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"Strunzblöd": Jörg Kachelmann zur ARD und Xavier Naidoo

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Schwulenfeindlich und rassistisch? der Sänger und Musikproduzent Xavier Naidoo

Schwulenfeindlich und rassistisch? der Sänger und Musikproduzent Xavier Naidoo

Foto: dpa Picture-Alliance / Uwe Anspach / picture alliance / dpa

Spott und Häme für die ARD bei Twitter. Der ESC-Streit um Xavier Naidoo ist mega-peinlich. Was denken Sie? Stimmen Sie ab!

Hamburg. Wer singt jetzt für Deutschland? Der Eklat um die ARD, den NDR und den ESC mit Xavier Naidoo ist mehr als ein Buchstabensalat. Das Erste hat den Eurovision Song Contest 2016 schon mehr als ein halbes Jahr vor seinem Stattfinden verbockt. Häme ist gewiss, egal ob aus der Netzgemeinde, den sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook oder den Künstlern, die sich für Naidoo aussprechen. Spott goss auch Ex-Wetterfrosch Jörg Kachelmann über seinen ehemaligen Arbeitgeber: "Strunzenblöd" sei das alles.

Auf Twitter wird heiß diskutiert, ob der Sänger und Produzent nicht doch zum Eurovision Song Contest fahren sollte. Auch Künstlerkollegen äußerten sich. „Xavier Naidoo ist ein sensationell guter Musiker und Freund. Er ist einer der besten Sänger und Songwriter den es in Deutschland gibt – ein großartiger Künstler“, postete Pur-Sänger Hartmut Engler auf Facebook. Einige Zitate Naidoos würden „einfach willkürlich aus verschiedenen Jahren und jeweils aus jeglichem Zusammenhang gerissen“, monierte Komiker Michael Mittermeier.

Es sei erschütternd, wie mit einem der größten deutschen Sänger, „der auch als Mensch einer der liebsten, lustigsten und gutmütigsten Menschen im Showbusiness ist“, umgegangen werde, schrieb Schauspieler Til Schweiger bei Facebook.

Auch der Konzertveranstalter Marek Lieberberg („Rock am Ring“) stellte sich mit deutlichen Worten hinter den Sänger: „Ich bin zutiefst erschüttert über die unglaubliche Hetze, die widerliche Heuchelei und den blinden Hass, für die es keinerlei Berechtigung gibt!“ Er habe in mehr als 20 Jahren nie das Gefühl gehabt, dass bei Naidoo „auch nur der Hauch eines antisemitischen, rassistischen, xenophobischen oder nationalistischen Sentiments existiert“.

Mehrere Politiker begrüßten den Rückzug der Nominierung. SPD-Parteivorstand Niels Annen (Hamburg) erklärte auf Twitter: „Richtige Entscheidung. Fehler passieren, gut wenn sie schnell korrigiert werden.“ Der Grüne Volker Beck schrieb: „Jetzt gilt: alles kann besser werden!“

Das Hin und Her um Xavier Naidoo und den Eurovision Song Contest (ESC) 2016 hat offenbar auch zu einem ARD-internen Streit geführt.

Der ARD-Programmdirektor Volker Herres hat dem NDR eine vorschnelle Nominierung Xavier Naidoos für den Eurovision Song Contest 2016 vorgeworfen. „Xavier Naidoo hat mehrfach Äußerungen getätigt, die man nicht gutheißen kann und missbilligen muss“, sagte Herres der „Welt am Sonntag“. „Ob ihn das als begnadeten Künstler, der er zweifelsohne auch ist, für eine Teilnahme am ESC disqualifiziert, ist eine Frage, die man kontrovers diskutieren kann und muss. Ich hätte es begrüßt, wenn diese Diskussion ARD-intern hätte geführt werden können, bevor mit der Nominierung Fakten geschaffen wurden“, kritisierte Herres. „So ist das alles sehr unglücklich gelaufen.“ Eine Reaktion von NDR-Intendant Lutz Marmor gibt es noch nicht.

