Fernsehen

"Tatort: Kartenhaus": Die Ballade von Laura und Adrian

Das geht nicht gut aus: Adrian (Rick Okon) und Laura (Ruby O. Fee) sind ein Liebespaar. Aber eines ohne echte Zukunft

Das geht nicht gut aus: Adrian (Rick Okon) und Laura (Ruby O. Fee) sind ein Liebespaar. Aber eines ohne echte Zukunft

Foto: WDR Presse / WDR/Thomas Kost

Der Köln-„Tatort“ bietet mehr als einen üblichen Krimiabend. Leichen pflastern den Weg aus der Plattenbausiedlung.

Der Mord wird zur Oper stilisiert. Der junge Bursche ersticht den Stiefvater der Freundin, weil sie ihm sagte, der neue Mann ihrer Mutter habe sie einst vergewaltigt. Die Bluttat wird untermalt von Puccinis Selbstmord-Arie der Madame Butterfly und dehnt sich über eine qualvolle Minute. So steigt Regisseur Sebastian Ko in den Kölner „Tatort: Kartenhaus“ ein und lässt wenig Zweifel daran, dass er Wucht und Dramatik liebt. Das Versprechen, das der Film mit diesem Beginn gibt, nämlich anders zu sein als vieles, was der sonntägliche Krimiabend für das deutsche Fernsehpublikum vorsieht, löst er ein.

Das liegt nicht nur daran, dass Drehbuch-Routinier Jürgen Werner dem Publikum den Mörder sofort serviert. Es ist Kos bildgewaltiger Erzählstil, der samt der wilden Kamerafahrten von Kay Gauditz eher an Kino als an Fernsehen erinnert. Die Story eines ungleichen Pärchens auf der Flucht nimmt kräftige Anleihen bei US-Filmen wie „Wild at Heart“ oder „Natural Born Killers“. Heraus kommt ein „Tatort“ als Außenseiter-Ballade mit jugendlichem Anstrich, bei dem die Polizei-Recken Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) schnell aus der Puste kommen und ernüchtert feststellen: „Im Moment rennen wir hinterher und zählen die Leichen.“

Es sind derer erst einmal zwei, aber die Energie, die in diesem jungen Mann von der Straße namens Adrian (Rick Okon) steckt, lässt erahnen, dass es noch schlimmer werden kann. Adrian will mit seiner Laura (Ruby O. Fee), dem Teenager aus bestem Hause, den absurden Traum von einer Zukunft im Irgendwo verwirklichen. Sie liebt ihn, so wie eine 18-Jährige das tut, weil er ihr bedingungslose Hingabe signalisiert. Sie glaubt an einen Geburtstagsausflug, erkennt bald, dass es eine Flucht ist und genießt für eine Weile das Abenteuer.

Sie werden, man ahnt es natürlich früh, nicht einmal den Hochhausschluchten einer Kölner Plattensiedlung entkommen: ein vollkommen gespenstisch in Szene gesetztes Gefängnis, in dem der Blick vom Balkon nur den Blick vom eigenen aufs andere Elend ermöglicht.

Hier lebt Adrians verwahrloste Mutter (wunderbar: Bettina Stucky), die den Sohn liebt, obwohl sie bereits weiß, was er angerichtet hat und den Schmerz in sich hineinfrisst. Lauras Mama (Julika Jenkins) ist das Gegenteil, schrammt mit weltfremden Blick auf das Leben ihrer Tochter am Klischee der Wohlstandsmutti entlang.

Ruby O. Fee und Rick Okon aber sind glänzend als Paar: sie verwöhnt, sprunghaft und voll laszivem Lolita-Charme, er verträumt, ernst und zusehends verzweifelt, weil er sich immer tiefer in den Schlamassel reitet.

Es ist eine tragische Figur, die sich mit einer fürchterlichen Wahrheit konfrontiert sieht. Die Melodramatik ist zuweilen aufdringlich komponiert und macht auch nicht vor dem großen Finale halt. „Kartenhaus“ gönnt sich aber auch schöne Momente der Stille.

Etwa wenn die Kamera durch Ricks Augen sekundenlang einer Plastiktüte folgt, die vom Wind durch die Luft gewirbelt wird, so wie er, den das Schicksal schüttelt. Auch so ein Hollywoodzitat, aus der Satire „American Beauty“. Aber gut ausgesucht.

„Tatort: Kartenhaus“ So, 28.2., 20.15 Uhr, ARD