Ohnsorg-Theater

Henry Vahl: Der Fernseh-Opa der Nation

Henry Vahl und
Heidi Kabel 1969 in dem
Ohnsorg­Stück „Der
Bürgermeisterstuhl“

Henry Vahl und Heidi Kabel 1969 in dem Ohnsorg­Stück „Der Bürgermeisterstuhl“

Foto: dpa Picture-Alliance / Röhnert / picture alliance / Keystone

Vor 50 Jahren machte eine ARD-Aufzeichnung aus dem Ohnsorg-Theater Volksschauspieler Henry Vahl über Nacht zum Star.

Die Begeisterung ist groß, der Beifall enorm, die Reaktion riesig: Nach der Sendung klingelt das Zuschauertelefon ohne Pause, und am nächsten Tag wird das Ohnsorg-Theater mit Glückwunschtelegrammen und Blumen geradezu überhäuft.

Doch der neue Star ist weder ein Held noch eine Schönheit: Die Sympathien gelten einem alten Suffkopp mit Altersbuckel, Knautschgesicht und Plappermaul. Die Erstausstrahlung des Lustspiels „Meister Anecker“ vor 50 Jahren in der ARD macht Henry Vahl über Nacht zum populärsten Opa der Republik: trink- und sangesfroh, tüdelig, doof und durchtrieben zugleich, würzt er als geschwätziger Altgeselle die Eifersuchtskomödie um einen Schuster und seine Frau mit Herz und Humor. „Ein bisschen twatsch“, sagt die Meisterin in dem Stück über ihn, „aber sonst eine gute Seele.“

Die Kombination aus Kalk und Schalk ist das Markenzeichen eines Volksschauspielers, der in Hamburg eine Institution wird und dem Millionenpublikum an den TV-Apparaten bis heute unvergessen bleibt. Der damals 68-Jährige profitiert dabei besonders von feuchtfröhlichen Pointen des plattdeutschen Komödiendichters August Lähn: „Was versoffen ist, ist versoffen!“ – Was ich trinke, das bringt keinen anderen um!“ – „Singe, wem Gesang gegeben, trinke, wem Getränke gegeben!“

Mit ein bisschen Mundart gehen die Sprüche dem Publikum noch besser runter: „Bei den lütten Gläsern bin ich immer bang, ich schluck sie mit runter!“ – „Saufen, das ist ein Geburtsfehler, aber Schludern, das ist ein Laster!“ Ebenso gut kommen solche Weisheiten als Sinn-Salat an: „Auch eine blinde Henne legt mal ein Ei.“

Weniger lustig läuft das wirkliche Leben des auf kauzige Typen geeichten Komödianten. Zwar passt er zu Hamburg wie kein anderer: Vater Steuermann, Jugendjahre als Liftboy im Kieler Hansa-Hotel, statt Kriegsdienst Arbeit auf der Howaldtswerft. Doch die Zeiten sind für den Schauspieler schwer, zuweilen auch noch etwas schwerer als für sein Publikum. Sein Vater zog 1906 von Stralsund nach Kiel, weil eine Sturmflut seinen Fischkutter zerstört hatte. Ehefrau Ger­maine Vahl, ebenfalls Schauspielerin, gilt den Nazis als „Halbjüdin“. Als die Rassengesetze ihr Leben bedrohen, taucht sie unter und versteckt sich jahrelang in einer Gartenlaube bei Ratzeburg.

