ARD-Film

Der Zeugenschutz ist kein Kindergeburtstag

Nina Kunzendorf (l.) glänzt in „Das Programm“ als Ermittlerin

Nina Kunzendorf (l.) glänzt in „Das Programm“ als Ermittlerin

Foto: ARD / ARD Degeto/Christiane Pausch

Der Thriller „Das Programm“ folgt einem guten Drehbuch. Der fast dreistündige Film war eigentlich für Sat.1 geschrieben worden.

Was soll man machen, wenn von einem Moment auf den anderen das gesamte Leben auf den Kopf gestellt wird? Keine schöne Vorstellung, aber eine gute Ausgangsbasis für einen Film. „Das Programm“ erzählt von so einer radikalen Volte. In diesem Krimi wird eine Familie ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen, weil der Vater in Lebensgefahr ist. Till Endemann hat den Thriller inszeniert, das Drehbuch stammt von Holger Karsten Schmidt. Er verrät im Gespräch mit dem Abendblatt einiges über das Entstehen des Films – etwa, dass er im Vorfeld die Gelegenheit hatte, mit dem Hamburger LKA zu sprechen, wo 1985 die erste deutsche Zeugendienstschutzstelle eingerichtet wurde. Die gute Vorbereitung merkt man dem Film an.

Die Auftaktszenen verdeutlichen gleich, warum dieses Schutzprogramm notwendig und dass es trotzdem gefährlich ist. Heiner Lauterbach spielt Victor Miro, einen Belastungszeugen, der gegen den Gangster Darankow (Wladimir Tarasjanz) aussagen soll. Und obwohl der Kriminelle in U-Haft sitzt, gelingt es ihm, den unter Personenschutz stehenden Miro in die Luft sprengen zu lassen. Ein schwerer Schlag für die Ermittlerin Ursula Thern (Nina Kunzendorf). Ihr Augenmerk fällt auf den Hamburger Banker Simon Dreher (Benjamin Sadler), der Geldgeschäfte mit Darankow abgewickelt hat. Aber Dreher schweigt – bis er angeschossen wird. Mitsamt seiner Familie begibt er sich danach in den Zeugenschutz, erhält eine neue Identität und soll in Südtirol neu anfangen. Das fällt nicht nur ihm schwer, sondern auch seiner Frau Rieke (Stephanie Japp) und Tochter Lona (Paula Kalenberg). Es knirscht im Gebälk der Familie, die ständig unter der Beobachtung von Nadja Lenz (Alwara Höfels) und Mario Kreutzer (Carlo Ljubeck) leben müssen. Als die Familie sich gerade eingelebt hat, steht plötzlich eine neue Gefahr ins Haus, die nur einen Rückschluss zulässt. Einer der Beschützer muss ein Maulwurf sein.

Die Entstehungsgeschichte des Krimis ist reich an Hindernissen

Der Film erzählt eine psychologisch vielschichtige Geschichte. Im Zentrum steht das Duell zwischen Kunzendorf und Sadler. 180 Minuten Spieldauer sind für diese Geschichte allerdings sehr viel Zeit. Die Geschichte der Entstehung des Films wiederum ist hindernisreich. Sie erzählt auch von der schwierigen Situation der Drehbuchautoren. Geschrieben hat Holger Karsten Schmidt den Stoff 2008 für Sat.1. Dort wollte man ihn nicht, weil man keinen Thriller, sondern ein Drama erwartet hatte. „Dann hat es eine Weile vor sich hin gedümpelt, bevor wir es beim ZDF versucht haben“, so Schmidt. „Dort sollten wir es mit einem Spitzencast umsetzen und gleichzeitig billiger machen, die Quadratur des Kreises also.“ 2014 konnte das Projekt dann bei der Degeto realisiert werden.

Schmidt, der in Hamburg geboren ist, ein „inniges Verhältnis“ zu seiner Heimatstadt pflegt, aber schon lange in Baden-Württemberg lebt, schreibt gern Bücher, die im Norden spielen. Besonders Krimis: „Weil ich immer nach Situationen suche, in denen ich einen Charakter so unter Druck setzen kann, dass er aufbricht und sein wahres Ich zeigt. Der Moment höchster Not ist Geburtsstunde für den Helden wie für den Feigling.“ Den Grimme-Preis bekam Schmidt für „Mörder auf Amrum“, einen Krimi, in dem das Zeugenschutzprogramm ebenfalls eine Rolle spielt.

Wie im Fernsehen ein Film aussieht, entscheiden Redakteure und Regisseure, nicht die Autoren. Schmidt bringt auf den Punkt, warum er das für keine gute Idee hält. „Jeder trägt eine kaputte Uhr zum Uhrmacher, weil man sich nicht traut, Hand an die kleinen Rädchen zu legen. Aber beim Drehbuch meint das jeder zu können. Das endet leider nicht immer gut.“

„Das Programm“ Mo, 20.15 Uhr, ARD