Hamburg

Schweiger und Fischer: Der doppelte Ballermann

Nick Tschiller (Til Schweiger, Mitte) und Firat Astan (Erdal Yildiz, re.) im Visier der schönen Leyla

Nick Tschiller (Til Schweiger, Mitte) und Firat Astan (Erdal Yildiz, re.) im Visier der schönen Leyla

Foto: NDR/Gordon Timpen

Neujahr und am Sonntag sind Til Schweiger und Helene Fischer in einem Doppel-Tatort zu sehen. Nicht alle am Set kannten die Sängerin.

Hamburg. Helene Fischer hat „Ficken“ gesagt. Und dass sie „hart und grausam“ ist. Es war ganz deutlich zu hören, mit leicht slawischem Akzent auch noch, damit es zu ihrem Lebenslauf passt. Deutschlands allertollste Sängerin, als „Frischware“ für das horizontale Gewerbe in Hamburgs schmierlapppigen „All you can fuck“-Etablissements in diese ­Geschichte eingeführt, entpuppt sich in „NT III“, Episode III der Nick-Tschiller-Saga, allerdings schnell als Auftragskillerin der übelsten Sorte.

Erst abknallen, dann reden, aber nur das Allernötigste, so eine soll diese Leyla aus Odessa sein. Finsterer Landdisco-Pony statt sonnigblonde Schla­gerpop-Kaiserinnen-Mähne, in abgewetzte Lederklamotten aus dem Angela-Jolie-Actionkino-Fundus geschnürt. Das ist als Gesamt­anblick so erwartbar trashig niedlich, dass es fast schon wieder gut ist, weil man denkt: Gleich, ganz ­bestimmt, jetzt gleich reißt sie die Resterampen-Lederjacke auf, und darunter sind sieben Kilo windmaschinentaugliches Galakleid mit Pailletten- oder Elfenstaub-Glasur, und die Windmaschine geht an, und sie singt ihr „Atemlos“. Und alles andere war nur ein gemeiner Traum, weil die Traumfrau Helene ­Fischer doch niemals, niemals „Ficken“ sagen würde.

Nach Roland Kaiser als onkeliger Schlageronkel in einem Münster-„Tatort“ ist dieser Casting-Coup mit ­Fischer in „NT III“ zu Neujahr nur konsequent. Denn schließlich ist ihr Auftritt als Gast-Star neben Deutschlands allertollstem Schauspieler eine 1a-Einzahlung auf die Premium-Entertainment-Marke, die Til Schweiger als erbarmungsloser NDR-Ballermann verkörpert. Auf dem ZDF-„Traumschiff“ war die fromme Helene ja auch schon, als Reiseleiterin Franziska.

Ob Leyla Fischer für ihre verbale Ungeheuerlichkeit den Mund mit Kernseife gründlich ausgewaschen bekommt, soll unverraten bleiben. Das gängige Finaleverpetzen ist bei den drei frischen Schweiger-Stunden, mit denen die ARD zu Jahresbeginn den „Tatort“-Hype auf neue Quotenhöhen treiben will, ohnehin nicht drin: Die Vorab­besichtigung von „Fegefeuer“, der Fortsetzung von „Der große Schmerz“, wurde Journalisten konsequent vorenthalten – die schon von seinen Kino-Erfolgen bekannte Schweiger-Methode, allen möglichen Kritikern einen Nachbarn seines Zeigefingers zu zeigen. Dass der öffentlich-rechtliche NDR sich gehorsamst auf Schweigers Privatvergnügen einlässt, darf zumindest einen Moment lang verwundern. Offenbar hatte der Hauptdarsteller bei dem Sender, der „NT III“ und „NT IV“ wegen der Anschläge in Paris im November gegen Schweigers Willen aus dem Programmplan nahm, noch einen gut.

