Mini-Serie

„Morgen hör ich auf“ – Bastian Pastewka auf Abwegen

Er spiele „am liebsten Durchschnitt“, sagt Bastian Pastewka. Das allerdings kann er (hier mit Film-Ehefrau Susanne Wolff) überdurchschnittlich gut

Er spiele „am liebsten Durchschnitt“, sagt Bastian Pastewka. Das allerdings kann er (hier mit Film-Ehefrau Susanne Wolff) überdurchschnittlich gut

Foto: Martin Valentin Menke / ZDF und Martin Valentin Menke

In der aufwendig produzierten ZDF-Mini-Serie „Morgen hör ich auf“ zeigt der Comedy-Star Pastewka erstmals auch dunkle Seiten.

Der Name Lehman – hinten mit einem „n“ – hat seit der internatio­nalen Finanzkrise im Jahr 2008 einen traurigen Ruf. Die Insolvenz der US-Investment-Bank Lehman Brothers schädigte auch zahlreiche deutsche Anleger. Und die einst weltweit fast 30.000 Angestellten der Bank mussten sehen, wo sie blieben. Dagegen ist Jochen Lehmann natürlich bloß ein kleiner mittelständischer Druckerei­besitzer im hessischen Bad Nauheim. Er beschäftigt nur noch einen Mitarbeiter, aber auch den schickt er heim: Der einzige Druckauftrag ist jener über 40 Geburtstagskarten – von einem Schüler. Vereinbart ist Ratenzahlung.

Lehmann, verheiratet, Vater von drei Kindern, hatte die Druckerei einst von seinem Schwiegervater übernommen, steckt damit aber nun tief in den roten Zahlen. Sowohl beruflich als auch privat läuft es für Jochen nicht rund. Die Banken wollen ihm partout keinen weiteren Kredit mehr gewähren, und seine Frau Julia betrügt ihn regelmäßig in der Mittagspause mit dem jüngeren Diner-Besitzer Rolf „The Wolf“.

So sieht sie aus, die Grundkonstellation für die neue, insbesondere für ZDF-Verhältnisse gewagte Mini-Serie „Morgen hör ich auf“, die vom 2. Januar an im Hauptabendprogramm an fünf Sonnabenden jeweils 60 Minuten die Zuschauer fesseln soll. Sie zeigt – im steten Wechsel – eine fürs deutsche Fernsehen ungewöhnliche Mischung aus Familien- und Krimidrama mit skurrilen Thriller- und Comedy-Einschlägen. Und sie zeigt mit Bastian Pastewka als Vater Lehmann einen Hauptdarsteller, der sich im Laufe der Folgen immer mehr von seinem Image als Comedy-Star entfernt.

Ein Abenteuer im doppelten Sinn.

Nicht nur weil Pastewka schlank wie nie auftritt, scheinen seine Sat.1-Erfolge mit der sketchhaltigen „Wochenshow“ und seiner Sitcom „Pastewka“ weiter zurückzuliegen als die Umstellung von D-Mark auf Euro. In Teilen nur ist „Morgen hör ich auf“ eine Anlehnung an die schwarze ZDF-Komödie „Mutter muss weg“, in der Pastewka an der Seite Judy Winters 2012 als Muttersöhnchen auf Abwegen überzeugt hatte.

