TV-Tipp

Wenn das Alter zur Armutsfalle für Betroffene wird

Die Dokumentation „45 Min – Kostenfalle Pflege“, die der NDR am Montagabend zeigt, beleuchtet ein gewaltiges Problem: das unterfinanzierte deutsche Pflegesystem.

Hamburg Ein langwieriger Krankenaufenthalt sollte das Leben zweier Hamburgerinnen dramatisch verändern. Helga Lampe, zu dem Zeitpunkt noch berufstätig, sollte eigentlich nur am Bein operiert werden. Ein Routineeingriff. Doch es gab Komplikationen, am Ende wäre sie fast gestorben. Im Verlauf eines halben Jahres war aus der rüstigen, lebenslustigen Frau ein Pflegefall geworden. Für ihre Tochter Renate Ziegler war klar, dass sie ihrer Mutter beisteht, dass ein Pflegeheim nicht in Frage kommt. Aus Wochen wurden Monate, aus Monaten fünf Jahre.

Die selbstständige Heilpraktikerin hat alles verloren. Ihre Praxis, ihren Beruf und schließlich auch ihre Wohnung. Die wenigen Hundert Euro, die vom Pflegegeld für die demente Mutter übrig bleiben, reichen hinten und vorne nicht zum Leben. Renate Ziegler lebt mittlerweile als Hartz-IV-Empfängerin in der Wohnung ihrer Mutter, in ihrem alten Kinderzimmer. Ihren emotionalen Zustand beschreibt die 50-Jährige als Wechselbad von „Stress und Schuldgefühlen“. Denn ihr sozialer Abstieg quält Renate Ziegler, nach so langer Zeit will sie unbedingt wieder arbeiten, eine eigene Wohnung haben. Das würde allerdings bedeuten, ihre Mutter doch in einem Pflegeheim unterzubringen. Hin- und hergerissen zwischen Selbstaufgabe und dem Gefühl, einen geliebten Menschen einer ungewissen Zukunft in einer Pflegeinstitution auszuliefern. Von den Behörden gepiesackt und allein gelassen.

In Deutschland kommen 2,5 Millionen Menschen nicht mehr allein zurecht. Zwei von drei Pflegefällen werden rund um die Uhr zu Hause betreut. Es ist längst keine Seltenheit mehr, dass pflegende Angehörige in Hartz IV abrutschen. Obwohl sie dem Staat Milliarden ersparen, werden Menschen wie Angela Ziegler von der Gesellschaft im Stich gelassen.

Die Hamburger Filmemacher Carsten Rau und Hauke Wendler, die vor zwei Jahren deutschlandweit mit ihrer bewegenden Dokumentation „Wadim“ über den Freitod eines abgeschobenen jungen Letten für Aufsehen gesorgt haben, wenden sich in ihrer neuen Produktion einem Thema zu, das Experten schon lange als eines der größten Probleme der Republik einstufen: Pflegebedürftigkeit als Armutsfalle für alte Menschen und ihre Kinder.

Ein Jahr lang haben Rau und Wendler an ihrem Dokumentarfilm „45 Min – Kostenfalle Pflege“ gearbeitet, der am heutigen Montag im NDR läuft. Neben dramatischen Einzelfällen wie dem von Renate Ziegler wird das kollabierende deutsche Pflegesystem beleuchtet, eine Angehörigen-Initiative in Bremen vorstellt und der Alltag in der vorbildlichen Tagespflege „Lichtblick“ im Hamburger Stadtteil Poppenbüttel skizziert.

Viermal die Woche wird Helga Lampe morgens von dem hauseigenen „Lichtblick“-Fahrdienst abgeholt. Fröhlich steigt die alte Dame mit ihren zwei „Schutzengeln“ die Treppe hinab. Sie fühlt sich rundum wohl in dem 500 Quadratmeter großen, liebevoll eingerichteten Einfamilienhaus mit dem weitläufigen, parkähnlichen Garten, wo maximal 15 Senioren gleichzeitig in Kleingruppen betreut werden. Erfahrene Betreuer arbeiten in den Gruppen an der Förderung und dem Erhalt noch vorhandener Fähigkeiten mittels Physiotherapie und Gedächtnistraining, gemeinsame Mahlzeiten, Spaziergänge und Tagesausflüge runden das Wohlfühlprogramm im „Lichtblick“ ab.

Wenn ihre Mutter spätnachmittags nach Hause gebracht wird, hat Renate Ziegler die Wohnung wieder in Ordnung gebracht, Besorgungen erledigt, das Abendessen vorbereitet, ganz zu schweigen von der dringend nötigen Verschnaufpause. Angehörige von Demenzkranken sind auf sich allein gestellt der Dauerbelastung im Alltag – das Gewühle, die zunehmende Hilflosigkeit, die dauernden Wiederholungen – kaum gewachsen.

Doch nicht nur der Ausbau von Tagespflege-Institutionen, Angehörigen-Initiativen, neuer Wohn- und Betreuungsformen tut not, ganz besonders ist die Politik in Zugzwang, endlich das Pflegesystem zu reformieren. Seit Einführung der Pflegeversicherung stagnieren die Leistungen, gleichzeitig sind die Kosten drastisch gestiegen. Hat ein Platz in einem Pflegeheim 1999 noch 2500 Euro gekostet, sind es heute je nach Bundesland 3000 bis 4000 Euro. Die Differenz zahlt der Pflegebedürftige oder seine Familie.

„Meine Mutter war immer eine sparsame Frau“, erzählt Rainer Schuck. „Von ihrer kleinen Rente hatte sie 35.000 Euro zur Seite gelegt. Doch nach zweieinhalb Jahren im Heim ist das Geld aufgebraucht.“ Nun soll der Vater dreier Kinder, der zudem seine Schwiegermutter bei sich zu Hause aufgenommen hat, Unterhalt für seine Mutter zahlen.

Mittlerweile hat jeder dritte Deutsche Angst, im Alter ein Pflegefall zu werden. Wie bitter in einem Wohlstandsstaat wie Deutschland!

45 Min – Kostenfalle Pflege Mo 22 Uhr NDR