WDR

„Überwachungsabend“ als multimediales Experiment

Die Moderatorin des TV-Teils des Abends, Bettina Böttinger (l.), und Theater-Regisseurin Angela Richter vor Requisiten aus „Supernerds“

Die Moderatorin des TV-Teils des Abends, Bettina Böttinger (l.), und Theater-Regisseurin Angela Richter vor Requisiten aus „Supernerds“

Foto: WDR / WDR/Herby Sachs

Der WDR vereint Theater, Fernsehen, Radio und Internet zu einem multimedialen Experiment. Das Thema: Überwachung.

Bei der Wahl des Titels für ihren über alle nur denkbaren medialen Kanäle verteilten Themenabend hätte der WDR vielleicht ein bisschen weniger abschreckend daherkommen können: „Supernerds“. Das klingt nach staubtrockenen, weltfremden Programmierer-Zombies, die im stillen Kämmerlein unverständliches Zeugs in Computer hacken. Und nicht nach einem künstlerisch, logistisch und thematisch Aufsehen erregenden Projekt.

Dabei ist es genau das: Die größte der zehn ARD-Anstalten versucht sich am Donnerstagabend an der Verknüpfung von Radio, Fernsehen, Theater und dem Internet zu einem „Überwachungsabend“. Den Termin dafür hätte man kaum besser wählen können. Gerade gestern hat das Bundeskabinett die Novelle der umstrittenen Vorratsdatenspeicherung beschlossen, die Affären um NSA, BND und andere Geheimdienste kennen kein Ende, und die großen Internetkonzerne versuchen mit immer neuen Angeboten möglichst viel über ihre Kunden zu erfahren. Es soll um Überwachung gehen und um die immer weiter zunehmende Vernetzung und die Auswirkungen für uns alle, die wir tagtäglich mit Laptop, Smartphone und Tablet im Internet unterwegs sind.

Während die Theaterzuschauer im Schauspiel Köln angehalten sind, ihr Handy nicht nur eingeschaltet zu lassen, sondern auch laut zu stellen – ein vermutlich einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bühnenkunst – diskutieren in einem Nebensaal unter Moderation von Bettina Böttinger unter anderem Wolfgang Kaleck, der deutsche Anwalt von Edward Snowden, und Angela Richter, die Regisseurin des Theaterstücks. Um es noch ein wenig verzahnter zu machen, wird es immer wieder Querbezüge zwischen dem Geschehen auf der Bühne, das Richter anhand ihrer Interviews mit Whistleblowern wie Julian Assange entwickelt hat, und der Gesprächsrunde geben.

Das Theaterpublikum wird über seine Handys immer wieder in das Geschehen eingebunden werden, es sogar beeinflussen können. Die Fernsehzuschauer wiederum haben die Möglichkeit, Bühne und Zuschauerraum parallel zur Diskussion über ihr Smartphone zu verfolgen. Und um das Ganze rund zu machen, kann, wer möchte, auch noch im Radio einen Live-Kommentar verfolgen oder am Computer mitwirkend ins Geschehen eingreifen.

Klingt so ambitioniert wie kompliziert und was genau passieren wird, ist auch den Köpfen hinter dem wahrhaft multimedialen Abend noch nicht ganz klar. Aber der rote Faden, der ist ganz eindeutig: „Wir wollten etwas machen, an dem die Leute partizipieren können und bei dem sie in ihrer ,Was geht mich das an‘-Haltung erschüttert werden“, erklärt WDR-Kulturchef Matthias Kremin, „denn jeder weiß zwar, dass Geheimdienste und Google, Amazon und Co. uns permanent ausspähen und überwachen, aber die meisten verschließen die Augen davor, was das tatsächlich bedeutet“.

Wer sich von den vielfältigen Möglichkeiten der Mitwirkung und Einflussnahme eingeschüchtert fühlt, dem sei die im Anschluss an das Experiment laufende konventionellere Dokumentation „Digitale Dissidenten“ anempfohlen: In ihr werden Hacker und Whistleblower vorgestellt, die aus ganz unterschiedlichen Gründen und auf ebenso unterschiedlichen Wegen Geheimnisse mit der Öffentlichkeit geteilt haben. Ohne Heldenverehrung, dafür mit anderen Stimmen, die die Vorratsdatenspeicherung oder die Datensammelwut der Konzerne verteidigen.

„Supernerds – Ein Überwachungsabend“,
Do 20.15 Uhr, WDR
„Digitale Dissidenten“, Do 22.00 Uhr, WDR