Arte-Dokumentation

Kurz vor der Wahl: Wie ticken die Türken?

Cemil Tolga ist der letzte Meister in der Ägäis-Region, der noch handgefertigte Tire Pantoffeln für den Besuch im Hammam herstellt

Cemil Tolga ist der letzte Meister in der Ägäis-Region, der noch handgefertigte Tire Pantoffeln für den Besuch im Hammam herstellt

Foto: © Vincent TV/Bea Müller

Die fünfteilige Arte-Dokumentation „Abenteuer Türkei“ stellt ein Land vor, das am 7. Juni die Wahl hat, in welche Richtung es sich entwickeln will.

Hamburg.  Am 7. Juni wählt die Türkei ein neues Parlament, ein Datum, das auch in Deutschland mit großem Interesse wahrgenommen wird. Nicht nur, weil hier viele Türken leben, sondern weil sich entscheidet, ob Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seine Macht weiter ausbauen kann oder ob er für seine selbstherrliche Politik von den Wählern abgestraft wird. Das Land mit seinen 75 Millionen Einwohnern liegt zwischen Ost und West, es pendelt zwischen Aufbruch und Tradition. Eine fünfteilige Arte-Dokumentation wagt einen Blick in das Land, das für viele Deutsche ein beliebtes Reiseziel geworden ist, das aber auch fremd wirkt, je tiefer man ins Landesinnere und nach Osten kommt. Die Doku von Nadja Frenz, Sabine Howe und Claudia Wallbrecht fragt, wo die Menschen dort heute stehen, welche Hoffnungen und Ängste sie begleiten.

„Abenteuer Türkei“ ist ein fünfteiliger Reisebericht, der Istanbul beginnt und dort wieder endet. Er öffnet dem Zuschauer die Augen für die bedeutenden historischen Stätten, die es hier gibt und die vor Tausenden von Jahren zu den Mittelpunkten der Welt gehörten wie Ephesos, dessen Ruinen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt wurden. Es zeigt die abwechslungsreiche Natur zwischen blühenden Obstplantagen, endlosen Stränden an der Mittelmeerküste und kargen Steppen und schroffen Gebirgszügen in Anatolien. Mit dem Ballon schwebt die Kamera über dem Göreme-Nationalpark in Kappadokien. Hier gibt es noch viel unberührte Natur, seit den 80er-Jahren wurde die Region zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.

Erzähler der Dokumentation ist der Schauspieler Mehmet Kurtulus, der durch seine Zusammenarbeit mit dem Hamburger Filmregisseur Fatih Akin bekannt geworden ist und einige Folgen lang Undercover-Polizist im Hamburger „Tatort“ war. Kurtulus, als Zweijähriger aus der Türkei nach Deutschland gekommen, spricht die ausführlichen Texte und Beschreibungen mit angenehmer und warmer Stimme und ist eine ideale Wahl als Sprecher. Ihm allein könnte man stundenlang zuhören. Doch „Abenteuer Türkei“ besticht auch durch seine außergewöhnlichen Bilder und die vielen Menschen, die das Team vor die Kamera geholt hat und sie erzählen lässt.

Auch die Rosenernte wird gezeigt, ein Kilo des kostbaren Öls kostet 9500 Euro

Wie zum Beispiel die drei Schwestern Eroglu, die in einer Manufaktur die berühmten Iznik-Kacheln produzieren und mit Motiven des osmanischen Reiches bemalen. Oder Orhan Filiz, der Kamelringen veranstaltet. Bei dem unblutigen Volksspektakel kämpfen geschmückte Dromedare miteinander, indem sie versuchen sich abzudrängen oder niederzuringen. Bereitwillig erzählt auch Ülkü Eryigit von ihrer harten Arbeit. Sie lebt im Landesinneren in Isparta, wo es große Rosenfelder gibt. Im Morgennebel erntet sie die zarten Rosen, aus denen kostbares Öl gewonnen wird. Ein Kilogramm dieses Rosenöls kostet 9500 Euro.

Die dritte Folge der Reihe führt nach Ostanatolien, ins Gebiet der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, die sich seit Jahrzehnten erbitterte Kämpfe mit den Herrschern aus Ankara liefert. Ostanatolien grenzt an den Iran, an Syrien, den Irak und an den Teil von Syrien, wo die Terrororganisation IS die Region tyrannisiert. In der Stadt Mardin mischen sich verschiedene Kulturen und Religionen. Neben Türkisch wird hier auch Aramäisch und Arabisch gesprochen. 99 Prozent aller Türken gehören zum Islam, aber hier sind auch Christen zu Hause. Ein junger Mann namens Gabriel Üstüner erzählt, wie es sich als Christ in einem muslimischen Land lebt. Checkpoints und Wachposten finden sich in Kurdistan an vielen Straßen. Momentan herrscht Waffenstillstand zwischen der PKK und der türkischen Armee. „Unser Land gilt als rückständig“, sagt eine junge Frau. „Aber wenn wir Frieden hätten, würde das Land sich entwickeln und es gäbe keine Toten mehr auf beiden Seiten.“ Seit zehn Jahren schon hält der Waffenstillstand, aber er ist brüchig.

Über die Schwarzmeerküste im Norden der Türkei, das bergige Hinterland mit seinen Teeplantagen und die Region Trabzon geht es in der letzten Folge zum Ausgangspunkt zurück, in die mehr als 14 Millionen Einwohner zählende Metropole am Bosporus.

Mehr als zehn Millionen Touristen kommen jedes Jahr, um die 2500 Jahre alte Geschichte dieser Stadt einzuatmen. Istanbul gilt als eine der aufregendsten Städte der Gegenwart. Hier leben bärtige Hipster Tür an Tür mit Burka-tragenden Frauen, frisch gefangener Fisch wird auf dem Straßengrill genauso gebraten wie im Sterne-Restaurant mit Finesse zubereitet. Die Millionenmetropole hat eine Vielzahl an Attraktionen wie das Goldene Horn, die Hagia Sophia, die Blaue Moschee und den Topkapi-Palast, die engen Straßen sind voll, und es ist schwer, in Istanbul Orte der Ruhe zu finden. Auch hier hat das Autorenteam spannende Interviewpartnerinnen gefunden, die Mokka-Expertin Gülriz Egilmez beispielsweise, die alles über die 500 Jahre alte Tradition der Kaffeehäuser weiß und eine Einführung in das Kaffeesatzlesen gibt. Auch der schönste Gebetsraum für Frauen wurde von einer Frau gestaltet: Zeynep ­Fadillioglu gilt als eine der gefragtesten Innenarchitektinnen Istanbuls.

Die fast vierstündige Dokumentation zeigt das Land mit all seinen Facetten und Problemen. Sie macht neugierig auf eine Reise dorthin, fernab von den Billig-Hotels in Antalya. Die Autorinnen geben tiefe Einblicke, doch enthalten sich politischer Wertungen. Funktionäre und Politiker kommen nicht zu Wort. Die Interviews mit Türken unterschiedlicher Herkunft und Religion liefern dagegen ein aufschlussreiches Bild dieses Landes zwischen Tradition und Moderne.

„Abenteuer Türkei“ Montag bis Freitag, 5. Juni, jeweils 19.30 Uhr, Arte