Andererseits: Es ist nun auch nicht der erste Schweiger-„Tatort“, und die bisherigen Erfolgs-Strickmuster – eine links reinhauen, eine rechts reinhauen und beim Durchladen tunlichst keine Miene verziehen – dürften sich in ­„Fegefeuer“ nicht komplett ändern. Und wer in einem Schweiger-„Tatort“ die intellektuelle Feinmaschigkeit eines Eric-Rohmer-Beziehungsdramas mit Pariser Bourgeoisie-Schnöseln vermisst, hat den sprichwörtlichen Schuss eh nicht gehört. Grandios versponnene Arthouse-Kunst gab es neulich, bei ­Ulrich Tukur im HR-„Tatort“, das muss jetzt erstmal reichen. Wo Nick Tschiller draufsteht, ist erneut viel Action rund um Hafen, Kiez und andere Brutstätten des Schlimmen drin. Die wurde so raffiniert inszeniert, dass man den Ehrgeiz der „NT“-Macher um den Regisseur Christian Alvart auf seine Weise beim besten Willen nicht als ­gescheitert bezeichnen kann. Auch wenn Til Schweiger verglichen mit den Muskelbergketten der Hollywood-Testosterongranate Vin Diesel nur ein hanseatisches Hühnerbrüstchen ist, das sofort losflennt, sobald es um die Familie geht. Das kennen Schweiger-Fans aus anderen Abteilungen seines Schaffens.

Auf der Liste der Hauptdarsteller hätte Hamburg einen vorderen Platz verdient. Die Bilder der Stadt, mit denen dieser Krimi aufwartet, heben sich angenehm vom Wohlfühl-Ambiente anderer Ortsbesichtigungen ab. Generell ist das Ganze fein gefilmt, sehr untatortig. Man meint in einer unsympathischen Metropole zu sein, dort, wo Recht und Gesetz und erst recht Moral relative Größen sind. Wie schon für Anton Corbijns Le-Carré-Verfilmung „A Most Wanted Man“ hat der Location-Scout Nic Diedrich schöne Schlagschattenseiten der Hansestadt entdeckt.

Den Rest erledigt das Drehbuch, das in etwa dort weitermacht, wo „NT II“ endete. Firat Astan, Tschillers schlimmster Feind, ist nach wie vor im Knast. Doch die Ruhe täuscht, klar tut sie das. Dafür sorgt neben Astans Plänen auch ein gar nicht koscherer ­Innensenator mit dem thomasmannigen Namen Constantin Nevenbrook, der offenbar seinen Bürgermeister entmachtet hat, weil er im Alleingang Teile des Hafens an ein dubioses russisches Unternehmen mit „-prom“ im Namen verkloppen kann. Für dieses Herzchen (Arnd Klawitter) haben sich die Drehbuchautoren optisch an Ex-Justizsenator Roger Kusch und bei der Wahl des Nasenpuders an Ex-Innensenator Ronald Schill erinnert, die tatsächlich mal viel im Rathaus zu sagen hatten.

Tschillers Ex-Gattin Isabella (Stefanie Stappenbeck) löst eine Kettenreaktion aus. Stappenbeck gab übrigens zu, in der Vorbereitung zum „Tatort“ erst einmal Schlagermusik aufgelegt zu haben. Grund ist: natürlich Kollegin Helene Fischer. „Ich kannte sie vorher gar nicht und habe mir ihre Musik extra zur Vorbereitung mal angehört“, sagte die 41-Jährige. Eigentlich habe sie Fischer erst am Set kennen gelernt - „als eine unglaublich entspannte und talentierte dunkelhaarige Kollegin“.

Tschillers Tochter Lenny wird erneut von Schweigers Tochter Luna verkörpert (gespielt, wie in richtigem Schauspielen, das wäre immer noch steil übertrieben). Sidekick der Herzen und für die cooleren Pointen zuständig ist und bleibt Fahri Yardim als Yalcin Gümer.

Die coolscharfe Staatsanwältin dagegen ist in „NT III“ nur Randbebauung des Plots, doch das kann ja noch kommen. Die Kinderstunden-Momente, damit das Tschiller-Festival familientauglich bleibt, liefern alle Szenen, in denen Gangster auftauchen, weil sie so panzerknackerkomisch besetzt sind. MC Ferris, im Hauptberuf Teil der Spaßcombo Deichkind, ist als Ledermantelrusse Aleksej Brotzki der lustigste. Obwohl er nicht „Ficken“ sagt.

„Der große Schmerz“, 1. Januar, 20.15, ARD. „Fegefeuer“, 3. Januar, 20.15, ARD. Am 4. Februar kommt „Tatort: Off Duty“ in die Kinos.