Fernsehserie

„Rauchende Colts“: Und am Ende war immer alles gut

TV-Helden meiner Kindheit: In 20 Staffeln mit insgesamt 635 Episoden verkörperte James Arness den Marshal Matt Dillon, der in Dodge City dafür sorgte, dass die bösen Buben vor der Saloon-Tür blieben.

Hamburg. Als Kind ist man ja auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass die eigenen Eltern Geschmack beim TV-Konsum beweisen. In meiner Kindheit war das noch etwas einfacher. Das Privatfernsehen war mit seinen Tutti-Frutti-Formaten noch in weiter Ferne. Drei Programme garantierten Stabilität und Überschaubarkeit, wenig Wahlmöglichkeiten, aber auch wenig Werbeunterbrechungen und einige noch halbwegs kinderfreundliche Vorabendserien.

Ich bin kein Westernfan im Speziellen. Ich mag eigentlich Shakespeare-Dramen, lasse mich aber aber auch gerne von einer guten Kriminalstory verführen. Aber die Wildnis, der Staub, die klare Gliederung in Gut und Böse, die Raufereien im Sand, die Ritte durch die Wüste, dem Sonnenaufgang entgegen, das Pferd der einzige treue Freund, das fesselte mich schon damals. Manch gut gemachter Neo-Western erreicht mich auch heute. Mein Vater liebte das Genre schon immer und ist ihm immer treu geblieben. Damals, Ende der 1970er-Jahre, versammelten meine Zwillingsschwester und ich uns erwartungsvoll mit ihm vor dem im Schrank verborgenen TV-Gerät, um mit der täglichen neuen Folge von „Rauchende Colts“ den Feierabend einzuläuten.

James Arness wurde nie so berühmt wie John Wayne mit seinem Einheitsgesicht. Doch genau der Superstar des Wilden Westens vermittelte dem damals 32-jährigen Arness, der zu jener Zeit immerhin auch schon 20 Hollywood-Filme auf der Uhr hatte, die Rolle des Marshal Matt Dillon, der in dem kleinen Ort Dodge City in Kansas die bösen Buben vor der Saloon-Tür hielt.

Zwischen 1955 und 1975 verkörperte der mit zwei Metern hoch aufgeschossene Mime mit dem kantigen Gesicht den Ordnungshüter in „Rauchende Colts“ (im Original „Gunsmoke“). Dabei hatte er zunächst Angst, für den Rest seiner Karriere auf eine Rolle festgelegt zu sein. John Wayne hatte ihm überzeugend eingeredet, dass er für Hollywood-Filme zu groß sei. Es war die richtige Entscheidung. Die Serie gilt als einer der Longseller in der FernsehGeschichte überhaupt. Arness schoss sich durch 635 Episoden in 20 Staffeln. In Deutschland waren davon nur 228 zu sehen, und zwar die in Farbe. Und ich glaube, ich habe sie alle gesehen. Herrliche Titel trugen sie wie „Pelze, Partner und Patronen“ oder „Schienenstrang und harte Fäuste“. Mal trug der Marshal ein blaues Hemd, mal ein rotes, immer eine braune Lederweste und einen leicht zerbeulten Hut und natürlich den Colt allzeit bereit im etwas schief sitzenden Patronengürtel.

Für den Kampf gegen die Ganoven standen ihm erst Chester B. Goode (Dennis Weaver), später der erfahrene, egozentrische Festus Haggen (gespielt von dem Countrysänger Ken Gurtis) als Deputies zur Seite. Wobei Festus einfach so liebenswert war mit seinem zerknitterten Gesicht und seiner innigen Freundschaft mit einem störrischen Muli, dass er allein deshalb schon zu meinem Held wurde.

Dieses Maultier hieß im Original Ruth. Zunächst auch in der deutschen Synchronfassung, doch da die Serie erst von der ARD synchronisiert und gesendet wurde, dann aber zum ZDF und noch später zu den Privatsendern wechseln sollte, wurde immer wieder neu synchronisiert und munter umbenannt. Aus Ruth wurde erst Grete und später Klaus-Dieter.

Marshal Matt Dillon war ein aufrechter Kämpfer für Recht und Ordnung, ein cholerischer Haudrauf war er nie. Eher ein feinsinniger Idealist, der sich den bösen Buben auch mal mit sozialpädagogischen Mitteln näherte. Nie floss zu viel Blut. Jede Folge ging gut aus. Und am Ende konnte ich mit einem befriedigten Gerechtigkeitsgefühl schlafen gehen.

Schön waren auch die Nebenfiguren. „Doc“ Adams (Milburn Stone), der immer ganz in Schwarz mit seinem Arztköfferchen unterwegs war. Und eine unglückliche Liebe gab es natürlich auch. 19 Jahre lang schmachtete die rothaarige Besitzerin des Saloons „Long Branch“, Miss Kitty (Amanda Blake), den Marshal an. Vergebens. Zum Happy End kam es nie. Was kaum jemand weiß, auch spätere Superstars wie Harrison Ford, Jodie Foster oder Richard Dreyfuss lieferten hier ihre ersten schauspielerischen Gehversuche ab. Ein gewisser Burt Reynolds bewährte sich als Hufschmied Quint Asper.

Irgendwann bin ich den „Rauchenden Colts“ dann doch untreu geworden. So genau weiß ich heute gar nicht mehr, weshalb. Ach ja, dann kam „Bonanza“.

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