Tennisunterricht zum Abspecken

Weil Jochen Lehmann laut Drehbuch ein sehr guter Tennisspieler ist, speckte Pastewka ab und nahm vor Beginn der viermonatigen Dreharbeiten ein halbes Jahr lang Tennisunterricht. „Ich bin noch immer nicht in der Lage, einen Spielverlauf entscheidend zu beeinflussen“, sagt der Schauspieler, der zuletzt 1985 auf einem Gartenfest in seiner Heimatstadt Bonn ein Racket in der Hand gehalten hatte. „Glücklicherweise kann man beim Fernsehen ja ein wenig tricksen – aber ich darf mit gewissem Stolz verkünden, dass ich nicht gedoubelt wurde. Übrigens auch nicht bei den Sexszenen.“ Und die seien komplizierter als die Tennissequenzen. Die Julia Lehmann spielt Susanne Wolff, in Hamburg noch bestens als Ensemblemitglied des Thalia Theaters (bis 2009) bekannt und 2013 mit dem Deutschen Fernsehpreis für ihre Rolle im Film­drama „Mobbing“ ausgezeichnet. Sie ist ein bewusster Gegenpart zum anfangs braven Ehemann.

Als Einzelkämpfer Jochen stemmt sich Pastewka gegen die private und finanzielle Krise. Seinem Jochen gibt er mehr und mehr Konturen: Besorgt, verzweifelt, ängstlich, auch mal brutal, erstaunlich vielschichtig spielt er diesen Lehmann zwischen Biedermann und Brandstifter.

Als Jochen am Abgrund steht, sich vor dem finanziellen und damit auch gesellschaftlichen Abstieg seiner Familie sieht, beginnt er eines Nachts, mit seinen Maschinen falsche Fünfziger zu drucken. Die Blüten lösen zwar die gröbsten monetären Sorgen, schaffen aber ihrerseits neue Probleme, weil in der Bankenmetropole Frankfurt die Unterwelt sein Wechselspiel mit den falschen Scheinen durchschaut. Wie sich der hartnäckige Kriminelle Damir (Georg Friedrich) im Haus der Lehmanns einnistet und Jochen erpresst, für seine mafiösen Hintermänner mal eben eine Million Euro zu drucken, ist geradezu grotesk und Lehmanns Bemerkung „Auf der Bank ist das Falschgeld völlig sicher“ ein Beispiel gelungenen Dialogwitzes.

Pastewka selbst hatte im Vorfeld Vergleiche zur US-TV-Serie „Breaking Bad“, die Bryan Lee Cranston in seiner Rolle als kriminellen Chemielehrer Walter White zu einem international bekannten Charakterdarsteller gemacht hatte, zurückgewiesen: „Wir machen nur eine kleine, skurrile Serie.“ Das aber ist untertrieben.

Bastian Pastewka ist in seiner neuen Rolle zumindest auf dem Weg, hierzulande ein Charakterschauspieler zu werden. Die Frage aber lautet: Sind die Zuschauer bereit, dem bisherigen Comedy-Star dabei zu folgen?

Ohne Pastewka wäre die Tür zum Hauptprogramm eher nie aufgegangen

Denn „Morgen hör ich auf“ ist eine völlig atypische ZDF-Serie. Immer wieder etwa erfolgt ein Zeitsprung in die Zukunft: Als Lehmann rennt Pastewka durch den Wald, auf der Flucht. Davor ein 50-Euro-Schein unter Wasser, dann eine Explosion, und zu sehen ist Lehmanns Frau mit vor Schreck geweiteten Augen.

Entwickelt hatten die Story die drei Drehbuchautoren Martin Eigler, der auch Regie führte, Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser einst unmittelbar nach der globalen Finanzkrise. Bis 2011 schrieben sie die Serie auf eigenes Risiko. Erst 2013 konnte sie die Produzentin Bettina Wente von der ZDF-Tochter Network Movie dafür gewinnen. Ohne Pastewka, der von sich selbst sagt: „Ich spiele am liebsten Durchschnitt“, wäre die Tür zum Hauptabendprogramm wohl nie aufgegangen.

Nur was die Charaktere betrifft, gibt sich die Serie typisch deutsch, zeigt sie doch eine Mittelstandsfamilie. Da ist die Anspielung auf den Namen Lehman der erste, auffälligste Teil einer gewissen inhaltlichen Überfrachtung.

„Morgen hör ich auf“ ab 2.1., Sa 21.45 Uhr, ZDF