König von Deutschland

Olli Dittrich brilliert als Vorstadtneurotiker

Stefan Schmidt (Wanja Mues, r.) wird schnell zu Thomas Müllers (Olli Dittrich) ständigem Begleiter

Stefan Schmidt (Wanja Mues, r.) wird schnell zu Thomas Müllers (Olli Dittrich) ständigem Begleiter

Foto: Frisbeefilms

In der Gesellschaftssatire „König von Deutschland“ ist der „Dittsche“-Darsteller der langweilige Thomas Müller. TV-Premiere am Freitag auf Arte.

Thomas Müller ist so durchschnittlich, wie man nur sein kann: Der Angestellte einer Firma, die Navigationsgeräte herstellt, ist stets überkorrekt gekleidet (Gürtel und Hosenträger, sicher ist sicher), trinkt gern Bier, isst am liebsten Schnitzel mit Kartoffelsalat, hat eine Frau und einen Sohn und fährt – wie könnte es auch anders sein – einen silberfarbenen VW Golf mit dem Kennzeichen NO-RM 0815. Außerdem ist er gerade auf dem besten Weg, ein Haus zu bauen, in einer Neubausiedlung voller anderer Häuser, die natürlich alle exakt gleich aussehen.

Langweiliger als Olli Dittrichs Rolle im Film „König von Deutschland“ kann man tatsächlich kaum sein. Wenn da nicht diese merkwürdige E-Mail wäre, die dazu führt, dass er seinen Job verliert. Und von der Thomas völlig sicher ist, sie nicht geschrieben zu haben. Auf einmal steht er vor dem Nichts. Und kurz danach am Geländer einer Talsperre. Zum Glück kommt Stefan Schmidt (Wanja Mues) vorbei und verhindert, dass David Dietls Film schon nach wenigen Minuten zu Ende ist.

Was schade wäre, denn trotz einiger Schwächen ist das Regiedebüt des Sohns von Helmut Dietl von 2013 sehenswert: Schon die Idee, die Frau des langweiligsten, durchschnittlichsten, deutschesten aller Deutschen mit Veronica Ferres zu besetzen, ist eine der wunderbar hintergründigsten Pointen des Films. Ob man Frau Ferres die Rolle allerdings genau so verkauft hat, darf wohl bezweifelt werden.

Die gut 90 Minuten lange Satire auf PR-Arbeit und Umfragen, auf Spießbürgertum und Wahlkampf erinnert beizeiten an Filme wie „The Game“ und „Die Truman-Show“. Auch in „König von Deutschland“ ist der Protagonist ein Spielball der anderen, ein hilflos Reagierender, dem nicht so ganz bewusst ist, was eigentlich mit ihm passiert. Nein, Thomas Müller freut sich vielmehr darüber, dass sein Lebensretter ihm auch gleich noch einen neuen Job anbietet als „Industriedienstleister“. Seine Aufgaben: einkaufen gehen und sich mit Stefan darüber unterhalten, was er so von der Gesellschaft hält, von der Politik und ihren Projekten, von schlicht allem, zu dem der von Dittrich wunderbar unbedarft gegebene Thomas eine Meinung hat. Dass echte Arbeit Mangelware ist, die Büros seltsam provisorisch wirken und Stefan ihm kaum noch von der Seite weicht, nimmt Thomas in blauäugiger Gutgläubigkeit hin.

Er schöpft auch keinen Verdacht, als plötzlich und unerwartet erst das von ihm sehnlichst herbeigewünschte Bier mit Schraubverschluss und dann der Schnaps mit eingebauter Kopfschmerztablette auf den Markt kommen, als ein Politiker in einem Wahlwerbespot genau die Forderungen zu Kernpunkten seines Programms erhebt, die ihm aus der Seele sprechen. Und selbst als er Stefan anvertraut, dass ihm das alles schon etwas merkwürdig vorkomme, lässt er sich von dessen konfusen Erklärungen über Modallogik einlullen und zum „opinion leader“ erklären.

Als nicht so leichtgläubig erweist sich Sohnemann Alexander (Jonas Nay) – natürlich trägt der Sohn des Durchschnittsdeutschen einen der seit Jahren beliebtesten Vornamen hierzulande –, er beginnt, sich auf die Suche nach Informationen über die mysteriöse Firma zu machen, für die sein Vater „arbeitet“. Und auch die ehemalige Kollegin Ute (Katrin Bauerfeind) hält vom allzu schönen Schein nur wenig

„König von Deutschland“ wird getragen von seinem Protagonisten: Olli Dittrich brilliert als Bürger ohne Eigenschaften, als gutgläubiger Ehemann, für den „Des deutschen Spießers Wunderhorn“ die Erfüllung (fast) all seiner Träume bedeutet. Seine Entwicklung – und damit die des gesamten Films – ist aber unterm Strich zu zahm, zu gefällig. Zwar gerät die Welt des Vorstadtneurotikers zusehends aus den Fugen, doch in echte Abgründe schaut der Film nicht – obwohl das von Dietl verfasste Skript die Chancen dazu bieten würde. „König von Deutschland“ hätte eine bitterböse, tiefschwarze Komödie werden können. Sie ist stattdessen eine relativ zahme Satire geblieben, in der das Grauen der Angepasstheit letztlich ziemlich hellgrau erscheint.

„König von Deutschland“