ZDF-Doku

Eine Wunde der polnischen Geschichte, die nicht verheilt

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Gretzschel
Noch tanzen sie übermütig durch die Straßen: Ala (Zofia Wichlacz) und Beksa (Antoni Królikowski)

Noch tanzen sie übermütig durch die Straßen: Ala (Zofia Wichlacz) und Beksa (Antoni Królikowski)

Foto: Ola Grochowska / ZDF/Ola Grochowska

Film aus Polen über den Warschauer Aufstand 1944 widmet sich einem großen Trauma in der Geschichte des Landes.

Mit dem polnischen Spielfilm „Warschau ’44“ und einer anschließenden Doku widmet sich das ZDF am Sonntag einem der schrecklichsten Ereignisse der deutsch-polnischen Geschichte, dem Warschauer Aufstand von 1944. Bis heute ist dieses historische Ereignis für unsere polnischen Nachbarn ein Trauma geblieben, auch weil Hoffnung und Verzweiflung hier so dicht beiein­ander lagen.

Denn die Zuversicht der Menschen in Warschau war groß in diesem Sommer 1944; endlich zeichnete sich die entscheidende Wende im Krieg ab. Die Wehrmacht war überall auf dem Rückzug, und die Rote Armee stand schon jenseits der Weichsel vor den Toren der Stadt. Jetzt schien sich die Chance zu eröffnen, die verhassten Deutschen aus dem seit Herbst 1939 besetzten Warschau zu werfen. Längst bereitete die im Untergrund agierende Armia Krajowa, die polnische Heimatarmee, einen bewaffneten Aufstand vor. Vor allem viele junge Leute waren bereit, sich am Kampf zu beteiligen. Da sich Nazi-Deutschland fast überall in der Defensive befand, rechneten Optimisten damit, dass der Aufstand innerhalb weniger Tage zum Sieg führen würde. Anders als beim verzweifelten Aufstand im Ghetto, den die deutschen Truppen noch im Jahr zuvor blutig und gnadenlos niedergeschlagen hatten, schien sich diesmal eine reale Chance zu eröffnen, die den Polen zugleich die Möglichkeit bieten würde, sich selbst von der Nazi-Herrschaft zu befreien.

Nachdem der Warschauer Aufstand am 1. August 1944 um 17 Uhr begonnen hatte, konnte die Heimat­armee schon bald Erfolge erringen. Sie besetzte einige strategisch wichtige Plätze, befreite KZ-Häftlinge und brachte ungefähr die Hälfte des links der Weichsel gelegenen Stadtgebiets unter ihre Kontrolle. Andererseits gelang es den Aufständischen aber nicht, die Weichselbrücken und die beiden Flughäfen zu erobern. Während die deutschen Truppen bald immer mehr in die Offensive gingen, kam von Seiten der Roten Armee keine Unterstützung. Stalins Truppen sahen einfach zu, wie die Deutschen mit den Polen gnadenlos abrechneten und sich die polnische Hauptstadt in eine einzige Trümmerwüste verwandelte. Als der Aufstand am 3. Oktober 1944 endgültig niedergeschlagen war, hatte er mehr als 200.000 Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert.

Während dieses dunkle Kapitel der Geschichte in Polen das Selbstverständnis und die Identität der Menschen bis heute prägt, sind die Fakten in Deutschland nur wenig bekannt. „Deshalb möchte das ZDF mit der Ausstrahlung des Spielfilms und der Doku auch ein Zeichen der Erinnerung und des gegenseitigen Verstehens setzen“, sagt Programmdirektor Norbert Himmler.

Wie bei dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, der 2013 von dem Warschauer Sender TVP1 ausgestrahlt wurde und in Polen eine heftige Kontroverse über die Darstellung der Kriegsereignisse nach sich zog, erzählt auch „Warschau ‘44“ das Kriegsgeschehen aus der Perspektive junger Menschen. Im Mittelpunkt der aufwendigen Kinoproduktion des 1981 geborenen Regisseurs Jan Komasa steht der Jugendliche Stefan (Józef Pawlowski), der den Sommer mit Freunden genießt und von den Pressionen der deutsche Besatzung zunächst nur wenig berührt wird. Als er und seine Freunde Kama (Anna Próchniak) und Ala (Zofia Wichlacz) sich dem ­Widerstand anschließen, erleben sie das anfangs als großes Abenteuer. Doch schon bald wird daraus blutiger Ernst, den der Film überaus drastisch umsetzt. So gibt es Slow-Motion-Szenen eines Gemetzels, die mit einem Hit der polnischen Pop-Ikone Czeslaw Niemen unterlegt werden. Es regnet Blut, Leichenteile fliegen durch die Luft, ein kleiner Junge, der als Beobachtungsposten auf einer Baum klettert, wird wie ein Vogel abgeschossen. Manche dieser Szenen sind kaum zu ertragen. Dabei kultiviert der Film keinen ­Heroismus, sondern zeigt allein die Grausamkeit des Geschehens.

Dass es in dieser Geschichte nicht allein um Deutsche und Polen, sondern auch um das bis heute gestörte Verhältnis zu Russland geht, wird ebenfalls deutlich. Zu Beginn des Aufstandes sagt ein Offizier der Heimatarmee über die Rote Armee: „Sie sind als Verbündete unserer Verbündeten mit gebotener Distanz zu behandeln.“ Später heißt es dann: „Die Russen haben ihren Angriff abgebrochen und warten, bis wir verreckt sind.“

Warschau ’44, So 22.00, Doku 23.55 Uhr, ZDF

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