Als sein Gedächtnis nachließ, ergötzten sich die Zuschauer an seinen „Hängern“

Henry Vahl kennt ihren Aufenthaltsort nicht, bleibt nur über ihre Mutter mit ihr in Verbindung. 1943 wird er eingezogen, erlebt als Truppenbetreuer die Schrecken der Ostfront. Nach dem Krieg geht er mit seiner Frau nach Berlin. 1950 kommt er nach Hamburg: Flora-Theater, Theater im Zimmer, Junges Theater (heute Ernst Deutsch Theater), Ohnsorg-Theater. Dort steht 1958 „Meister Anecker“ auf dem Spielplan, mit dem Hamburger Otto Lüthje als „Altgeselle Matten“. Als der Kollege krank wird, springt Henry Vahl ein – und spielt die Figur fast zwei Jahrzehnte lang immer wieder. Nach der konkurrenzlosen Heidi Kabel wird „Old Henry“ in mehr als 100 Rollen zum zweiten Gesicht des bekanntesten norddeutschen Volkstheaters an den Großen Bleichen: mal als geiziger „Schneider Nörig“ in steter Furcht vor Erbschleicherei, mal als gestresster Groß-„Vater Philipp“ mit verwitweter Schwiegertochter und drei überaus munteren Enkeln. Mal als leicht cholerischer Pensionär „Ewald Brummer“ in „Tratsch im Treppenhaus“. Dann wieder als schrulliger „Mandus Sötje“ in dem Klassiker „Mien Mann, der fohrt zur See“.

Immer sind es knurrige, kantige Typen mit Mutterwitz und Charakter. Das passt auch privat. Henry Vahl sitzt gern in fröhlicher Runde, ziert sich nicht vor seinen Fans, steht treu zu Frau und Freunden, feiert auch gern in der NDR-„Haifischbar“. Als sein Gedächtnis schwächer wird, ergötzt er die Zuschauer mit sagenhaften „Hängern“: Das ganze Parkett lacht, wenn Souf­fleure ihm aus der Kulisse Stichworte zuflüstern.

Die Theaterleitung setzt ihm einen drahtlosen Empfänger ins Ohr. Leider überschneidet sich die Ohnsorg-Frequenz mit dem Polizeifunk, und Henry Vahl hört auf der Bühne ständig Aufforderungen wie „Peter zehn, bitte kommen!“ Schließlich wird es ihm zu bunt, und er reagiert wie in seinen Rollen: „Peter, nun geh doch endlich mal ran, damit wir weitermachen können!“

1970 stirbt sein großer Förderer Hans Mahler. Nachfolger Günther Siegmund will das Ensemble verjüngen. Henry Vahl möchte sich in seiner Paraderolle als „Altgeselle Matten“ verabschieden, doch das bleibt ihm verwehrt. Tief getroffen wechselt er zur Konkurrenz. Im St. Pauli Theater ist Kurt Collien hoch erfreut und verpflichtet den Liebling der Hamburger Volkstheaterszene noch mal für 43 „Meister Anecker“-Aufführungen.

Mit dem Tod seiner Frau Germaine nahm er für immer Abschied von der Bühne

Danach schenkt das Künstlerschicksal dem Veteranen sogar noch eine zweite Leib-und-Magen-Rolle: Als Alt-Hamburger Original „Zitronenjette“, in einer Frauenrolle, die traditionell von Männern gespielt wird, liefert er das schauspielerische Gegenstück zum berühmten Wasserträger „Hummel Hummel“. 168-mal verkleidet sich Vahl für das Volksstück des Hamburgers Paul Möhring als zwergwüchsige Straßenhändlerin, die ihrer Kundschaft auf zweifache Weise Saures gibt.

Dann ist Schluss mit lustig, es wird ernst – todernst. Als Germaine Vahl nach 50 Ehejahren stirbt, nimmt der Witwer für immer Abschied von den Brettern, die ihm schon seit seinen ersten kleinen Kinderrollen in Stralsund die Welt bedeuteten. Nach einer Karriere, die ihn nach vielen Nebenrollen erst im reifen Alter, als eine Art „elder stageman“, zum Hauptdarsteller machte, dankt der König der Waterkant-Komik ab. Ohne Bühne und Beifall lebt auch er nicht mehr lange: Im Februar 1976 streckt ihn ein Schlaganfall nieder, von dem er sich nicht mehr erholt. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof findet er neben seiner Frau die letzte Ruhe.