen: Ja, in Sachen Pressefreiheit sieht es bei uns ganz anders aus als etwa in Russland. Da haben wir wirklich Fortschritte gemacht. Ich nenne auch gern Beispiele und erzähle von Reportern, die sehr kritisch über innen- und außenpolitische Entwicklungen berichten. Und wenn ich spüre, dass mein Gesprächspartner skeptisch ist, oute ich mich als Dönhoff-Stipendiatin und sage, dass ich gerade beim Hamburg Abendblatt hospitiere – das schafft Glaubwürdigkeit.

Immer wieder begegne ich Menschen, die mehr über Georgien erfahren möchten, über das Leben in Tbilisi, über meine Arbeit und über meine Familie. Dann werde ich vielleicht zu einem Cappuccino eingeladen und wir können reden. Manchmal ist es auch ein Abendessen, wie bei meinem Abendblatt-Kollegen Matthias Gretzschel, der mich zu sich nach Hause einlud und mit seiner netten Frau bekanntmachte, die als junges Mädchen selbst einmal in Georgien war.

Besonders interessant war für mich, zu erfahren, wie die Kommunikation zwischen Redaktion und Lesern funktioniert. Das habe ich durch Ina-Maria Nießler gelernt, mit der ich viel Zeit verbringe und die mir eine Menge erzählt über ihre tägliche Arbeit als Leser-Botschafterin. Durch die Gespräche mit ihr und mit anderen Kollegen kann ich mein Deutsch verbessern. Die Konferenzen, an denen ich gern teilnehme, helfen mir, auch meinen fachlichen Wortschatz zu erweitern. Natürlich war es gut, ausgerechnet in einer politisch so bewegten Zeit beim Abendblatt hospitieren zu dürfen. Ich fand es enorm spannend mitzuerleben, wie die Kollegen etwa über den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl, über die Entscheidung für Franz-Walter Steinmeier als Bundespräsidentenkandidat und die erneute Kanzlerkandidatur von Angela Merkel diskutierten – und diese politischen Entscheidungen dann in der Zeitung darstellten und kommentierten.

"Ich habe mich sofort in Hamburg verliebt"

Besonders froh bin ich darüber, dass ich jetzt für mehrere Monate in Hamburg leben konnte, denn in diese Stadt habe ich mich sofort verliebt. Trotz des Straßenlärms und der vielen Baustellen, die schon manchmal nerven, finde ich die Stadt wunderschön. Besonders gut sieht man das auf der Dachterrasse der Abendblatt-Redaktion, wo die historischen Gebäude und die vielen Türme ein wunderbares Panorama bilden. Und auch hier fallen mir manchmal Unterschiede auf: Wenn Leute in grüner Arbeitskleidung Dinge reparieren, geschieht das nicht wie bei uns, um die Menschen vor einer Wahl positiv zu stimmen, sondern einfach weil es notwendig ist.

Manches finde ich auch komisch, zum Beispiel den Hamburger Fischmarkt, zu dem die Menschen am Sonntag, wenn sie eigentlich ausschlafen könnten, schon früh um 5 Uhr kommen. Und dann gibt es da nicht etwa nur Fisch, sondern auch altes Geschirr, billige Kleidung, Gummibäume und allen möglichen Krimskrams. Und in der morgendlichen Kälte trinken die Leute nicht etwa heißen Kaffee, sondern kaltes Bier und essen dazu Fischbrötchen. Und dann stelle ich doch fest, dass das lecker schmeckt, mache das auch, höre in der Fischauktionshalle Livemusik und sehe durch die Fenster die Schiffe auf der Elbe und das großartige Morgenrot, das den Himmel buchstäblich in Flammen setzt.

Großes Staunen über die vielen Plakate

Zurzeit ist Hamburg besonders schön durch die vielen Weihnachtsmärkte, die alle prächtig mit unendlich vielen Lichtern illuminiert sind. Wie sehr sich die Menschen auf Weihnachten freuen und auch andere daran teilhaben lassen wollen, habe ich ganz persönlich gespürt, als ich auf meinem Schreibtisch in der Redaktion einen wunderbar blühenden Weihnachtstern vorfand.

Hamburg ist eine Stadt der Schiffe, die kleinen fahren auf der Alster, die ganz großen durch den Hafen, gleich an der neuen Elbphilharmonie vorbei. In dieser Stadt gibt es aber nicht nur unendlich viele Geschäfte, sondern auch jede Menge Veranstaltungen: Konzerte, Theater, Literatur, Kabarett, Ausstellungen, Diskussionen. Ich staune noch immer jeden Tag über die vielen Plakate an den Wänden.

Lustig finde ich auch, dass die Menschen hier so weit vorausplanen. Deshalb brauchen sie auch gleich mehrere Kalender. Ina-Maria Nießler habe ich gerade beobachtet, wie sie den neuen Kalender für 2017 aufschlägt und dort unter dem 12. Juli etwas notiert. Was ich am 12. Juli 2017 machen werde? Ich habe keine Ahnung, außer dass ich mich dann vielleicht an Ina, an die Redaktion und die schöne Zeit in Hamburg erinnern werde.