Arte-Serie

„Stadt ohne Namen“: Im Getto der Nutzlosen

In der Zone: Die in „Stadt ohne Namen“ porträtierte Gesellschaft sperrt ihre
Arbeitslosen (hier Némo Schiffman) in Gettos

In der Zone: Die in „Stadt ohne Namen“ porträtierte Gesellschaft sperrt ihre Arbeitslosen (hier Némo Schiffman) in Gettos

Foto: ARTE France / Kelija/Jean-Claude Lother

Ein schauderhaftes Gedankenspiel: Die Arte-Serie „Stadt ohne Namen“ zeigt die Arbeitswelt als Kampf ums Überleben.

Zum Glück kann man sich recht schnell entscheiden, die Geschehnisse in der sechsteiligen Serie „Stadt ohne Namen“ mitunter für komisch zu halten. Da ist etwa der Chemiker Ruben Garcia, er arbeitet in der Leitungswasserbranche. Die Arbeitssituation dort ist für alle Beteiligten, sagen wir mal: stressig. Eigentlich ist sie viel mehr als das, der Arbeitsmarkt in dem namentlich nicht genannten Land ist ein mörderischer Ausscheidungswettkampf.

Es ist ein Turbo-Darwinismus, der hier herrscht: Garcia (Pierre Deladonchamps) sieht also den armen Kerl auf dem Flur liegen, er sagt: „Mein Chef ist gerade gestorben. Ich würde mich gerne auf seine Stelle bewerben.“

Kein Erschrecken, keine Trauer, sondern die kalte Logik der hierarchischen Notwendigkeit. Wenn die nächsthöhere Position frei geworden ist, wirft man halt seinen Namen in den Ring. In „Stadt ohne Namen“, der ambitionierten französischen Kurzserie, die Arte am Donnerstag und eine Woche später in zwei Dreier-Schichten zeigt, geht es um mehr als nur Karrierefragen. Es geht um die pure Existenz. Je höher die Position, desto sicherer.

Im Hinblick auf die Parameter, nach denen sich eine negative Utopie bemisst, geht „Stadt ohne Namen“ absolut in die Vollen: Sage und schreibe 80 Prozent der Bürger sind arbeitslos. Weil man mit so viel Unbeschäftigten buchstäblich keinen Staat machen kann, wurde vor 30 Jahren eine Mauer hochgezogen. Jenseits dieser Mauer leben die Deklassierten, die Ausgesperrten und Vertriebenen, in der „Zone“.

In der richtigen Gesellschaft, in der es Jobs gibt und Wohlstand, laufen die Menschen im Hamsterrad, sie tun es, um zu überleben – aber manchmal, siehe toter Chef, fällt einer hintenrunter. Schwund ist gar nicht selten, „drei Suizide, sieben Burn-outs“, resümiert einer der Lemminge in der Eisberg-Welt einmal emotionslos einen Monat „Aquaville“, so heißt der Wasseraufbereiter, in dessen Firmenräumen ein Großteil der Handlung spielt.

In der Zone haben sie nicht mal genug Wasser. Die Zone ist in diesem bewusst artifiziell gestalteten Setting ein graues, verschmiertes, eingefallenes Getto. Die Menschen trinken, nehmen Drogen, träumen von der Flucht in einen nicht näher beschriebenen Süden, eine Art freies Gebiet.

Es gibt Rebellen, die an dem Zustand etwas ändern wollen. Hier setzt die Thriller-Handlung ein: Mit der Entführung des Arbeitsministers (Grégoire Monsaingeon) gelingt es den Untergrundkämpfern, das Establishment in der Stadt unter Druck zu setzen. Die Regierung, die außerdem bei der Weltbank gut aussehen und ihr Image verbessern will, sieht sich gezwungen, eine gewisse Anzahl „solidarischer Stellen“ in der Welt der Arbeitenden einzurichten. Die Zonenbewohnerin Izia (Léonie Simaga) erhält eine Anstellung in der Familie von Ruben Garcia – und sieht sich plötzlich in Machenschaften verwickelt, die ins Herz des Konflikts zwischen den gesellschaftlichen Klassen führen.

Wie bei Dystopien üblich, erscheint die Wirklichkeit in „Stadt ohne Namen“ überzeichnet. In der Zuspitzung – so werden die Bewohner der Zone grundsätzlich als „Die Nutzlosen“ apostrophiert – offenbart sich der Gewaltakt, als welcher die Marktwirtschaft auftreten kann. Wer nicht funktioniert, wird aussortiert. Auf einer grell ausgeleuchteten Bühne setzt „Stadt ohne Namen“ nichts anderes in Szene als die permanente Abstiegsangst der Mittelschicht in Ländern wie Frankreich oder Deutschland.

Die Hauptfigur Ruben Garcia jedenfalls gilt in der durchtechnisierten, menschenfeindlichen Welt der Arbeitenden als weich, weil er seine stumme Tochter („Eine Degenerierte ohne Zukunft“) nicht einfach in die Zone abschiebt. Eine Stoppuhr misst die Arbeitszeit, jeder Beschäftigte ist panisch darauf bedacht, seine Nützlichkeit für das System mit allem, was er tut, unter Beweis zu stellen. Die Szenerie diesseits der Zone ist von beeindruckender Formstrenge, das futuristisches Design jedoch überhaupt nicht einladend; es sind psychisch deformierte Gestalten, die sich in den schauderhaften Kulissen der Effizienz bewegen.

Eine gelungene Serie, die das „Was wäre, wenn“-Gedankenspiel anspruchsvoller in Szene setzt als etwa die Amazon-Produktion „The Man in the High Castle“ und dabei nicht weniger Spannungsmomente aufweist. Und dass die Leistungsgesellschaft hier pervertiert wird, denunziert sie nicht per se – es kommt eben immer ganz auf die Dosierung an.

Stadt ohne Namen“ 11.2. und 18.2., jeweils 20.15 Uhr drei Folgen à 50 Minuten, Arte

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.