TV-Tipp

Empörung pur: Arte zeigt die großen Skandale

Lesedauer: 8 Minuten
Heinrich Oehmsen
Die Mutter aller Skandale: Ilona Staller, besser bekannt als La Cicciolina. Mit der Doku über das Leben des Pornostars mit der Polit-Karriere beginnt der „Summer of Scandals“

Die Mutter aller Skandale: Ilona Staller, besser bekannt als La Cicciolina. Mit der Doku über das Leben des Pornostars mit der Polit-Karriere beginnt der „Summer of Scandals“

Foto: P4444/_Mimmo Frassineti / obs

Mit „Summer of Scandals“ erinnert Arte an die großen Aufregerthemen. Los geht es am 16. Juli mit einer göttlichen Skandalnudel.

Hamburg.  FIFA, Abgas, Panama Papers - Skandale hat es in jüngster Zeit einige gegeben. Das Wort Skandal basiert auf dem griechischen „skandalon“ und das bedeutet im ursprünglichen Sinn „Ärgernis“. Wobei obige Beispiele aufgrund ihrer kriminellen Energie weit mehr als nur Ärgernisse sind. Wenn der TV-Sender Arte in den kommenden Wochen den „Summer of Scandals“ ausruft, beschäftigt er sich darin nicht mit den großen politischen und wirtschaftlichen Aufregern, sondern mit Kontroversen aus der weiten Welt der Kultur und des Pop.

„Das ist ja unerhört!“, werden viele amerikanische Eltern gedacht haben, als sie 1990 Madonnas Video zu „Justify My Love“ gesehen haben. Die Pop-Königin träumt darin von öffentlichem Sex. Gezeigt werden Andeutungen einer Orgie in einem Flur und einem Hotelzimmer. Madonna räkelt sich lasziv und betört Liebhaber nach Liebhaber. Gefilmt ist dieses voyeuristische Filmchen in ästhetisch schönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Nacktheit wird hier nicht ausgestellt, die Brustwarzen eines in Leder gekleideten weiblichen Vamps werden mit einem schwarzen Balken verdeckt. Der Film hätte auch ein Werbeclip für Spitzenunterwäsche sein können. Doch in den USA sorgte „Justify My Love“ für Aufsehen und MTV spielte den Song damals nicht. Trotz oder vielleicht wegen des Banns erreichte die Nummer Platz 1 der US-Charts.

Skandalgaranten wie Madonna, Miley Cyrus oder Lady Gaga

Etwas Besseres kann einem Künstler heutzutage kaum passieren, als wenn irgendwelche Moralapostel nach Zensur, Indizierung und Verbannung rufen. Dann ist der Medien-Hype groß, Werbung muss für diese Produkte kaum noch geschaltet werden, das Marketing läuft fast von allein. Popkünstler wie Madonna, Miley Cyrus oder Lady Gaga spielen mit Extremen und wollen Empörung provozieren. Christian Wagners Dokumentation „Explicit! Die skandalösesten Musikvideos“ (16.7., 22.40 Uhr, Arte) zeigt eine ganze Reihe dieser inszenierten Skandal-Clips. Was puritanische US-Bürger wohl angesichts von Rammsteins „Pussy“ ausgerufen hätten? Die deutsche Metal-Band zeigt darin Ausschnitte aus Hardcore-Pornos, Premiere hatte der Clip 2009 auf einem niederländischen Erotikportal.

Die Empörung über einen Film, ein Buch oder ein Video wird in den verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich aufgenommen. Das ist deutlich an den Altersfreigaben für Kinofilme zu sehen. Während in den USA eine entblößte Brust und Andeutungen von Sexualität fast automatisch ein „R“ für „restricted“ bedeuten und brutale Gewaltdarstellungen durchgehen, urteilt die deutsche Filmbewertungsstelle FSK anders. Filme mit expliziter Gewalt werden meistens mit dem Siegel „ab 16“ eingestuft. Was früher einmal als Skandal bezeichnet wurde, darüber regt sich heute niemand mehr auf. Niemand käme heute mehr auf die Idee, Ingmar Bergmans „Das Schweigen“ verbieten zu wollen. 1963 erhielt der Film für seine offene Sexualdarstellung die Einschränkung „ab 18“, gleichzeitig wurde ihm als Kunstwerk aber auch das Prädikat „besonders wertvoll“ zuerkannt. Im „Summer of Scandals“ wird dieser damals als „unsittlich“ diffamierte Film nicht gezeigt, weil sein Skandal-Potenzial heute nur noch sehr gering ist.

Marco Ferreris „Das große Fressen“ ist zwar auch schon 43 Jahre alt, aber der vulgäre Fress- und Sexfilm ist bis heute nichts zarte Gemüter. Der italienische Regisseur unterlief damals alle Grenzen des guten Geschmacks und zeigte vier Gourmands, die sich zu Tode fressen. Jean Cau, Journalist und langjähriger Sekretär von Jean-Paul Sartre, schrieb damals im Magazin „Paris Match“ über den preisgekrönten Schocker: „Schande über die Produzenten dieses Films, Schande über den Regisseur, Schande über die Schauspieler...mein Land...unsere Epoche.“ Mit Michel Piccoli, Ugo Tognazzi, Marcello Mastroianni und Philippe Noiret standen damals vier der herausragenden französischen Schauspieler vor der Kamera und ließen ihren Blähungen freien Lauf. Neben „Der letzte Tango von Paris“ mit Marlon Brando war „Das große Fressen“ 1973 der Skandal-Film des Jahres (So 17.7., 21.45 Uhr).

