Dokudrama

Bismarck, der manchmal gar nicht so Eiserne Kanzler

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Volker Behrens

Foto: DM Film/Ralf Gemmecke/ZDF

Im Dokudrama „Bismarck – Härte und Empfindsamkeit“, das Arte am Wochenende zeigt, spielt Peter Striebeck den preußischen Staatsmann.

Man schreibt das Jahr 1890. In Friedrichsruh sitzt ein alter Mann und hat eine Stinkwut im Bauch. Es ist Fürst Otto von Bismarck (Peter Striebeck). Kaiser Wilhelm II. hat ihn gerade entlassen. Ihn, der 30 Jahre lang die Politik in Preußen und dem Deutschen Reich bestimmt hat. „Fortgejagt wie einen alten Hund“, heißt es im Dokudrama „Bismarck – Härte und Empfindsamkeit“, das Arte an diesem Sonnabend zeigt. Vor 200 Jahren wurde der Staatsmann geboren.

Bismarck wird seinen Zorn nicht für sich behalten. Zusammen mit seinem Sekretär Lothar Bucher (Steffen Schünemann) macht er sich an das Verfassen seiner Memoiren, mit denen er sein Bild in der Öffentlichkeit zurechtrücken und dem Kaiser eins auswischen will. Die Kamera begleitet den damals 75 Jahre alten Politiker bei seinen Spaziergängen und seinen Gesprächen mit Bucher. In der Bewertung politischer Situationen sind sie oft unterschiedlicher Meinung.

„Bismarck war zutiefst enttäuscht und verletzt“, sagt der US-Historiker Jonathan Steinberg, Verfasser einer Biografie über den „Eisernen Kanzler“. Er ist einer der Experten, die Regisseur Wilfried Hauke zu Wort kommen lässt. Aber auch Ulrich Lappenküper, Leiter der Bismarck-Stiftung, und Maria von Bismarck kommen zu Wort. Die Urgroßnichte des Politikers berichtet von seinen zahlreichen Erkrankungen und dass er in den letzten 15 Jahren seines Lebens ohne Morphium nicht mehr schlafen konnte.

Bismarck litt unter seiner Mutter

Ausgehend von dem Streit mit dem Kaiser, der auch ein Generationenkonflikt war – Wilhelm war 29, Bismarck 75 Jahre alt – schildert der Film schlaglichtartig die Lebensgeschichte des Machtpolitikers, der Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich führte, die Sozialgesetze auf den Weg brachte und dafür sorgte, dass sich ein Deutsches Reich bilden konnte.

In seiner Kindheit litt er unter seiner Mutter, die ihm hart und kalt vorkam. Otto hing mehr an seinem liebevollen, aber antriebsarmen Vater. Als Politiker entwickelte sich der Staatsmann zu einem Hardliner und Machiavellisten. Berüchtigt wurde seine Rede aus dem Jahr 1862, in der er forderte: „Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.“ Gegen Ende seiner Laufbahn billigte er dann der Diplomatie eine größere Bedeutung zu. Aber auch sein Privatleben kommt im Film nicht zu kurz. Mit seiner Frau Johanna, mit der er drei Kinder hatte, schrieb er sich mehr als 1000 Briefe. Seine Großnichte glaubt, Johanna sei auch seine Therapeutin gewesen.

Das Dokudrama erzählt auch eine Episode, in der der alte Bismarck Besuch von einem Mitarbeiter (Stephan Schad) von Thomas Alva Edison bekommt. Er führt ihm den Phonografen vor und bringt den alten Mann dazu, einige Worte für die Nachwelt aufzunehmen. Die Wachswalze, auf der die Worte gespeichert sind, wurde erst vor drei Jahren entdeckt.

„Bismarck war ein gewaltiger und starker Mann“

„Das war eine sehr schöne Zeit“, erinnert sich Peter Striebeck an die Dreharbeiten auf Gut Wittmoldt bei Plön. Das Team war in Ferienwohnungen auf dem Gut untergebracht. „Ich habe mich ziemlich lange auf die Rolle vorbereitet, weil ich die Verantwortung gespürt habe.“ Striebeck gibt den Bismarck als knarzigen, manchmal aufbrausenden, vom Leben gezeichneten Mann mit mächtigem Schnäuzer. Voller Widersprüche und Faszination sei ihm das Leben des Politikers vorgekommen. „Wilfried Hauke hat mir viel Freiraum gelassen, und ich habe versucht, diesen Bismarck in mir selbst zu finden.“ Der erfahrene Striebeck spielt in diesem Film schon seinen dritten Kanzler. Vorher hat er bereits Willy Brandt im Politdrama „Demokratie“ verkörpert und war im TV-Film „Helmut Schmidt – Lebensfragen“ in der Hauptrolle zu sehen. „Bismarck war ein gewaltiger und starker Mann, hatte aber auch ganz andere Seiten. Die haben mich natürlich besonders interessiert“, sagt Striebeck. So las der unter Schlaflosigkeit leidende Politiker deutsche Lyrik, um zur Ruhe zu kommen.

Bismarcks Memoiren wurden übrigens ein großer Erfolg. Nach seinem Tod im Jahr 1898 brach in Deutschland ein regelrechter Bismarck-Kult aus. Farben, Schiffsklassen, Heringsrezepte wurden nach ihm benannt. Viele Städte errichteten ihm Denkmäler. Das größte von ihnen steht seit 1906 in Hamburg am Hafen.

„Bismarck – Härte und Empfindsamkeit“, Sa, 20.15 Uhr, Arte