Fernsehen

ARD zeigt die ungleichen Görings in Dokumentarspiel

Hermann Göring (Francis Fulton-Smith, l.) und Albert Göring (Barnaby Metschurat)

Hermann Göring (Francis Fulton-Smith, l.) und Albert Göring (Barnaby Metschurat)

Foto: NDR/Vincent TV/Beate Wätzel

Regisseur Kai Christiansen überzeugt mit dem Dokumentarspiel über den guten Bruder des „Reichsmarschalls“ Hermann Göring.

Es ist so schade, dass die ARD für diesen Film keinen besseren Sendeplatz finden wollte. Nun wird er am Sonntagabend ausgestrahlt, nach einem wirklich unterdurchschnittlichen „Tatort“ vom Bodensee. Zu einer Zeit, wenn alle Welt schon an die kommende Woche denkt, vielleicht schon in Gedanken die Klamotten für den nächsten Tag sortiert und sich fragt, ob es nicht doch schon Zeit fürs Bett sein könnte. Jauch gibt es ja schließlich nicht mehr. Und das angelesene Buch auf dem Nachttisch, das wäre ja auch mal eine Idee.

Bedauerlich ist das aus zwei Gründen. Zum einen, weil „Der gute Göring“ um eine zu Unrecht vergessene Gestalt der Zeitgeschichte kreist. Um einen Mann, der einen historisch vergifteten Nachnamen trug, und wohl vor allem deshalb lieber vergessen als gewürdigt wurde. Und zum anderen, weil Regisseur Kai Christiansen hier ein Musterbeispiel dafür abliefert, wie überzeugend das oft verpönte Format des Dokumentarspiels sein kann, wenn man sich ihm mit Liebe und Neugierde widmet.

Aber der Reihe nach. Wenn man zum Beispiel die Länge der Einträge in der Online-Enzyklopädie Wikipedia zum Maßstab nimmt, dann kann Hermann Göring als gut etablierte Figur im historischen Gedächtnis gelten, während sein jüngerer Bruder Albert, geboren 1895 in Friedenau bei Berlin, eine blasse Randfigur bleibt. Hermann Göring, zwei Jahre älter: Man denkt an ihn als glühenden Antisemiten, als Inbegriff der lächerlich-pompösen Geltungssucht der Gefolgsleute, die Adolf Hitler um sich scharte. An die tätige Mithilfe am Massenmord an Europas Juden, an Kunstraub und das großkotzige Leben auf Carinhall, einem Anwesen in der Schorfheide unweit von Berlin, das er dem Vermögen seiner früh verstorbenen ersten Ehefrau verdankte. Man denkt an einen stark übergewichtigen Absolutisten, der sich mit dem „Blutorden“ der NSDAP schmückte und tatsächlich stolz auf absurde Titel wie „Reichsmarschall“ und „Reichsjägermeister“ war. Der sich am Ende auf den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen in endlosen Monologen rechtfertigte, danach zum Tode verurteilt wurde und in der Nacht davor mit Hilfe einer Zyankalikapsel aus dem Leben schied. Damit hat er sich ins Gedächtnis eingegraben, und unsere Faszination am Bösen hat ihn dort für immer konserviert.

Und Albert? Von ihm wissen wir viel zu wenig. Albert Göring war nicht nur Maschinenbauingenieur und Geschäftsmann, er war nicht nur ein notorisch untreuer Freund der Frauen. Er war vor allem ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Er half vielen, laut Film fast 1000 Verfolgten bei der Flucht vor dessen Repressionen, er konnte den Kult um Hitler nicht ertragen und litt an seinem Bruder, dessen Einfluss unter den Mächtigen er sich zugleich oft zunutze machte.

Diese beiden Brüder lässt „Der gute Göring“ nun aufeinander los – mit zwei gut ausgesuchten Schauspielern in den Hauptrollen. Francis-Fulton Smith spielt den zynischen Grobian Hermann, der seine Bediensteten gern mit einem Schnippen der Finger zum Handeln auffordert und ein Schnitzel essen kann, als wolle er es nochmals schlachten. Und Barnaby Metschurat sehen wir in der Rolle seines Bruders Albert, der für solches Gehabe eigentlich nur Spott übrig hat.

Das Dokumentarspiel gliedert sich in fünf Akte, in fünf Begegnungen der Brüder. Es beginnt mit einem Treffen der beiden bei der Beerdigung der Mutter, als Hermann die Abzeichen des Fliegerhelden aus dem Ersten Weltkrieg zur Schau trägt und den noch verheirateten Albert für seine neue Freundin nach Herzenslust demütigt. Es endet mit einer Begegnung beider vor Hermanns Verurteilung in Nürnberg. Dazwischen werden die Nuancen eines Geschwisterverhältnisses ausgelotet, das natürlich nie nur in Gut und Böse zerfiel, sondern auch Zwischentöne kannte – Momente der Eintracht, in denen man gemeinsam am Klavier saß und Gassenhauer sang, bevor man im eigenen Bruder doch wieder den ganz Fremden erkannte.

Schon ganz am Anfang sagt Albert zu Hermann: „Weißt du, Mutter hat immer gesagt, du machst entweder groß Karriere oder wirst kriminell. Könnte sein, dass dir mit diesem Hitler beides gelingt.“ Es ist nur einer von vielen gelungenen Dialogen in diesem Film, dem man viele Zuschauer wünscht – auch zu dieser unvorteilhaften Zeit auf dem ungünstigen Sendeplatz am Sonntagabend.

„Der gute Göring“ So, 21.45 Uhr, ARD

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