Szenen mit Sex und Gewalt-Exzessen

Sechs Wochen lang zeigt Arte in seinem Sommer-Special zwischen dem 16. Juli und dem 21. August noch eine Reihe weiterer Filme abseits des Mainstreams, die in der Vergangenheit Ablehnung hervorriefen, weil sie die ästhetischen oder moralischen Grenzen ihrer Zeit überschritten haben. Nagisa Oshimas Berlinale-Skandal „Im Reich der Sinne“ (24.,7., 22.50 Uhr) gehört ebenso dazu wie Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ (31.7., 22.45 Uhr) oder Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“, der das Western-Genre um minutiös gefilmte Gewalt-Exzesse erweitert (7.8., 21.45 Uhr).

Eine sechsteilige amüsante Dokumentation von Lioc Prigent über die großen Skandale im Modebusiness gehören ebenso zu Artes „Summer of Scandals“ wie Konzertmitschnitte und Künstlerporträts von Iggy Pop, Dennis Hopper, Marlon Brando und Rammstein. Auch eine 110minütige Doku über die Rolling Stones unter dem Titel „Crossfire Hurricane“ zeigt der Kultursender. Die Stones erzählen darin ihre Geschichte von ihren Anfängen als Blues-süchtige Teenager bis zu ihrem heutigen Superstar-Status. In den 60ern waren Jagger und Co. gefürchtet. Eine Warnung vor der Skandal-Band lautete: „Mütter, haltet eure Töchter fest, die Rolling Stones sind in der Stadt“.

Denn etwas Besseres als der Ruf von Moralaposteln nach Zensur, Index und Verbannung kann einem Künstler heutzutage kaum passieren. Dann ist der Medien-Hype groß, Werbung muss kaum noch geschaltet werden, das Marketing läuft fast von allein. Popkünstler wie Madonna, Miley Cyrus oder Lady Gaga spielen mit Extremen und wollen Empörung provozieren. Christian Wagners Doku „Explicit! Die skandalösesten Musikvideos“ (16.7., 22.40 Uhr, Arte) zeigt etliche dieser inszenierten Skandal-Clips.

Marco Ferreris „Das große Fressen“ hat zwar schon 43 Jahre auf dem Buckel, aber der vulgäre Fress- und Sexfilm ist bis heute nichts für zarte Gemüter. Der italienische Regisseur sprengte die Grenzen des guten Geschmacks und zeigte vier Gourmands, die sich zu Tode fressen. Jean Cau, Journalist und langjähriger ­Sekretär von Jean-Paul Sartre, schrieb damals im Magazin „Paris Match“ über den preisgekrönten Schocker: „Schande über die Produzenten dieses Films, Schande über den Regisseur, Schande über die Schauspieler ... mein Land ... unsere Epoche.“ Mit Michel Piccoli, Ugo Tognazzi, Marcello Mastroianni und Philippe Noiret standen damals vier der herausragenden französischen Schauspieler vor der Kamera und ließen ihren Blähungen freien Lauf. Neben „Der letzte Tango von Paris“ mit Marlon Brando war „Das große Fressen“ 1973 der Skandalfilm des Jahres (So 17.7., 21.45 Uhr).

Sechs Wochen lang zeigt Arte in seinem Sommer-Special zwischen dem 16. Juli und dem 21. August eine Reihe weiterer Filme abseits des Mainstreams, die in der Vergangenheit Ablehnung hervorriefen, weil sie die ästhetischen oder ­moralischen Grenzen ihrer Zeit überschritten haben. Nagisa Oshimas Berlinale-Skandal „Im Reich der Sinne“ (24.,7., 22.50 Uhr) gehört ebenso dazu wie Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ (31.7., 22.45 Uhr) oder Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“, der das Western-Genre um minutiös gefilmte Gewalt-Exzesse erweiterte (7.8., 21.45 Uhr).

Eine sechsteilige amüsante Dokumentation von Lioc Prigent über die großen Skandale im Modebusiness zählt ebenso zu Artes „Summer of Scandals“ wie Konzertmitschnitte und Künstlerporträts von Iggy Pop, Dennis Hopper, Marlon Brando und Rammstein. Auch eine 110-minütige Doku über die Rolling Stones unter dem Titel „Crossfire Hurricane“ zeigt der Kultursender. Die Stones erzählen darin ihre Geschichte von ihren Anfängen bis zu ihrem heutigen Superstar-Status. In den 60ern waren Jagger und Co. ­gefürchtet. Eine Warnung vor der Skandal-Band lautete: „Mütter, haltet eure Töchter fest, die Rolling Stones sind in der Stadt.“