Interview

Götz George will nicht mehr: „Ich hab genug gestrampelt“

Nach 65 Jahren vor der Kamera erwägt Götz George den Abschied von der Schauspielerei und den Rückzug ins Privatleben. Mit „Besondere Schwere der Schuld“ nimmt George vorerst Abschied vom Bildschirm.

Berlin Götz George hat fürs Erste genug vom Schauspielern. Der 76-Jährige spielt in Kaspar Heidelbachs „Besondere Schwere der Schuld“ (ARD, 1.11.2014, 20.15 Uhr) einen Ex-Knacki namens Komalschek. Mit diesem Drama nimmt George vorerst Abschied vom Bildschirm. 65 Jahre lang steht er schon vor der Kamera: blutjung neben Romy Schneider, in den Winnetou-Adaptionen, ab 1981 als ruppiger Duisburger „Tatort“-Kommissar Schimanski. Anfang der 90er-Jahre folgt ein Leinwand-Comeback mit „Schtonk“ und „Der Totmacher“. Vor einem Jahr spielte George dann seinen eigenen Vater. Zweimal wird Götz George mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Hamburger Abendblatt: Sie haben mehrmals Mörder gespielt. Was reizte Sie an diesem Part?

Götz George: Mich interessiert in erster Linie die Geschichte. Dann erst kommt die Figur, die ich mit Leben füllen soll. Komalschek ist ein Mensch, der 30 Jahre weggesperrt war und seine Seele verloren hat. Also muss er versuchen, sie wiederzufinden. Er hat noch eine Aufgabe zu Ende zu bringen. Das hält einen Menschen am Leben, so glaube ich es wenigstens. Ich hätte nicht die Kraft, diese Zeit im Dunkeln verstreichen zu lassen.

Wie sieht es in Ihrem Privatleben aus?

George: Meine Frau und ich haben endlich nach 17 Jahren geheiratet. Und wir möchten die gemeinsame Zeit andersartig bestreiten. Mit dem Alter relativiert sich so einiges. Ich bin auf der Ziellinie des Lebens und nach 65 Jahren Anspannung muss man loslassen können. Man hat es ja hauptsächlich in diesem Beruf mit „bürokratischen Suppenkaspern“ zu tun – wie mein Vater zu sagen pflegte. Das Fernsehen ist verflacht, das Geschäft ist gnadenlos und egoistisch geworden. Das Wasser muss in meinem Fall flacher werden. Ich hab genug gestrampelt.

War die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vor wenigen Tagen ein Abschied aus der Öffentlichkeit?

George: Den Zeitpunkt der Verleihung konnte ich nicht beeinflussen. Aber wenn Menschen entscheiden, dass ich in einem so illustren Kreis von verdienten Persönlichkeiten aufgenommen werde, ist das schon eine große Freude und Ehre. Die um mich Versammelten haben diesen Preis so wertig gemacht.

Sie wurden für Ihre schauspielerische Leistung und Ihr vielfältiges soziales Engagement für den Weißen Ring, die Krebshilfe und Projekte in Duisburg geehrt, was in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist.

George: Man muss sein Engagement nicht immer an die große Glocke hängen. Diese ausgestellte Art der Eigenwerbung habe ich immer für ungut empfunden. Man soll geben ohne Gegenleistung. Duisburg ist eine zu einzigartige „Metropole“ für mich geworden mit fabelhaften Menschen. Da versteht sich Hilfestellung von selbst. Alle guten Taten wurden vom Gremium gewertet und ich hatte keine Ahnung, woher sie ihr Wissen hatten. Was lehrt uns das? Alles wird wahrgenommen, das Gute wie das Schlechte.

Wird der Duisburger Schimanski eine Ihrer wichtigsten Rollen bleiben?

George: Es wird immer wieder Menschen geben, die glauben, Schimanski sei George. Aber George hat in einer langen Zeit unendlich viel mehr Figuren gespielt und sie zum Leben erweckt. Ich habe die so reizvolle Serienfigur 30 Mal unendlich gerne gespielt. Jeder neue Schimanski musste wieder erfunden und ausgelotet werden. Das machte die Figur spannend. Vor allem in der Kulisse einer gebrochenen Stadt mit ganz besonderem Flair: kraftvoll und zerbrechlich.

Welche Filme machen Sie besonders stolz?

George: Am zufriedensten machten mich die Arbeiten, wenn ich abends nach Hause kam, meistens in ein Hotel, und ich spürte: Ich bin glücklich. Weil wir etwas Besonderes erarbeitet haben. Ohne Wenn und Aber.

Haben Ihre Operationen nach dem Unfall beim Schnorcheln 1996 und am Herzen im Jahr 2007 zu Ihrem Entschluss beigetragen, Abschied zu nehmen?

George: Nach solch riesigen Operationen bist du ein anderer Mensch. Die eigene Verwundbarkeit wird dir bewusst, aus der entwickelt sich eine andere Herangehensweise an das Leben. Mir wurde klar, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Es war vor allem jedes Mal ein mühseliger, langer Weg zurück in die Normalität. Ich wollte weiter machen, als wäre nichts gewesen. Da bin ich sehr preußisch. Der Weg zurück macht dich nicht gelassener, aber genau die brauchst du, um gesund zu werden. Es wäre nur furchtbar, wenn diese Gelassenheit auf den Beruf abfärbt. Vor der Kamera musst du Nervosität, Sensibilität und Spannkraft hervorzaubern. Das fällt schwerer, wenn man vom Schicksal so eingestampft wurde.

Haben Sie daraufhin das Schnorcheln aufgegeben?

George: Das Tauchen nach antiken Gegenständen ist vorbei, weil es keine mehr gibt in meinem Revier und weil die Kraft besser eingeteilt werden muss. Schwimmen ist auch ein großes Vergnügen.

Und die Anonymität und Einsamkeit auf Sardinien?

George: War immer der Inbegriff für mein Leben. Ruhe zu schöpfen und nachdenken machen diesen Beruf erst möglich.

Ihr Haus in Ihrer Heimatstadt Berlin haben Sie trotzdem nie aufgegeben?

George: Ich bin dieser Stadt immer treu geblieben, obwohl sie mir kaum Aufgaben geboten hat. Die Miete musste ich immer auswärts verdienen. Und das in einer Zeit, wo mich die Volkspolizei bei jeder Ein- und Ausreise auf die Seite gewinkt hat, ein fürchterlicher Zustand.

Sie haben 1990 Abschied von der Bühne genommen. Haben Sie diesen Schritt je bereut?

George: Alles in meinem Leben wird irgendwann einmal abgehakt. Man muss es nur genossen haben und man muss in der Zeit glücklich gewesen sein, ob es nun ein großer oder kleiner Erfolg war.

Kann Sie nichts umstimmen, endgültig Adieu zu sagen?

George: Unsere Zeit wird eingeteilt. Wir müssen nur so sensibel sein, die Zeichen zu verstehen. Ich habe eine kluge und schöne Frau, und sie hilft mir dabei, den vor uns liegenden Weg richtig und gehaltvoll zu beschreiten.

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