Was Xavier Naidoo bei Facebook schrieb

Der NDR hatte am Donnerstag mitgeteilt, dass Naidoo für Deutschland singen soll, ohne dass er sich in einem Vorentscheid gegen andere Kandidaten durchsetzen müsste. Dagegen regte sich heftiger Widerstand. Am Sonnabend gab der Sender schließlich bekannt, dass der 44-Jährige nun doch nicht antreten wird. Man sei von der Wucht der Kritik an Naidoo überrascht worden.

War der Shitstorm Auslöser für die ESC-Entscheidung?

Dabei hätte man sich doch nur informieren müssen, wie sehr Naidoo polarisiert. Er soll schwulenfeindlich sein, wird ihm vorgeworfen. Dabei gibt es dafür keine handfesten Beweise. Hat allein die Welle in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter für die Umentscheidung gesorgt? Das würde kein gutes Licht auf die Standfestigkeit der öffentlich-rechtlichen Anstalten werfen.

„Die Nominierungs-Entscheidung liegt beim NDR, der den ESC allein verantwortet und in das ARD-Gemeinschaftsprogramm einbringt“, sagte Herres. „Dort wurde jetzt auch die Entscheidung getroffen, Naidoo als Vertreter Deutschlands beim kommenden Song Contest in Stockholm zurückzuziehen.“

Ist Xavier Naidoo rassistisch oder schwulenfeindlich?

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber hatte den Rückzieher damit begründet, dass die laufenden Diskussionen dem ESC ernsthaft schaden könnten. So schnell wie möglich solle nun entschieden werden, wie der deutsche Beitrag für den Wettbewerb in Stockholm gefunden wird. Schreiber betonte zugleich: „Xavier Naidoo ist ein herausragender Sänger, der nach meiner Überzeugung weder Rassist noch homophob ist.“

Naidoo hat in der Vergangenheit mehrfach für Diskussionen gesorgt. Am Tag der Deutschen Einheit 2014 sprach er vor rechtspopulistischen Reichsbürgern, die Deutschland nicht als souveränen Staat anerkennen. 2012 rief der Text des Liedes „Wo sind sie jetzt“ von Naidoo und Kool Savas Ärger hervor. Dort geht es in sehr vulgärer Sprache um Kindermorde. Passagen daraus wurden als schwulenfeindlich kritisiert, Homosexuelle würden mit Pädophilen gleichgesetzt.

ESC: Ärger vor fast jedem Wettbewerb

Der 44-Jährige gab sich nach der Absage kämpferisch. „Meine Leidenschaft für die Musik und mein Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander wird hierdurch nicht gebremst.“ Er machte gleichzeitig klar, dass der Entschluss, nicht für Deutschland beim Grand Prix zu singen, einseitig gefasst worden sei. „Wenn sich nun kurz nach unserer vertraglichen Einigung mit dem NDR und dem Abschluss aller Vorbereitungen die Planungen der ARD durch einseitige Entscheidung geändert haben, dann ist das OK für mich.“

In den vergangenen Jahren hatte es fast vor jedem ESC irgendeinen Ärger gegeben. Vor Wien 2015 sorgte der Sänger Andreas Kümmert im Vorentscheid für eine Überraschung. Aus der Wahl des deutschen Vertreters für den ESC in Österreich geht er zwar als Sieger hervor, im letzten Moment macht er aber einen Rückzieher. Letztlich tritt die zweitplatzierte Ann Sophie in Wien an. Sie landet dort auf dem letzten Platz.

Vor Malmö 2013 löste der Sieg von Cascada über die Bläsergruppe LaBrassBanda beim deutschen Vorentscheid eine erbitterte Diskussion aus. Vor allem das Urteil der Jury wird in Internet-Foren kritisiert. Die fünf Experten, darunter Sänger Tim Bendzko und Schlager-Ikone Mary Roos, hatten in der Live-Show LaBrassBanda nur einen Punkt gegeben, während die Ska-Bläser beim Publikum ganz oben rangierten: Radiohörer gaben ihnen einhellig die volle Punktzahl.