Literaturverfilmung

„Der verlorene Bruder“: Hitler ist nicht wirklich weg

| Lesedauer: 4 Minuten
Felix Müller
Max (Noah Kraus) ist für seine Eltern nicht mehr als ein schlechter Ersatz für ihren Erstgeborenen

Max (Noah Kraus) ist für seine Eltern nicht mehr als ein schlechter Ersatz für ihren Erstgeborenen

Foto: WDR/Martin Menke

Aufstieg und Verdrängung: Die Literaturverfilmung „Der verlorene Bruder“ spielt in der Zeit des Wirtschaftswunders.

Das Leben des 13-jährigen Max ist hart, da darf man sich nichts vormachen. Von den Jungs wird er regelmäßig verprügelt, die Mädchen nutzen ihn aus oder ignorieren ihn. Auch seine Eltern wollen kaum etwas von ihm wissen: Die wenigen Bilder, auf denen er im Familienalbum überhaupt zu sehen ist, zeigen ihn nur halb oder verdeckt. Max ist ein Unsichtbarer. Denn die Mutter denkt immer nur an ihren Erstgeborenen, an Arnold, den Verlorenen.

Matti Geschonnecks wunderbar leiser, vielschichtiger Film basiert auf einer Novelle von Hans-Ulrich Treichel, und man spürt die literarische Kraft der Vorlage in jedem Moment. Die Geschichte handelt von einer Kindheit im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit, aber im Kern geht es um Verlust, um das verpasste Leben. Es ist das Jahr 1960, wir befinden uns in der westfälischen Provinz. Die Eltern von Max, herausragend gespielt von Schauspielhaus-Ensemblemitglied Charly Hübner und Katharina Lorenz, sonst am Wiener Burgtheater, haben ihren Sohn Arnold auf der Flucht vor den Russen verloren. Sie sind darüber nie hinweggekommen, und sie übersehen hartnäckig ihren zweiten Sohn Max, dem sie von ihren Sorgen nichts erzählen. Stattdessen muss er Vaters Auto waschen und polieren und kriegt dafür nichts, nicht einmal Anerkennung.

Seine Sicht ist die Erzählperspektive des Films, und darin liegt der eigentliche Glücksgriff. Anders als die Eltern will er Arnold auf keinen Fall zurückhaben. Er glaubt, der ältere Bruder würde ihn, der schon ganz am Rand steht, noch weiter wegdrängen, und vermutlich hat er damit recht. Als in einem Heim ein Findelkind ungewisser Herkunft auftaucht, beginnt für seine Eltern ein bürokratischer Hindernislauf, den Max immer wieder zusätzlich zu durchkreuzen versucht. Weil es noch keine DNA-Tests gibt, wird die Verwandtschaft anhand von Ähnlichkeiten untersucht. Die Körper der Familie werden genauestens geprüft. Man nimmt ihre Fingerabdrücke, ihre Ohren und Füße werden zum Gegenstand wissenschaftlicher Expertise.

Der Körper als Schlachtfeld des Vermessungswahns: Subtil klingen hier die Methoden und Perversionen des Nationalsozialismus an. Alle wollen nach vorn schauen in dieser Geschichte, aber der Krieg ist 1945 nicht einfach zu Ende gegangen, und Hitler ist nicht wirklich weg. Er lebt fort in den Verwüstungen der Seele. Der Vater ist stolzer Inhaber einer Fleischerei und wird bald zum Großhändler aufsteigen, sein Auto ist ihm wichtig und sein Plattenspieler, aber er muss, wie die Mutter, von vielem schweigen, um nicht aus der Balance zu geraten. „Was haben die Russen mit dir gemacht?“, will Max in einer ergreifenden Szene von der Mutter wissen, und die Stille der Eltern nach dieser Frage erzählt viel vom Trauma einer ganzen Generation.

Aber der Film ist noch mehr, nämlich ein authentisch inszeniertes Stück Kulturgeschichte der frühen 60er-Jahre. Das Verhältnis der Geschlechter folgt noch jenem Muster, das die Mutter an den Herd kettete und dem Herrn die Rolle des Patriarchen gönnte. Charly Hübner als Ludwig Blaschke, unter dessen Pullundern und Hemden sich ein stattlicher Bauch wölbt, hat genau die passende Statur dafür – und mischt der Figur die richtige Dosis Härte bei. Auch die ländliche Religiosität, verkörpert in der immerfort Bibelverse rezitierenden Tante, gehört zum Aroma der damaligen Zeit.

Es war eine Zeit, die den neuen Wohlstand mit Wollust auskostete. Das spiegelt sich am deutlichsten in der Garnitur der Wurstsorten, die in der väterlichen Kühltheke ausliegen: Nicht nur einmal wird in diesem Film die eben verpackte Wurst gestreichelt wie ein innig geliebtes Wesen. In dieser erotischen Aufladung banaler Fleischwaren liegt eine gewisse Komik. Sie erreicht ihren Höhepunkt, als die Mutter sich dem Dorfpolizisten annähert und dieser sie zärtlich zwinkernd auf ein Streichwurstbrot einlädt.

„Der verlorene Bruder“ ist liebevoll ausgestattet, ohne überfrachtet zu sein, und nebenbei erzählt er auch noch vom Siegeszug des Rock ’n’ Roll und den kleinbürgerlichen Abwehrkämpfen gegen ihn. Treichels Geschichte hat in Ruth Thoma eine kluge Regisseurin gefunden, die auch den lustigen und absurden Momenten im Leben dieses Jungen ihren Raum gibt. Der übrigens in Noah Kraus einen überzeugenden Darsteller hat, den wir hier sicher nicht zum letzten Mal sehen.

„Der verlorene Bruder“, Mi 20.15 Uhr, ARD

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